26. Juli 73, London
Lieber Sorge,
Gestern telegraphierte ich, Preis £ 1.16:
Engels to Sorge, Box 101, Hoboken, New York.
Serraillier yes.
Schicke also sofort Instruktion und Material an S[erraillier], damit dieser einige Zeit hat, sich hineinzuarbeiten und nicht mit ungelesenen Papieren erscheint. Ditto das Geld.
Weder Marx noch ich hätten die Sache übernehmen können, ohne daß das alte Geschrei wieder losgegangen wäre: da sieht man’s, es ist immer M[arx], der dahintersteht und die New-Yorker nur vorgeschoben hat! Es hat mir Mühe gekostet, Serr[aillier] zu überreden, er hat endlich eine Position gefunden, die ihn anständig ernährt und mußte sich erst nach dieser Seite hin decken, daher 3 Tage Zeitverlust.
Kongreßberufung an Bignami geschickt, der wieder frei ist. Auch an Serr[aillier] mitgeteilt, der aber, wie schon gesagt1, keine Korrespondenten mehr in Frankreich hat.
Per heutige Post gehn 2 Pakete à 16 Stück Kongreßbeschlüsse2 an Dich ab. Hättest sie längst haben können auf Verlangen. Aber da Ihr keine französischen Sektionen hattet, hielt ich die gesandten für den Gebrauch des Generalrats für genügend. – Nach Buenos Aires sind 8 oder 10 abgegangen.
Geld habe ich noch keins erhalten.
Der „Int[ernational] Herald“ mit der englischen Übersetzung der Kongreßbeschlüsse ist nicht mehr aufzutreiben. Außerdem ist Riley abgefallen und ins republikanische Lager übergegangen, und die Berichte des Federal Councils stehn jetzt wieder in der „Eastern Post“, zum großen Ärger von Jung und Hales, deren Organ dies Blatt bis zum Manchester Kongreß war; der Kongreß aber machte sie tot. Daher habe ich den „Int. H.“ für Meyer3 nicht bestellt.
Die französische Mandatserklärung ist nach Italien, Portugal und Spanien abgegangen.
Mandate von dort werden M[arx] und mir willkommen sein. Wir werden wohl gehn müssen, aus verschiedenen Gründen, blieben natürlich lieber hier.
M[arx] wird die Lieferungen des „Kapital“ nachsenden, wenn nicht schon geschehn. Von der französischen Übersetzung sind 4 Lieferungen heraus, der Verleger4 hat Angst, es möchte unter der jetzigen Pfaffenregierung konfisziert werden, und nicht mit Unrecht, daher das langsame Erscheinen.
Aufnahme von Trades Unions war verschieden. Manche zahlten 1 d. per Mitglied, andre eine Pauschsumme, bei andern trat bloß der Central Council direkt bei und zahlte eine Pauschsumme. Laut dem betreffenden Statutenartikel wurde die Affiliation durch einfachen Beschluß genehmigt und ihnen ein Zertifikat darüber ausgestellt. – Für 1 sh. konnten sie eine illustriert gedruckte, an die Wand zu hängende Ausfertigung davon erhalten.
Das „Demokr[atische] Taschenbuch“ und „Geheimnisse von Europa“ wären vielleicht zu haben, wenn nähere Auskunft über Zeit und Ort des Erscheinens angegeben, die Bücherlexika reichen nicht so weit und in den Hinrichskatalogen 20 Halbjahrgänge durchzusehn, um die Sachen schließlich nicht zu finden (was bei dieser Art Bücher nur zu wahrscheinlich), geht kaum an.
Das Genfer Geld hab’ ich noch immer in der Tasche wegen der unmöglichen Instruktionen, an die Ihr mich gebunden. Nämlich, wie eine Adresse finden für Gelder für Witwen und Waisen der Kommune? Diesen Teil des Geldes muß ich entschieden zu Eurer Disposition halten, da wir den Auftrag platterdings nicht ausführen können. Ich würde vorschlagen, es Serraillier zu überweisen mit Auftrag, es möglichst für den angegebenen Zweck, sonst aber überhaupt für Kommuneflüchtlinge zu verwenden. Oder aber es der Internationale zu überweisen, die es sicher brauchen kann. – Die hier noch nicht untergebrachten Flüchtlinge sind nicht viel wert. Ich werde 10 sh. nach Genf schicken. Den Rest zu Eurer Verfügung.
Oberwinder.5 Wir sind ganz Deiner Ansicht, soweit wir nach den veröffentlichten Dokumenten urteilen können. O[berwinder] ist immer ein trimmer6 gewesen, der auf die zurückgebliebenen Verhältnisse in Östreich ein zu großes Gewicht gelegt haben mag, um einen Vorwand zu haben zu vermitteln. Dagegen ist Andr. Scheu bestenfalls ein konfuses Haus, der durch „so weit wie möglich gehn“ sich hervortun will und jedenfalls mehr Ambition als Kräfte hat. Wir haben ihn seit längerer Zeit in Verdacht, mit den Bakunisten in Verbindung zu stehn, und nun braucht er in seinem Programm („Volksst[aat]“ Nr. 59) die direkt Bakunin entlehnte Phrase, daß alle andern Parteien gegenüber dem Proletariat eine einzige reaktionäre Masse bilden. Wir reservieren unser Urteil, bis wir mehr wissen. Sehr verdächtig ist auch, daß Heinrich Scheu, der im Haag war, seit über 4 Wochen hier ist und sich erst bei M[arx] sehn ließ, nachdem ihm Frau M[arx] auf der Straße begegnet. Wir vermieden bisher, mit ihm über den Kasus zu sprechen, er tut sonst ganz ehrlich und schimpft auf Bakunin und die Blanquisten, aber sonderbar bleibt’s.
Der Würtz wurde mir von Pihl als eitler vordringlicher Kerl geschildert, der sich für unentbehrlich hält und dessen Indiskretion bei Vorschieben seiner Person, ihnen viel geschadet. The long and the short of it is7, daß die Dänen, vermittelst der lassallischen Flensburger und andrer Nordschleswiger, mehr zum Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein hinneigen und sich von diesem haben hereinreiten lassen. Daher ihr Stillschweigen. Der Teufel hole die Sozialisten aller dieser Bauernländer, sie sind immer durch Phrasen zu bestechen.
Sieh z. B. unsre Bakunisten in Spanien an. Da haben sie auf Ordre Bakunins in Alcoy den Staat abgeschafft (die angeblichen Greueltaten waren natürlich reaktionäre Erfindungen) und ein Comité de salut public8 eingesetzt (worunter Severino Albarracin, Mitglied des bakunistischen Föderalrats von Valencia und der jetzigen in Córdoba ernannten Korrespondenzkommission). Was geschieht? Auf Vorschlag einiger vermittelnden Deputierten wird Friede geschlossen: einerseits Amnestie, andrerseits Aufgeben des Widerstands, und die Truppen rücken unter dem Triumph der Bourgeois ein! In Barcelona sind sie nicht stark und nicht couragiert genug, ein Gleiches zu versuchen, aber wo sie sind, verstärken sie die „Anarchie“, die allgemeine Konfusion und – bahnen den Karlisten den Weg.
Der Allianzbericht ist im Druck – gestern die ersten Korrekturen gelesen – soll in 8 Tagen fertig sein, aber ich zweifle stark. Das Ding wird ca. 160 Seiten stark, die Druckkosten – ca. £ 40 schieße ich vor. Auflage 1000 – Preis 2 Franken = 1/9 d. britisch. Die ersten fertigen Ex. schicke ich Euch. Da aber das Ding platterdings verkauft werden muß, um auf die Kosten zu kommen, so laß mich gleich wissen, wieviel Ex. für dort bestellt werden; man schickt dann noch einige mehr. Sieh Dich auch nach einem soliden Buchhändler um, der das Ding dort vertreibt. Für dort wird der Preis wegen der Mehrkosten wohl auf 60–75 ct. currency9 gesetzt werden müssen – c’est votre affaire10 – wir müssen hier jedenfalls 1/9 d. per Ex. erhalten, ausgenommen die durch den Buchhändler verkauften, wo sein Rabatt abgeht, sonst kommen wir nicht auf die Kosten. Das Ding wird wie eine Bombe unter die Autonomisten fahren, und wenn überhaupt jemand kaputtzumachen ist, den Bakunin maustot machen. Lafargue und ich haben es zusammen gemacht, bloß die Konklusion ist von M[arx] und mir. Wir werden es an die ganze Presse schicken. Du wirst Dich selbst wundern über die Infamien, die darin enthüllt werden; selbst die Leute von der Kommission waren ganz erstaunt.
Der Federal Council hier geht seinen schläfrigen Gang weiter. Außer den gedruckten Berichten sehe und höre ich wenig von ihnen. Jedenfalls sind Jung, Hales, Mottershead und Co. kaputt, soweit ihre Schein-Internationale ins Spiel kam.
Besorg mir durch Würtz einige Adressen nach Kopenhagen und zwar sofort, damit ich einige Ex. des Allianzberichts hinschicken kann. Von Pihl nie wieder ein Wort gehört, so daß ich nicht weiß, ob seine Adr. noch gültig.
Sonst geht’s hier so ziemlich. Meine Frau11 ist in Ramsgate und Frau M[arx] wollte heute auch hin. Jenny Longuet wird wohl in 8–14 Tagen die Familie vermehren (schreib darüber nichts an Frau M[arx] oder M[arx], ehe Du offizielle Anzeige erhältst, they are very particular about family matters12). Lafargue und Le Moussu haben ein Geschäft in Engraving angefangen, basiert auf ein Patent. Dupont sucht auch sein Patent zu exploitieren in brass instruments13, stößt aber immer auf Hindernisse, die meist in ihm selbst liegen, da er von Geschäftssachen soviel versteht wie mein Hund. Alles dies unter uns. Du weißt gar nicht, wie empfindlich diese Leute sind wegen Privatmitteilungen, und zwar je empfindlicher, je größere Klatschweiber sie selbst sind.
Schließlich: Am besten wäre es immer noch, einer von Euch käme. Wie können wir hier den Generalrat so vertreten wie dies durch ein Mitglied geschehen kann?
Dein
F. Engels