[London] 22. Januar 72
Mein lieber Doktor,
Ich fürchte, Ihr Plan für die Flüchtlinge ist unausführbar. Unter dem geringsten Vorwand würde man sie den Henkern von Versailles ausliefern. Ja, sogar hier in England hat das Ministerium insgeheim an der Vorbereitung eines Gesetzes über ihre Auslieferung gearbeitet. Wenn es nicht soweit kommt, so ist das einfach der Tatsache zu verdanken, daß, sobald die Absicht der Regierung entdeckt worden war, man sie sofort dem englischen Volk bekanntgab; es ist jetzt gewarnt und wird daher gerüstet sein und nicht folgsam zusehen, wie sein Land durch eine solche Tat erniedrigt wird. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen erzählt habe, daß Papa durch einen seiner Bekannten, der mit dem Innenministerium zu tun hat, als erster Nachricht über die Vorhaben der Regierung erhielt und sie sofort im Generalrat bekanntgab, worauf die Nachricht in der „Eastern Post“ veröffentlicht wurde. Und noch angesichts solcher augenfälligen Beweise der absoluten Notwendigkeit einer politischen und diplomatischen Wirksamkeit des Generalrats setzt die elende Intrigantenbande, die sich selbst Internationale nennen, unermüdlicher denn je ihre Wühlarbeit gegen den Rat fort. Sie werden gesehen haben, daß sie auf dem belgischen Kongreß bereits die ersten Früchte ihrer Intrigen geerntet haben. Sie haben eine Resolution angenommen, deren Zweck es ist, aus dem Generalrat ein bureau de renseignement1 zu machen. De Paepe, der dem Rat einige Zeit vor dem belgischen Kongreß geschrieben hatte und dessen Brief ich Ihnen mitteilte, hat sich gänzlich geirrt in seiner Einschätzung der Lage!
In London macht Bradlaugh alle schmutzige Arbeit, zusammen mit seinem Zuträger Le Lubez. Um ihre Ziele zu erreichen, schrecken sie vor den niederträchtigsten Mitteln nicht zurück. Herrn Bradlaughs letztes Hilfsmittel bestand im Verbreiten der Nachricht, Karl Marx sei ein Polizeiagent. Doch anstatt auf Einzelheiten dieser Angelegenheit einzugehen, werde ich Ihnen die Nummern der „Eastern Post“ mit der Korrespondenz darüber schicken.
Papa hat schon mehr als die Hälfte seines Buches an Meißner geschickt. Im ersten Kapitel hat er große Änderungen gemacht, und was wichtiger ist, er selbst ist mit diesen Änderungen zufrieden (was nicht oft vorkommt). Die Arbeit, die er in den letzten paar Wochen geleistet hat, ist unermeßlich, und es ist wirklich ein Wunder, daß seine Gesundheit (sie ist immer noch gut) nicht darunter gelitten hat.
Entre nous2, mein lieber Freund, nach meiner Meinung hat sich Meißner Papa gegenüber sehr schlecht benommen – anstatt ihn zu zwingen, all diese Arbeit im letzten Augenblick zu machen, hätte er ihn über die bevorstehende Veröffentlichung einer zweiten Auflage mindestens vier Monate vorher informieren und ihm somit Zeit lassen sollen.
Unglücklicherweise ist Papa jetzt gezwungen, ebenfalls das erste Kapitel für den französischen Übersetzer vorzubereiten, der die Arbeit sofort beginnen muß, denn Lafargue hat einen erstklassigen französischen Verleger gefunden, dem sehr daran liegt, „Das Kapital“3 zu veröffentlichen. Der Übersetzer ist nicht Keller, der verhindert ist, seine Übersetzung fortzusetzen, weil er mit einer anderen Arbeit beschäftigt ist.
Charles Longuet, ein Ex-Mitglied der Kommune, hat einen anderen Übersetzer dafür gefunden – er heißt, glaube ich, Leroy4 – der mehrere Werke Feuerbachs mit viel Geschick übersetzt hat. Es soll ihm gelungen sein, zum großen Teil die deutschen Gedankengänge in der regelgebundenen, formellen französischen Sprache wiedergegeben zu haben – keine leichte Aufgabe. Das Buch soll in Lieferungen erscheinen – ich glaube in dreißig.
Ich darf nicht vergessen, Ihnen mitzuteilen, daß Lafargue wieder von der Polizei belästigt und gezwungen gewesen ist, San Sebastian zu verlassen; er ist jetzt in Madrid. Laura ist also mit dem Kind5 allein in einem fremden Lande. Wir können uns nicht vorstellen, unter was für einem Vorwande Lafargue wieder ausgewiesen worden ist, denn die Internationale, für die er Sektionen gründet, wird im Augenblick in Spanien nicht verfolgt.
Da ich diesen Brief heute zur Post bringen möchte, muß ich jetzt Abschied von Ihnen nehmen. In der Hoffnung, bald den lang versprochenen Brief von Trautchen zu erhalten, und mit meinen freundlichsten Grüßen an sie und Fränzchen verbleibe ich, mein lieber Doktor
Ihre sehr getreue
Jenny Marx
Nicht nur in Deutschland gehen Bücher, Zeitungen und Briefe fortwährend verloren. Ich weiß nicht, ob dies die Schuld der sogenannten Straßen-Briefkästen ist. Das nächste Mal, wenn ich etwas schicke, werde ich es zum Postamt bringen.
Der Moreau ist zweifellos ein Polizeiagent, der sich eifrig bemüht, die Porträts der Kommunisten zu erhalten.
Aus dem Englischen.