129
Marx an César De Paepe
in Brüssel

London, 24. Nov. 1871

Mein lieber Freund,

Ich hätte Ihnen längst geschrieben, wenn meine Zeit mir gehörte. Während der letzten vier Wochen habe ich das Haus gehütet, es gab Abszesse, Operationen usw. secundum legem artis1. Dennoch bin ich wegen der Angelegenheiten der Internationale einerseits und der Flüchtlinge andererseits nicht einmal dazu gekommen, das erste Kapitel des „Kapitals“ für die russische Übersetzung zu überarbeiten. Da die Freunde in St. Petersburg mehr und mehr drängten, war ich gezwungen, das Kapitel zu lassen, wie es ist und nur einige kleine Änderungen vorzunehmen. Ich habe Ihnen schon in London gesagt, daß ich mich oft gefragt habe, ob nicht die Zeit gekommen sei, mich vom Generalrat zurückzuziehen. Je mehr sich die Assoziation entwickelt, um so mehr Zeit geht verloren, und schließlich muß ich doch endlich einmal das „Kapital“ beenden. Außerdem würde mein Rücktritt die Internationale vom Pangermanismus erretten, mit dem ich sie nach den Worten von Roullier, Malon, Bakunin, Robin und Co. bedrohe.

Ich habe mit meinem Arzt über Ihre Angelegenheiten gesprochen. Er sagte mir folgendes:

1. Wenn Sie sich in London als englischer Arzt niederlassen wollen, genügte es nicht, hier die Prüfungen abzulegen. Sie wären gezwungen, noch mindestens zwei Studienjahre an einem Londoner Krankenhaus (oder an der Universität) zu machen. Man rechnet die belgischen Kurse in einigen Zweigen der Wissenschaft an, aber nicht in allen.

2. Andererseits können Sie sich hier als Arzt mit Ihren belgischen Diplomen niederlassen, ohne neue Prüfungen abzulegen und ohne an englischen Kursen teilzunehmen. Es gibt hier französische und deutsche Ärzte, die so praktizieren. Allerdings gibt es gewisse, wenn auch nicht zahlreiche Fälle (zum Beispiel bei der Gerichtsmedizin), wo Sie dann nicht fungieren dürften, aber das ist geringfügig.

3. Schließlich könnten Sie – wie es viele Ausländer vor Ihnen gemacht haben – beide Methoden kombinieren, sofort praktizieren und gleichzeitig die notwendigen Maßnahmen treffen, um sich später in einen englischen Arzt zu verwandeln und schließlich the physician of Her Most Gracious Majesty2 zu werden.

Sie sehen also, mein lieber Freund, viele Wege führen nach Rom. Drop me a few lines about this subject.3

Das Verhalten des Belgischen Föderalrats gegenüber dem Generalrat scheint mir verdächtig. Herr Hins und seine Frau – ich spreche ganz offen zu Ihnen – sind Bakunisten, und Herr Steens hat wahrscheinlich festgestellt, daß man seine Redegewandtheit nicht genug bewundert hat. In Genf sagte man sogar, wie mir Utin schrieb (er glaubt selbstverständlich nicht daran), Sie hätten sich auf die Seite der Allianzisten gestellt und sich mit den André Léo, Malon, Razoua usw. verbündet.

Diese an sich geringfügige Angelegenheit könnte zu schlechten Ergebnissen führen. England, die Vereinigten Staaten, Deutschland, Dänemark, Holland, Österreich, die Mehrheit der französischen Gruppen, die Italiener des Nordens, Siziliens und Roms, die überwiegende Mehrheit der Romanischen Schweiz, die ganze deutsche Schweiz und die Russen in Rußland (die man von einigen Russen im Ausland, die an Bakunin gebunden sind, unterscheiden muß) gehen mit dem Generalrat.

Andererseits sind da die Jura-Föderation in der Schweiz (d. h. die Männer der Allianz, die sich hinter diesem Namen verbergen), Neapel, vielleicht Spanien, ein Teil Belgiens und einige Gruppen französischer Flüchtlinge (die übrigens, einigen Briefen aus Frankreich nach zu urteilen, dort keinerlei ernsthaften Einfluß zu haben scheinen), sie bilden das Gegenlager. Eine solche an sich nicht allzu gefährliche Spaltung würde in einem Augenblick sehr ungelegen sein, da wir in geschlossenen Reihen gegen den gemeinsamen Feind marschieren müssen. Unsere Gegner irren sich keineswegs über ihre Schwäche, aber sie rechnen damit, durch den Anschluß des Belgischen Föderalrats große moralische Unterstützung zu erhalten.

Man erkundigt sich hier alle Tage bei mir nach dem „Anti-Proudhon“4. Ich könnte eine gewisse Propaganda unter den besten Köpfen der französischen Emigration machen, wenn ich einige Exemplare meiner Schrift gegen Proudhon hätte, die Sie mir freundlicherweise versprochen haben.

Mit brüderlichem Gruß
Karl Marx

Leider muß ich Ihnen sagen, daß Ihr Freund, der Maler Léonard, hier keine großen Chancen hat. Meine Familie hat gestern seine Bilder besichtigt. Ich habe noch nichts gesehen, weil the fog is atrocious so that I have not yet been permitted to leave my room5.

Nach: „L’Actualité de l’histoire“, Nr.25, Oktober–Dezember 1958.
Aus dem Französischen.