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Eleanor Marx an Wilhelm Liebknecht
in Leipzig

[London] 1, Maitland Park Road
29.Dez. 71

Mein lieber alter Library,

Vermutlich werden Sie sehr erstaunt sein, einen Brief von mir zu erhalten, aber Papa ist so beschäftigt, daß er seine Sekretärin beauftragt hat, für ihn zu antworten. Ehe ich also über etwas anderes spreche, muß ich Ihnen seine Botschaft übermitteln. Mohr sagt, er ist so beschäftigt gewesen, daß er Ihre Fragen nicht eher beantworten konnte – und was Biedermann angeht, so brauchten Sie nur Ihre Übersetzung des Beschlusses Nr. 9 „Politische Wirksamkeit der Arbeiterklasse“1 im „Volksstaat“ mit dem, was er sagt, zu vergleichen, um zu sehen, daß die seine nur eine Polizei-Ausgabe davon war. Überdies hat keine zweite Konferenz stattgefunden.

Nachdem diese Sache erledigt ist, wollen wir uns wieder uns selbst zuwenden.

Zweifellos denken Sie, daß ich Sie nach all diesen Jahren vergessen habe. Ich kann versichern, daß dies keineswegs der Fall ist. Ich erinnere mich genau, sowohl an Sie als auch an Alice – zumindest an Alice, wie sie war, jetzt wird sie sich natürlich sehr verändert haben. Sie würde ich überall erkennen, obgleich ich überzeugt bin, daß Sie mich gar nicht erkennen würden. Personen, die mich erst vor zwei oder drei Jahren gesehen haben, kennen mich kaum wieder. Ich würde Alice und auch Sie so gern wiedersehen. Wir erwarteten bestimmt, Sie auf der Konferenz zu sehen, und ich war sehr enttäuscht, als Sie nicht kamen.

Sie haben vermutlich von Jennys und meinen Abenteuern in Frankreich gehört, davon, daß wir verhaftet und von M. le Préfet Kératry et M. le Procureur général Delpech2 ins Kreuzverhör genommen wurden. Jenny und ich wurden auf der Rückreise von Bosost, einem kleinen Dorf in Spanien (wohin wir Laura und ihren kleinen Jungen3 begleitet hatten, die dort einige Tage bei Lafargue bleiben wollten, der dorthin gegangen war, um nicht verhaftet zu werden), an der französischen Grenze verhaftet und von 24 Polizisten über die Pyrenäen direkt von Fos nach Luchon gebracht, wo wir unser Quartier hatten. Dort angekommen, wurden wir vor Herrn de Kératrys Haus gefahren, mußten in einem offenen Wagen mit zwei Polizisten uns gegenüber und mit der Himmel weiß wie vielen um uns herum, dreiviertel Stunden vor der Tür warten, und wurden dann zu unserem Haus gebracht. Es war Sonntagabend und jedermann draußen auf der Straße. Vor unserem Hause fanden wir die Polizei, die am Morgen das Haus von unten bis oben durchsucht und unsere arme Wirtin und unser Mädchen, die allein im Hause waren, sehr schlecht behandelt hatten. Kératry hatte sie schon in Kreuzverhör genommen, und man teilte uns mit, daß er jeden Moment kommen würde, um mit uns das Gleiche zu tun. Endlich kam er, denn er hatte den Park nicht eher verlassen wollen, bis die Kapelle zu spielen aufhörte. Unser Zimmer war schon voller Polizisten, Spitzel und Agenten jeder Sorte, als der Préfet Kératry eintraf, begleitet von Delpech, procureur général, einem juge de paix4, einem juge d’instruction5, dem procureur de la république6 etc. Ich wurde mit dem Commissaire de Toulouse und einem Polizisten in ein Nebenzimmer geschickt, und Jennys Verhör begann, es war gegen 10 Uhr. Sie verhörten sie über zwei Stunden, aber vergeblich, denn sie erfuhren nichts von ihr. Dann kam ich an die Reihe. Kératry erzählte mir schändliche Lügen. Er erhielt von mir ein oder zwei Antworten, nachdem er auf Jennys Erklärung verwies und mir zu verstehen gab, sie habe das und das ausgesagt. Da ich fürchtete, ihr zu widersprechen, sagte ich: „Ja, so ist es.“ Das war ein schmutziger Trick, nicht wahr? Jedoch hörte er bei alledem herzlich wenig. Am nächsten Tage, als sie wiederkamen, verweigerten wir, den Eid zu leisten. Zwei Tage später kam Kératry und sagte, er würde am Abend Befehl zu unserer Freilassung geben (wir wurden von Polizei bewacht). Statt dessen wurden wir in eine „Gendarmerie“ abgeführt, und dort verbrachten wir die Nacht. Am nächsten Tage wurden wir jedoch freigelassen, obwohl wir in Wirklichkeit nicht einen Schritt tun konnten, ohne beobachtet zu werden, außerdem konnten wir unseren englischen Paß nicht zurückbekommen. Schließlich erhielten wir alles und trafen endlich in London ein. Laura machte in Bosost ziemlich die gleichen Abenteuer durch, wenn auch nicht ganz so schlimm wie wir, denn sie war in Spanien. Es scheint, daß Kératry nach dem ersten Abend alles tat, was er konnte, um uns freizubekommen, aber Thiers wünschte, daß wir gefangengehalten würden. Sehr amüsant waren die Torheiten, die Kératry und die Polizei begingen – sie schauten z.B. in die Matratzen nach Bomben und dachten, daß die Lampe, in der wir die Milch für das arme kleine Baby gewärmt hatten, das gestorben ist, voller „Petroleum“ sei! Und alles das, weil Lafargue Mohrs Schwiegersohn ist, denn Lafargue hat überhaupt nichts getan.

Hier sind sehr viele Kommune-Mitglieder, und die armen Flüchtlinge leiden entsetzlich – keiner von ihnen hat etwas Geld, und Sie können sich nicht vorstellen, wie schwierig es für sie ist, Arbeit zu bekommen. Ich wünschte, sie hätten ein paar von den Millionen genommen, die sie, wie man sie beschuldigt, gestohlen haben sollen.

Nun, mein lieber alter Freund, leben Sie wohl! Küssen Sie alle zu Hause in meinem Auftrag, besonders Alice, und empfangen Sie alle unsere besten Wünsche für das Neue Jahr. Ich muß mich wegen meiner schrecklichen Schrift entschuldigen, aber ich habe eine so erbärmliche Feder und fast keine Tinte mehr.

Noch einmal: „Glückliches Neues Jahr!“
Ich verbleibe herzlich

Ihre
Tussy

Aus dem Englischen.