London, 22. Juni 18871
Lieber Liebknecht,
Hierbei die Übersetzung von Nr. I der Adresse. Der Rest folgt so rasch, daß Du Nr. I in zwei Nummern bringen kannst, und doch keine Unterbrechung eintritt, d. h. in 8 Tagen hast Du wieder Manuskript. Bedingung ist
1. daß Du rasch und in jeder Nummer viel druckst;
2. daß keine Randglossen dabei folgen, ich habe so übersetzt, daß, abgesehen von Anspielungen und Einzelheiten, die ohnehin nicht in ein paar Worten zu erklären, solche nicht nötig sind;
3. daß der Satz für den Separatabdruck als Broschüre, der diesmal sehr nötig ist, stehnbleibt. Habt Ihr das Geld oder den Kredit dafür nicht, so laßt’s uns wissen.
Was Du nicht drucken kannst, ersetze durch Punkte und schicke das betreffende Manuskript an Becker in Genf, daß er’s im „Vorboten“ bringt (so eingerichtet, daß er sieht, wohin die Stellen gehören).
Das Exemplar der Originaladresse, das ich Dir als Brief mit ein paar Zeilen schickte, wirst Du erhalten haben. Mehr stehn zur Verfügung.
Die Adresse hat einen heillosen Lärm hier in London geschlagen. Erst Versuch des Totschweigens, aber es ging nicht. Mittwoch, den 14. hatte „Evening Standard“ eine Denunziation, den 15. „Daily News“ einen Auszug, der durch die meisten Blätter ging. Dann „Echo“, am Samstag „Spectator“, „Graphic“, „Pall Mall Gazette“, „Telegraph“ Leitartikel und damit war die Sache fertig; die „Times“ kam Montag mit einem sehr beschissenen Leader1 nach, „Standard“ abermals, gestern „Times“ nochmals, und ganz London sprach nur von uns. Natürlich alles Heulerei. Tant mieux.2
Deine Bedenken wegen Ausweisung begreife ich nicht. An Deiner Stelle würde ich das hessische Bürgerrecht nicht ohne ein andres sicher in der Tasche zu haben aufgeben. Ihr seid in dieser Beziehung zu schüchtern.
Ein einziger großer öffentlicher Skandal, der der Welt klarlegte, daß alle diese Reichsgesetze wirklich Humbug sind, würde all dem Kram ein Ende machen. Aber wenn Ihr den Skandal, der doch nur den Nationalservilen schaden kann, vermeidet, statt ihn zu provozieren, dann kann die Polizei sich freilich alles erlauben. Notabene, dies bezieht sich nur auf die betr. Stelle Deines Briefs, nicht auf die Haltung des Blatts3, die sehr couragiert ist, und die wir durchaus anerkennen. Aber glaube doch nicht, daß die Polizeihunde das gegen Dich wagen werden, was sie gegen einzelne Arbeiter wagen; erst wenn sie eine Zeitlang durch Arbeiterausweisungen Präzedenzfälle genug geschaffen haben, könnte das geschehn.
Daß Deine Ausweisung aus Preußen noch gültig ist, ist mir ganz unbekannt. Daß die Polizei es behauptet, mag sein. Daß Du es aber, als Du noch Abgeordneter warst, nicht zum Austrag gebracht hast, blieb mir immer unbegreiflich.
Korrespondieren für den „Volksst[aat]“ kann ich nicht, Du siehst aber, ich helfe, wo ich kann.
Mit der „P[all] M[all] G[azette]“ ist nichts anzufangen. Ich habe selbst gelegentlich der ausschließlich militärischen Artikel mit dem Blatt allerlei Tuck gehabt, und politische Sachen können weder Du noch ich hineinschreiben. Ich halte die Verbindung nur noch offen, um hier und da etwas Gelegentliches hineinzubringen, to keep a footing there4. Nähme sie Dich als Korrespondenten, was sie aber nicht täte, so würde keine Deiner Korrespondenzen gedruckt. Ich kam schon um Neujahr so weit, dem Redakteur5 zu sagen, daß ich sehr wohl wisse, daß ich ihm keine politischen, sondern nur militärische Artikel liefern könne, und das täte ich nur in der Erwartung, daß er unsre tatsächlichen Berichtigungen in Parteisachen, wenn wir es für nötig hielten, aufnehme. Das ist auch geschehn.
Von Reynolds scheinst Du auch eine gute Idee zu haben. Der größte Lauskerl der hiesigen Presse, Hosenscheißer, wo er des Erfolgs nicht sicher ist, hat die ganze Adresse bis auf den Auszug der „Daily News“ unterdrückt.
Die deutschen Arbeiter haben sich in dieser letzten großen Krise ganz famos benommen, besser als irgendwelche andre. Bebel hat sie auch ganz ausgezeichnet vertreten, seine Rede über die Kommune ist durch die ganze englische Presse gegangen und hat großen Eindruck hier gemacht. Den „Volksstaat“ solltet Ihr von Zeit zu Zeit an die „Pall Mall“ schicken, sie bringt von Zeit zu Zeit Auszüge daraus, weil der Mann5 eine Angst vor M[arx] und mir hat, und weil noch ein andrer Mann6 dabei ist, der Deutsch kann und solche Sachen hineinbringt. Dabei bringt das Blatt gern allerlei Kuriosa, die die andern nicht haben.
Du verpflichtest mich, wenn Du meinen „Volksst[aat]“ nicht mehr nach Manchester, sondern hierher schickst. Von den Nummern mit der Adresse schick mir 3–4 Exemplare, einen zur Korrektur, den Rest zur Verteilung. Beste Grüße an Dich und die Deinigen.
Dein
F. E.