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Engels an Carmelo Palladino
in Neapel
(Entwurf)

London, 23.Nov. 1871

Bürger Palladino,

Ich habe soeben Ihren Brief vom 13. d.M. erhalten und danke Ihnen für den Bericht über die Geschichte der Sektion von Neapel, den ich dem Generalrat auf der nächsten Sitzung vorlegen werde. Welche Beschlüsse der Rat auch darüber fassen wird, inwieweit der Inhalt dieser Denkschrift zur Veröffentlichung geeignet sei, immer wird die notwendige Diskretion gewahrt werden.

Ich bedaure, daß Sie es für Ihre Pflicht hielten, mir zu sagen, daß Sie mit den Beschlüssen der letzten Konferenz1 keinesfalls einverstanden sind. Da aus Ihrem Brief hervorgeht, daß es in Neapel keine organisierte Sektion der Internationale mehr gibt, kann ich diese Erklärung nur als Ausdruck Ihrer individuellen Meinung ansehen und nicht als die der Sektion von Neapel, die durch Gewalt aufgelöst wurde. Ich lege indessen Wert darauf, Mißverständnisse zu vermeiden, und antworte Ihnen hierauf ausführlich.

1. Sie sind nicht einverstanden del modo como fu convocata la Conferenza medesima, non certo conforme alle prescrizioni dei nostri Statuti Generali2. Auf diese Beschuldigung ist zweierlei zu erwidern:

a) Gewiß, unsere Allgemeinen Statuten3 kennen keine Konferenzen, sie kennen nur Kongresse; sie wurden jedoch in dem mehr oder weniger naiven Vertrauen abgefaßt, daß uns die Regierungen Bewegungsfreiheit gewähren würden. Da es uns die Regierungen jedoch unmöglich gemacht haben, 1870 den Kongreß einzuberufen, haben die sofort befragten Sektionen die Befugnisse des Generalrats bestätigt und verlängert und ihm die Vollmacht erteilt, Datum und Tagungsort für den nächsten Kongreß zu bestimmen. 1871 haben es die Regierungen noch unmöglicher gemacht, einen Kongreß einzuberufen.4

Wir haben dafür die Beweise, falls Sie daran zweifeln sollten. Aber Sie werden das nicht tun; „non potendosi più riunire la sezione napolitana dell’Internationale“5 seit dem 20.August 1871, könnte sie keinen Delegierten für einen Kongreß wählen. Und ebenso war es in Frankreich, in Deutschland, Österreich; der Spanische Föderalrat mußte nach Portugal flüchten. Was sollten wir also tun? Es blieb der Präzedenzfall von 1865, als der öffentliche Kongreß aus gewissen Gründen durch eine interne Konferenz ersetzt wurde, die in London stattfand und deren Einberufung und Beschlüsse von dem nachfolgenden Kongreß bestätigt wurden. Sie könnten mir entgegenhalten, daß derartige Präzedenzfälle bürgerlicher und autoritärer Larifari sind und wahrer Revolutionäre des Proletariats unwürdig, und ich werde Ihnen antworten, daß die Allgemeinen Statuten, Verwaltungs-Verordnungen, Kongreßbeschlüsse usw. usw. von der gleichen Kategorie sind, daß aber leider keine Assoziation, auch nicht die revolutionärste, sie entbehren kann. Nun wohl, der Generalrat schlug auf seine eigene Verantwortung den Sektionen vor, im gegenwärtigen Zeitpunkt den unmöglichen Kongreß durch eine mögliche Konferenz zu ersetzen, möglich, weil die Delegierten den Regierungen nicht bekannt waren. Die Sektionen stimmten zu, keine erhob Einspruch, und der Rat ist bereit, für sein Vorgehen beim künftigen Kongreß einzustehen.

b) Die Einberufung der Konferenz ist ganz ordnungsgemäß vor sich gegangen. Alle Föderationen, alle unabhängigen lokalen Sektionen, die mit dem Generalrat in regelmäßiger Verbindung stehen, sind zu angemessener Zeit benachrichtigt worden.

c) Wenn übrigens Einwände gegen die Rechtmäßigkeit oder die Art der Einberufung der Konferenz vorzubringen waren, so wäre der geeignete Augenblick hierfür vor oder während der Konferenz gewesen. Es ist kein Einwand erhoben worden.

2. Sie beklagen sich über la scarsezza dei delegati6. Das ist nicht die Schuld des Generalrats. Es waren jedoch Belgien, Spanien, Holland, England, Deutschland, die Schweiz und Rußland direkt vertreten. Für Frankreich waren fast alle Mitglieder der Pariser Kommune, die jetzt in London weilen, anwesend, und ich glaube nicht, daß Sie die Gültigkeit ihrer Mandate bestreiten wollen. Wenn Italien keine Delegierten entsandt hat, müssen Sie sich deswegen an Ihre Regierung halten7.

3. Sie sagen, daß diese Delegierten si hanno arrogato i diritti propri di un Congresso Generale8. Das widerspricht ganz und gar den Tatsachen. Die Beschlüsse der Konferenz rühren in keiner Weise an den Inhalt der Statuten. Die einen bestätigen nur erneut frühere Kongreßbeschlüsse, die den Sektionen und Mitgliedern, deren Anschluß später erfolgte, wenig oder gar nicht bekannt sind. Andere haben rein organisatorischen Charakter. Weit davon entfernt, die Kompetenz einer Konferenz zu überschreiten, weichen weder die einen noch die anderen von der Kompetenz des Generalrats ab.

4. Weiter erheben Sie Einspruch gegen den „tenore stesso di tali risoluzioni che a vostro parere sono in aperta contradizione con i principii della nostra Associazione fissati nei nostri Statuti generali“9. Das bestreite ich entschieden, und ich erwarte hierfür die Beweise von Ihrer Seite. Die Gründer der Internationale, dieselben, die die Statuten und die Beschlüsse der Kongresse unserer Association abgefaßt haben, waren auf der Konferenz sehr gut vertreten, und Sie werden mir verzeihen, wenn ich in erster Linie ihrer und der durch die nachfolgenden Kongresse vorgenommenen Interpretation dieser Statuten und Beschlüsse Glauben schenke. Vergessen Sie bitte nicht, daß die Internationale ihre eigene Geschichte hat, und daß diese Geschichte – auf die stolz zu sein sie ein Recht hat – den besten Kommentar der Statuten liefert; daß die Internationale sich keineswegs damit einverstanden erklären wird, diese ruhmreiche Geschichte zu verleugnen, und daß in diesem Augenblick die spontane proletarische Massenbewegung zugunsten unserer Association – eine Bewegung, die in Italien ausgeprägter und begeisterter ist als überall sonst – die glänzendste Bestätigung nicht nur der Statuten, sondern auch dieser ganzen Geschichte ist. Welches auch Ihre Befürchtungen wegen der großen Verantwortung sein mögen, die der Generalrat auf sich genommen hat, dieser Rat wird immer der Fahne treu bleiben, deren Schutz ihm das Vertrauen der Arbeiter der zivilisierten Welt seit sieben Jahren anvertraut hat. Er wird die individuellen Meinungen achten, er ist bereit, seine Vollmachten in die Hände seiner Auftraggeber zu legen. Aber solange er mit der obersten Leitung der Association betraut ist, wird er darüber wachen, daß der Charakter der Bewegung, der die Internationale zu dem gemacht hat, was sie jetzt ist, nicht verfälscht wird und wird sich an die Beschlüsse der Konferenz halten, bis ein Kongreß darüber anders entschieden haben wird.

Gemäß Beschluß X der Konferenz wird dem nichts entgegenstehen, wenn sich die aufgelöste Sektion von Neapel unter dem Namen Federazione Operaia Napolitana oder unter irgendwelchen anderen Benennungen rekonstituiert.

Aus dem Französischen.