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Engels an August Bebel
in Hubertusburg

London, 20. Juni 1873

Lieber Bebel,

Ich antworte auf Ihren Brief zuerst, weil der von Liebknecht sich noch bei Marx befindet, der ihn augenblicklich nicht finden kann.

Es war nicht Hepner, sondern Yorcks vom Ausschuß unterzeichneter Brief an diesen, der uns hier befürchten ließ, die Tatsache Ihrer Gefangenschaft werde von den unglücklicherweise ganz Lassalleschen Parteibehörden benutzt werden, um den „Volksstaat“ in einen „ehrlichen“ „N[euen] Soc[ial]-Dem[okrat]“ zu verwandeln. Die Absicht gestand Yorck klar ein, und da der Ausschuß sich als Ansteller und Absetzer der Redakteure hinstellte, war die Gefahr sicher groß genug. Hepners bevorstehende Ausweisung gab diesen Plänen eine weitere Handhabe. Unter diesen Umständen mußten wir absolut wissen, woran wir waren, und daher diese Korrespondenz.

Sie dürfen nicht vergessen, daß Hepner und noch viel weniger Seiffert, Blos etc. keineswegs gegenüber Yorck dieselbe Stellung hat wie Sie und L[iebknecht], die Stifter der Partei, und daß, wenn Sie dergleichen Zumutungen einfach ignorieren, dies jenen schwerlich zugemutet werden kann. Die Parteibehörden haben immerhin ein gewisses formelles Recht der Kontrolle über das Parteiorgan, dessen Ausübung zwar Ihnen gegenüber unterblieb, aber diesmal unzweifelhaft und in einer der Partei schädigenden Richtung versucht wurde. Es schien uns also unsre Pflicht, das Unsrige zu tun und ebenfalls dem entgegenzuwirken.

Hepner mag in Einzelheiten taktische Verstöße gemacht haben, die meisten erst nach Empfang des Ausschußbriefs, aber in der Sache müssen wir ihm entschieden recht geben. Schwäche kann ich ihm auch nicht vorwerfen, denn, wenn der Ausschuß ihm deutlich zu verstehn gibt, er solle von der Redaktion abtreten, und dazusetzt, anders werde er unter Blos arbeiten müssen, so sehe ich nicht, welchen Widerstand er noch leisten konnte. Er konnte sich doch nicht auf der Redaktion gegen den Ausschuß verbarrikadieren. Nach einem solchen kategorischen Brief seiner vorgesetzten Behörde finde ich sogar die von Ihnen aufgeführten und mir schon vorher unangenehm aufgefallenen Bemerkungen H[epner]s im „Volksstaat“ entschuldbar.

Soviel ist sicher, der „Volksstaat“ ist seit Hepners Verhaftung und Abwesenheit von Leipzig weit schlechter geworden, und der Ausschuß, statt mit ihm zu zanken, hätte besser getan, ihm jede mögliche Unterstützung zukommen zu lassen. Der Ausschuß verlangte gradezu, daß der „Volksst.“ anders redigiert werde, daß die wissenschaftlicheren Artikel wegbleiben und durch Leitartikel à la „Neue1“ ersetzt werden sollen, und stellte direkte Zwangsmaßregeln in Aussicht. Ich kenne Blos durchaus nicht, aber wenn derselbe Ausschuß ihn gleichzeitig ernennt, so muß man doch voraussetzen, daß dieser Ausschuß sich einen Mann ausgesucht hat, der nach seinem Herzen ist.

Was nun die Stellung der Partei zum Lassalleanismus angeht, so können Sie natürlich die zu befolgende Taktik besser beurteilen als wir, namentlich für die einzelnen Fälle. Aber es ist doch auch dies zu bedenken. Wenn man sich wie Sie gewissermaßen in einer Konkurrenzstellung zum Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein befindet, so nimmt man leicht zuviel Rücksicht auf den Konkurrenten und gewöhnt sich, in allem zuerst an ihn zu denken. Nun ist aber sowohl der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein wie die Sozialdemokratische Arbeiterpartei, beide zusammen, immer noch eine sehr kleine Minorität der deutschen Arbeiterklasse. Nach unsrer Ansicht, die wir durch lange Praxis bestätigt gefunden haben, ist aber die richtige Taktik in der Propaganda nicht die, dem Gegner hie und da einzelne Leute und Mitgliedschaften abspenstig zu machen, sondern auf die große noch teilnahmslose Masse zu wirken. Eine einzige neue Kraft, die man aus dem Rohen heraus selbst herangezogen hat, ist mehr wert als zehn Lassallesche Überläufer, die immer den Keim ihrer falschen Richtung mit in die Partei hineintragen. Und wenn man die Massen nur bekommen könnte, ohne die Lokalführer, so ginge das noch. So aber muß man immer einen ganzen Haufen von solchen Führern mit in den Kauf nehmen, die durch ihre früheren öffentlichen Äußerungen, wenn nicht noch durch ihre bisherigen Anschauungen gebunden sind und nun vor allem nachweisen müssen, daß sie ihren Grundsätzen nicht abtrünnig geworden, daß vielmehr die Sozialdemokratische Arbeiterpartei den wahren Lassalleanismus predigt. Das war das Pech in Eisenach, damals vielleicht nicht zu umgehn; aber geschadet haben diese Elemente der Partei unbedingt, und ich weiß nicht, ob diese auch ohne jenen Zutritt nicht heute mindestens ebenso stark wäre. Jedenfalls aber würde ich es für ein Unglück halten, wenn diese Elemente Verstärkung erhielten.

Man muß sich durch das Geschrei nach „Einigung“ nicht beirren lassen. Die dies Wort am meisten im Munde führen, sind die größten Zwietrachtstifter, wie ja grade jetzt die Schweizer Jurabakunisten, die Anstifter aller Spaltung, nach nichts mehr schreien als Einigung. Diese Einigungsfanatiker sind entweder beschränkte Köpfe, die alles in einen unbestimmten Brei zusammenrühren wollen, der sich bloß zu setzen braucht, um die Unterschiede in weit schärferem Gegensatz wiederherzustellen, weil sie sich dann in einem Topf befinden (in Deutschland haben sie ein schönes Exempel an den Leuten, die die Versöhnung der Arbeiter und Kleinbürger predigen), oder aber Leute, die die Bewegung unbewußt (wie z.B. Mülberger) oder bewußt verfälschen wollen. Deswegen sind die größten Sektierer und die größten Krakeeler und Schurken in gewissen Momenten die lautesten Einigungsschreier. Mit niemandem haben wir in unsrem Leben mehr Last und Tuck gehabt als mit den Einigungsschreiern.

Natürlich will jede Parteileitung Erfolge sehn, das ist auch ganz gut. Aber es gibt Umstände, wo man den Mut haben muß, den augenblicklichen Erfolg wichtigeren Dingen zu opfern. Namentlich bei einer Partei wie die unsrige, deren schließlicher Erfolg so absolut gewiß ist und die zu unsren Lebzeiten und unter unsren Augen sich so kolossal entwickelt hat, braucht man den augenblicklichen Erfolg keineswegs immer und unbedingt. Nehmen Sie z. B. die Internationale. Nach der Kommune hatte sie den kolossalsten Erfolg. Die zusammengedonnerten Bourgeois schrieben ihr Allmacht zu. Die große Menge der Mitglieder glaubte, das werde ewig so bleiben. Wir wußten sehr gut, daß die Blase platzen müsse. Alles Gesindel hing sich an sie an. Die in ihr enthaltenen Sektierer wurden üppig, mißbrauchten die Internationale in der Hoffnung, man werde ihnen die größten Dummheiten und Gemeinheiten erlauben. Wir litten das nicht. Wohl wissend, daß die Blase doch einmal platzen müsse, handelte es sich für uns nicht darum, die Katastrophe zu verschieben, sondern Sorge zu tragen, daß die Internationale rein und unverfälscht aus ihr hervorgehe. Im Haag platzte die Blase, und Sie wissen, daß die Mehrzahl der Kongreßmitglieder im Katzenjammer der Enttäuschung nach Hause zog. Und doch hatten fast alle diese Enttäuschten, die in der Internationalen das Ideal der allgemeinen Brüderlichkeit und Versöhnung zu finden wähnten, zu Hause viel bittreren Krakeel, als er im Haag losbrach! Jetzt predigen die sektiererischen Krakeeler Versöhnung und verschreien uns als die Unverträglichen und Diktatoren! Und wären wir im Haag versöhnlich aufgetreten, hätten wir den Ausbruch der Spaltung vertuscht – was war die Folge? Die Sektierer, namentlich die Bakunisten, behielten ein Jahr lang Zeit, im Namen der Internationale noch viel größere Dummheiten und Infamien zu begehn; die Arbeiter der entwickelten Länder wandten sich im Ekel ab; die Blase platzte nicht, sie sank, durch Nadelstiche verletzt, langsam zusammen; und der nächste Kongreß, der die Krisis doch bringen mußte, wäre ein Skandal der gemeinsten Persönlichkeiten geworden, weil im Haag das Prinzip ja bereits preisgegeben war! Dann war die Internationale allerdings kaputt – kaputt durch die „Einigung“! – Statt dessen sind wir die faulen Elemente jetzt mit Ehren für uns losgeworden – die in der letzten entscheidenden Sitzung anwesenden Kommunemitglieder sagen, keine Kommunesitzung habe ihnen eine so furchtbare Wirkung hinterlassen wie diese Gerichtssitzung über die Verräter am europäischen Proletariat – wir haben sie zehn Monate alle ihre Kräfte aufbieten lassen zu lügen, zu verleumden, zu intrigieren – und wo sind sie? Sie, die angeblichen Vertreter der großen Majorität der Internationale, erklären jetzt selbst, daß sie nicht wagen, zum nächsten Kongreß zu kommen. (Näheres in einem Artikel, der hiermit an den „V[ol]ksst[aat]“2 abgeht.) Und wenn wir es noch einmal zu tun hätten, wir würden im ganzen und großen nicht anders handeln – taktische Fehler werden natürlich immer begangen.

Jedenfalls glaube ich, daß die tüchtigen Elemente unter den Lassalleanern Ihnen mit der Zeit von selbst zufallen werden und daß es deshalb unklug wäre, die Frucht vor der Reife zu brechen, wie die Einigungsleute wollen.

Übrigens hat schon der alte Hegel gesagt: Eine Partei bewährt sich dadurch als die siegende, daß sie sich spaltet und die Spaltung vertragen kann. Die Bewegung des Proletariats macht notwendig verschiedne Entwicklungsstufen durch; auf jeder Stufe bleibt ein Teil der Leute hängen und geht nicht weiter mit; daraus allein schon erklärt sich, weshalb die „Solidarität des Proletariats“ in der Wirklichkeit überall in verschiednen Parteigruppierungen sich verwirklicht, die sich auf Tod und Leben befehden wie die christlichen Sekten im Römischen Reich unter den schlimmsten Verfolgungen.

Auch dürfen Sie nicht vergessen, wenn z.B. der „Neue“ mehr Abonnenten hat als der „V[ol]ksst[aat]“, daß jede Sekte notwendig fanatisch ist und durch diesen Fanatismus, besonders in Gegenden, wo sie neu ist (wie der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein in Schleswig-Holstein z. B.), weit größere augenblickliche Erfolge erreicht als die Partei, die ohne Sekten-Absonderlichkeit einfach die wirkliche Bewegung vertritt. Dafür dauert der Fanatismus auch nicht lange.

Ich muß schließen, die Post geht ab. In Eile nur noch: M[arx] kann an den Lassalle nicht gehn bis die französische Übersetzung fertig (Ende Juli zirka), und hat dann positiv Erholung nötig, da er sehr überarbeitet ist.

Daß Sie Ihre Gefangenschaft stoisch aushalten und studieren, ist sehr schön. Wir alle freuen uns, Sie nächstes Jahr hier zu sehn.
Herzlichen Gruß an L[iebknecht].

Aufrichtigst Ihr
F. Engels