52
Engels an Wilhelm Liebknecht
in Leipzig

122, Regent’s Park Road, N.W.
London, 20. April 1871

Lieber Liebknecht,

Ich habe Dir heute in aller Eile etwas mitzuteilen wegen der sog. International Democratic Association, die Dir vielleicht ganz unbekannt ist und deswegen mit uns verwechselt werden könnte. Es ist dies eine Karikatur der IAA, die seit einigen Jahren hier im Dunkeln vegetiert, aber von Zeit zu Zeit des Bestreben äußert, sich vor dem Publikum breitzumachen, d. h. lächerlich, und nicht ohne eine gewisse Nebentendenz, sich im stillen mit der IAA verwechseln zu lassen. Da diese Leute vorigen Sonntag wieder ein Meeting in Hyde Park wegen der Kommune in Paris hatten, welches unter ihren Auspizien notwendig fehlschlagen mußte (sie haben sogar verbreitet, wir hätten Delegierte hingeschickt, obwohl wir dies einer uns gesandten Deputation rund abschlugen) – und da sie jetzt auch Zweiggesellschaften auf dem Kontinent stiften wollen und Dir wahrscheinlich auch Zusendungen machen werden, so ist es nötig, Dir zu erzählen, wer diese Leute sind. Zuerst der alte Pfälzer Krakeeler Weber, den Du kennst, und zweitens Le Lubez, den Du auch kennengelernt hast. Ich lege Dir den Ausschnitt bei, worin sie ihr konfuses Programm in konfuser Sprache der Welt mitteilen. Soweit dies verständlich, ist es rein bürgerlich; was sie wegen Arbeitbesorgung resp. Verpflegung der Arbeitsunfähigen sagen, ist durch das englische Armengesetz ja schon erfüllt. Von Kapital und Arbeit hüten sie sich ein Wort zu sagen. Die nationalisation of land ist hier so allgemein adoptiert, daß sie das nicht umgehen konnten, und ist an sich so wenig antibürgerlich, daß mir noch vorgestern ein Tory, der seine Million Taler besitzt, erklärte, er sei dafür. Weber ist, wie Du weißt, ja auch Anhänger von Heinzen und bloßer „Demokrat“.

Solange die Kerls hier ihr obskures Wesen trieben, haben wir sie laufen lassen, wenn sie aber sich ausbreiten wollen, werden Kollisionen nicht zu vermeiden sein, und wir werden ihnen dann gehörig über den Kopf hauen.

Der „Volksst[aat]“ ist gestern also wieder konfisziert wegen Kaiserbeleidigung, wie hieher telegraphiert wurde. Ich wundre mich, daß es nicht schon früher geschehen, Du bist sehr frech, „übrigens ist dieses auch schon ganz recht“, wie Friedrich II. sagte.

Auf die Vogt-Geschichte müßte man noch ein paarmal zurückkommen. Daß von keinem andern Vogt die Rede sein kann als von Karl Vogt, geht aus dem Kontext hervor. Erstens ist kein andrer Vogt so bekannt, daß man ihn Vogt, tout court1, nennen kann ohne Vornamen und Adresse. Zweitens, welcher andre Vogt hat grade um jene Zeit sich so verdient gemacht um die Familie Bonaparte, daß man ihm im August, unmittelbar nach vollendeter italienischer Kampagne, 40 000 frs. remittieren sollte? Übrigens deutet die Form: „il lui a été remis en Août 1859“ an, daß er auch sonst noch Rimessen erhalten hat. Je öfter auf diesen Punkt zurückgekommen wird, desto mehr wird die bürgerliche Presse, die dies alles unterschlägt, genötigt, davon Notiz zu nehmen. Der „Prolet[arier]“ und „Volkswille“ wären auch hierauf aufmerksam zu machen.

Da mir die Erfahrung bewiesen hat, daß die Stieberschen Agenten ebenso ungeschickt sind im Brieferbrechen wie im Konspirationenfabrizieren, so zeige ich Dir hiermit ein für allemal an, daß alle meine Briefe an Dich mit meinem Siegel und Initialen F. E. in gotischer Schrift sicher versiegelt sind. Die Preußen können Siegellack über Gummi noch nicht mit Anstand und so erbrechen, daß man es nicht merkt, sie reißen dann meist das Kuvert an der Seite mit groben Fäusten auf. Ist also mein Siegel nicht klar und lesbar, so weißt Du, was passiert ist. Es muß die Kerls jedenfalls ärgern, wenn ihnen ein an Dich adressierter und mit F. E. versiegelter Brief unerbrochen durch die Hände zu gehn hat.

Es ist Postschluß, ich habe Dir noch allerlei mitzuteilen, aber ich muß schließen.

Dein
F. E.