Verzeichnis der Beilagen

A. Drei Briefe
von Friedrich Engels an Carlo Cafiero
nach Abschriften von Übersetzungen ins Italienische

Von den in diesen Beilagenteil aufgenommenen Briefen Engels’ an Carlo Cafiero vom 1., 16. und 28. Juli 1871 besitzen wir keine Handschriften. Sie wurden von der Polizei beschlagnahmt, als Cafiero sich im August 1871 in Haft befand. Cafiero hatte Engels am 12. Juni 1871 gebeten, ihm englisch zu schreiben, weil diese Sprache in Italien relativ unbekannt sei und deswegen vor möglichen Indiskretionen schützen könnte. Die beschlagnahmten Briefe wurden im Auftrage der Polizei ins Italienische übersetzt und diese Übersetzungen den Akten über die neapolitanische Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation beigefügt. Alle drei tragen die Aufschrift: „Brief von Engels, bei Herrn Carlo Cafiero beschlagnahmt. Übersetzung aus dem Englischen. Kopie“.

Diese Kopien wurden von dem italienischen Historiker Aldo Romano 1946 im Staatlichen Archiv von Neapel in den Akten der Präfektur aufgefunden. Er veröffentlichte sie faksimiliert in seiner „Storia del movimento socialiste in Italia“, Vol. II, Milano-Roma, 1954. Über den Verbleib der Originale ist uns bisher nichts bekannt. Unserer Veröffentlichung liegt dieser Faksimiledruck zugrunde.

Dem Übersetzer der Polizei sind teils aus sachlicher Unkenntnis, teils wegen unzulänglicher Sprachkenntnisse viele grobe Fehler unterlaufen, die den ursprünglichen Text entstellen. Das Fehlen einzelner Buchstaben und Wörter sowie ganzer Satzteile läßt auch die Annahme zu, daß Übersetzer und Kopist des Textes nicht identisch gewesen sind. Falsche bzw. unklare Wörter und Passagen berichtigen wir in Fußnoten oder Anmerkungen, soweit die Kenntnis der Fakten unter Hinzuziehung anderer Engelsbriefe, der Arbeiten, die Engels in dieser Zeit geschrieben hat, sowie der uns vorliegenden Briefe Carlo Cafieros an Engels vom 12. und 28. Juni und 12. Juli 1871 eine eindeutige Auslegung gestatten. Falsch geschriebene Namen und Zeitungstitel sowie ganz offensichtliche Lesefehler (z.B. englisch admission als administration) wurden stillschweigend berichtigt.

1
Engels an Carlo Cafiero
in Barletta

London, 1.[-3.] Juli 1871

Mein lieber Freund,

Ich hoffe, daß Sie das Exemplar der Adresse des Generalrats über den Bürgerkrieg in Frankreich1 erhalten haben, das ich an die Adresse in Florenz sandte, die Sie mir überlassen hatten. Ein anderes Exemplar werde ich Ihnen in ein oder zwei Tagen nach Barletta schicken, der größeren Sicherheit wegen ebenfalls in Form eines Briefes.

Ich habe mich sehr über Ihren Brief aus Barletta gefreut, den ich früher beantwortet hätte, doch die Adresse hat uns eine Menge Arbeit gemacht, da sie von der Presse wütend angegriffen wurde und wir verschiedenen Zeitungen antworten mußten. – Ich bin auch dabei, sie für unsere Zeitung in Leipzig („Volksstaat“) ins Deutsche zu übersetzen. Eine holländische Übersetzung wird in der „Toekomst“ („Die Zukunft“) in Den Haag veröffentlicht. Wenn Sie die Herausgabe einer italienischen Übersetzung besorgen könnten, würde Sie das in Ihrer Propaganda materiell sehr unterstützen, da die italienischen Arbeiter damit rasch ein Mittel in die Hand bekämen, um die Meinungen des Generalrats, die Prinzipien und die Aktionsweise unserer Association kennenzulernen.

Nach reiflicher Überlegung halte ich es für angebracht, zwei Exemplare unserer Adresse an Castellazzo nach Florenz zu senden und ihn zu bitten, Ihnen eins davon in einem Brief zu schicken. – Bei dieser Gelegenheit werde ich mit ihm Korrespondenz aufnehmen, die ich regelmäßig aufrechterhalten werde. Sie müssen entschuldigen, daß ich ihm nicht früher geschrieben habe, aber außer mit Italien habe ich die Korrespondenz mit Spanien und Belgien zu führen. Nun zu Neapel und Caporusso, letzterer hat einem unserer Kongresse beigewohnt, jedoch niemals eine reguläre Korrespondenz mit dem Rat unterhalten, und um dies zu erklären, muß ich auf einige historische Details eingehen. – Caporusso und seine Freunde waren Anhänger der Sekte des Russen Bakunin. Bakunin hat seine eigene Theorie, ein Gemisch von Kommunismus und Proudhonismus. Die Absicht, diese zwei Theorien in eine zu vereinen, beweist Ihnen, daß er absolut nichts von politischer Ökonomie versteht. Er hat von Proudhon unter anderen Phrasen die von der Anarchie „als dem Endzustand der Gesellschaft“ übernommen und ist nichtsdestoweniger gegen alle politischen Aktionen der Arbeiterklasse, da sie den politischen Zustand der Dinge anerkennen würden, und außerdem sind seiner Meinung nach alle politischen Akte „autoritär“. In welcher Weise er hofft, daß die gegenwärtige politische Unterdrückung und die Tyrannei des Kapitals gebrochen werden sollen, und wie er seine Lieblingsideen über die Abschaffung der Erbschaft2 ohne „autoritäre Akte“ verwirklichen will, erklärt er nicht. – Als in Lyon im September 1870 der Aufstand ausgebrochen war, dekretierte er im Hôtel de ville3 die Abschaffung des Staates, ohne jedoch irgendwelche Maßnahmen gegen die Bourgeois-Nationalgarden zu treffen, die sich in aller Ruhe ins Hôtel de ville begaben, Bakunin davonjagten und in weniger als einer Stunde den Staat wiederherstellten. Immerhin hat Bakunin mit seinen Theorien eine Sekte gebildet, der ein kleiner Teil französischer und Schweizer Arbeiter, viele der Unsrigen in Spanien und einige in Italien, darunter Caporusso und seine Freunde, angehören: so macht Caporusso seinem Namen Ehre – er hat als capo4 einen Russen. –

Nun, unsere Association ist gegründet, um den in den verschiedenen Ländern bestehenden Arbeitergesellschaften zentrale Mittel der Verbindung und des Zusammenwirkens zu geben und auf das gleiche Ziel zuzustreben, wie zum Beispiel Schutz, Fortschritt und die vollständige Emanzipation der Arbeiterklasse (1. Artikel der Association). Da die besonderen Theorien Bakunins und seiner Freunde diesem Artikel entsprechen, gab es keinen Einwand dagegen, sie als Mitglieder aufzunehmen und ihnen zu erlauben, das zu tun, was sie können, um ihre Ideen mit jedem geeigneten Mittel zu propagieren. Wir haben in unserer Association Leute jeder Art: Kommunisten, Proudhonisten, Unionisten, Handels-Unionisten5, Genossenschaftler, Bakunisten usw., und selbst in unserem Generalrat haben wir Männer mit sehr unterschiedlichen Anschaungen.

In dem Augenblick, da die Association eine Sekte werden würde, wäre sie verloren. – Unsere Kraft besteht in der breiten Auslegung des ersten Artikels, das heißt, daß alle Menschen, die aufgenommen werden, die vollständige Emanzipation der Arbeiterklasse erstreben. Leider waren die Bakunisten bei der Engstirnigkeit, die allen Sekten gemeinsam ist, damit nicht zufrieden. Der Generalrat bestand ihrer Meinung nach aus Reaktionären, das Programm der Association war zu unbestimmt. Atheismus und Materialismus (den Bakunin selbst erst von uns Deutschen gelernt hatte) sollten obligatorisch werden; die Abschaffung der Erbschaft und des Staates usw. sollten zu unserem Programm gehören. – Nun sind aber Marx und ich fast ebenso alte und gute Atheisten und Materialisten wie Bakunin, und so sind es auch fast alle unsere Mitglieder; daß die Erbschaft eine Unsinnigkeit ist, wissen wir ebensogut wie er, auch wenn wir in bezug auf die Wichtigkeit und die Nützlichkeit, ihre Abschaffung als die Befreiung von allem Übel hinzustellen, anderer Meinung sind als er, und die „Abschaffung des Staates“ ist eine alte Phrase der deutschen Philosophie, von der wir viel Gebrauch gemacht haben, als wir noch einfältige Jünglinge waren. Doch das alles in unser Programm aufzunehmen würde bedeuten, unzählige unserer Mitglieder von uns abzustoßen und das europäische Proletariat zu spalten, statt es zu einigen. – Als die Bemühungen, der Internationale das bakunistische Programm aufzudrängen, gescheitert waren, wurde der Versuch gemacht, die Association auf einen indirekten Weg zu treiben6. Bakunin bildete in Genf die „Allianz der sozialistischen Demokratie“, die eine von unserer eigenen getrennte internationale Association sein sollte. – Die „radikalsten Geister“ unserer Sektionen, die Bakunisten, sollten überall Sektionen dieser Allianz bilden, und diese Sektionen sollten einem besonderen Generalrat in Genf (Bakunin) unterstehen und besondere nationale Räte gegenüber den unseren besitzen, und an unserem allgemeinen Kongreß sollte die Allianz vormittags teilnehmen und nachmittags einen eigenen getrennten Kongreß abhalten. – Dieser feine Plan wurde dem Generalrat im November 1868 unterbreitet, doch der Generalrat lehnte am 22. Dezember 1868 diese Regeln als den Statuten unserer Association zuwiderlaufend ab und erklärte, daß die Sektionen der Allianz nur einzeln zugelassen werden könnten und daß sich die Allianz entweder auflösen oder aufhören müßte, der Internationale anzugehören. Am 9. März 1869 teilte der Generalrat der Allianz mit, daß „il n’existe pas section de l’Alliance en sections de l’Association Internationale des Travailleurs. Si la dissolution et l’entrée des sections dans l’Internationale étaient définitivement décidées, il deviendrait nécessaire d’après nos règlements, d’informer le Conseil sur les résidences et la force numérique de chaque nouvelle section“.7 Diese Bedingungen wurden niemals genau erfüllt, die Allianz als solche wurde jedoch überall mißbilligt, außer in Frankreich und der Schweiz, wo sie schließlich die Spaltung herbeiführte, als zirka 1000 Bakunisten – weniger als ein Zehntel unserer Leute – sich aus der französischen und Schweizer Föderation8 zurückzogen, und sie sind nun vor den Rat geladen9, um als eine separate Föderation anerkannt zu werden, dem sehr wahrscheinlich der Rat keine Hindernisse bereiten wird.6 Daraus sehen Sie, daß das Hauptergebnis der Tätigkeit der Bakunisten gewesen ist, Spaltung in unseren Reihen zu schaffen. – Niemand legte ihrem besonderen Dogma etwas in den Weg, doch sie waren damit nicht zufrieden, sie wollten kommandieren und ihre Lehren allen unseren Mitgliedern aufzwingen. – Dem haben wir uns widersetzt, wie es unsere Pflicht war, und wenn sie einverstanden sein werden, ruhig an der Seite unserer anderen Mitglieder zu bleiben, haben wir weder das Recht noch den Willen, sie auszuschließen. Es bleibt jedoch die Frage, ob man solche Elemente in den Vordergrund stellen soll, und wenn wir die italienischen Sektionen gewinnen können, die nicht von diesem besonderen Fanatismus durchdrungen sind, werden wir sicher besser zusammenarbeiten können. Auf Grund der Lage, die Sie in Neapel vorgefunden haben, können Sie dies selbst beurteilen. Das Programm, das in dem gegen uns gerichteten Rundschreiben von Jules Favre als Programm der Internationale angeführt wird, ist in Wirklichkeit ein bakunistisches Programm, und zwar das oben erwähnte. Unsere Antwort an Favre werden Sie in der Londoner „Times“ vom 13. Juni finden.

Mazzini versuchte 1864 unsere Association zu seinen Zwecken umzuformen und scheiterte dabei. Sein Hauptwerkzeug war ein Garibaldianer, Major Wolff (sein wahrer Name ist Fürst von Thurn und Taxis), der jetzt von Tibaldi als ein Spitzel der französischen Polizei entlarvt worden ist. Als M[azzini] sah, daß ihm die Internationale nicht als Werkzeug dienen konnte, griff er sie sehr heftig an und benutzte jede Gelegenheit, um sie zu beschimpfen. Doch wie Sie sagen, die Zeit ist rasch weitergegangen, und Gott und Volk ist nicht mehr die Losung der italienischen Arbeiterklasse.

Es ist uns wohlbekannt, daß das System der Pächter oder métayers10 seit den Römern bis auf unsere Zeit die Grundlage der agrarischen Produktion in Italien geblieben ist. Dieses System gibt zweifellos im allgemeinen dem Pächter gegenüber dem Proletarier eine größere politische Unabhängigkeit als diejenige, welche hier dem Pächter gestattet ist. – Wenn wir jedoch Sismondi und den neueren Schriftstellern in dieser Frage glauben wollen, so ist die Ausbeutung der Pächter durch die Grundbesitzer in Italien ebenso groß wie überall, und die schwersten Lasten tragen die untersten Schichten der Bauern. In der Lombardei, wo die Güter ausgedehnt sind, standen sich die Pächter, als ich dort war, ziemlich gut, es gab aber noch eine gewisse Klasse von Landproletariern, die von den Pächtern ausgenutzt wurden, die die wirkliche Arbeit machten und keinen Nutzen aus diesem System zogen. In den anderen Gegenden Italiens, wo es weniger Pächter gibt, schützt sie das System der métayers, soweit ich es aus der Ferne beurteilen kann, nicht vor dem gleichen Elend, der gleichen Unwissenheit und Entwürdigung, die das Schicksal der kleinen Pächter in Frankreich, Deutschland, Belgien und Irland sind. – Unsere Politik gegenüber der Landbevölkerung ist im allgemeinen natürlich folgende gewesen: Wo es ausgedehnte Güter gibt, da ist der Pächter gegenüber dem Landarbeiter der Kapitalist, und dort müssen wir für den Landarbeiter eintreten; wo es kleine Güter gibt, da ist der Pächter, auch wenn er ein kleiner Kapitalist oder Eigentümer ist (wie in Frankreich und in einem Teil Deutschlands), jedoch in Wirklichkeit allgemein in dasselbe Elend gesunken wie der Proletarier, und dann müssen wir für ihn arbeiten. – Zweifellos muß es in Italien ebenso sein. Der Generalrat wäre Ihnen jedoch sehr verbunden, wenn Sie ihn darüber informierten, ebenso über die jüngste Gesetzgebung in Italien in bezug auf die Eigentumsverhältnisse auf dem Lande und über andere soziale Fragen.

Nach vielen Unterbrechungen beende ich diesen Brief am 3. Juli. Ich bitte Sie nur, so gut zu sein, mir gleich zu antworten. An Cast[ellazzo] schreibe ich heute.

Ihr ergebenster
gez. F. Engels

Aus dem Italienischen.