33
Marx an Paul Lafargue
in Bordeaux

[London] 4. Febr. 1871

Lieber Paul,

Il faut créer des nouveaux défenseurs à la France.1 Ihr, Sie und Laura, scheint ernsthaft und erfolgreich mit dieser patriotischen Aufgabe beschäftigt zu sein. Die ganze Familie war erfreut zu hören, daß unsere liebe Laura die kritische Zeit siegreich überstanden hat, und wir hoffen, daß die weitere Entwicklung nicht weniger günstig sein wird.

Umarmen Sie den kleinen Schnappy von mir und sagen Sie ihm, daß Old Nick sehr stolz ist auf die beiden Photographien seines Nachfolgers. In der „seriösen“ Aufnahme kommen mehr die ernsthaften Eigenschaften des kleinen Mannes zum Ausdruck, während in seiner Haltung als francfileur2 ein charmanter Ausdruck von Humor und espièglerie3 ist.

Sie kennen meine schlechte Meinung über die Helden der Bourgeoisie. Jules Favre und Co. haben jedoch noch meine schlimmsten Erwartungen übertroffen. Als Trochu seinen geheimen „Plan“ ausgeführt hatte, d. h. als dieser „sabre orthodoxe“4, dieser „crétin militaire“5 den passiven Widerstand von Paris so weit getrieben hatte, daß nur die Wahl blieb zwischen Verhungern oder Ergeben – da hatten Jules Favre und Co. einfach dem Beispiel des Festungskommandanten von Toul zu folgen. Er kapitulierte nicht, als seine Widerstandskraft zusammengebrochen war. Er informierte die Preußen einfach über die Lage und erklärte, daß er aus Mangel an Lebensmitteln gezwungen sei, die Verteidigung aufzugeben und daß sie nun tun möchten, was ihnen beliebe. Er machte ihnen keinerlei Konzession. Er erkannte einfach einen fait accompli6 an. Favre und Co. jedoch begnügen sich nicht, eine förmliche Kapitulation zu zeichnen, sie haben die Unverschämtheit, im Namen von ganz Frankreich zu handeln, obgleich sie in völliger Unkenntnis über den Zustand Frankreichs en dehors de Paris7 waren, da sie auf die einseitige Information beschränkt waren, die Bismarck so gnädig war, ihnen mitzuteilen. Noch mehr, nachdem sie kapituliert haben und die Messieurs les prisonniers du roi de Prusse8 geworden sind, gehen sie weiter und erklären, daß die Delegation von Bordelais ihre Vollmacht verwirkt habe und nur noch im Einverständnis mit den „Messieurs les prisonniers du roi de Prusse“ handeln dürfte. Selbst Louis Bonaparte hatte nach seiner Kapitulation und Gefangennahme bei Sedan Bismarck erklärt, er könne nicht auf Verhandlungen mit ihm eingehen, weil es ihm jetzt versagt sei, aus eigenem Willen zu handeln und weil er als preußischer Gefangener aufgehört habe, irgendeine Autorität in Frankreich zu besitzen!

Sogar L. Bonaparte ist minder schamlos gewesen als Favre und Co.!

Favre konnte im höchsten Falle bedingungsweise einen Waffenstillstand annehmen, nämlich unter dem Vorbehalt der Sanktion durch die Delegation in Bordelais. Doch selbst die Festlegung der Klauseln dieses Waffenstillstands hätte er den Männern überlassen müssen, die nicht Gefangene von le roi de Prusse waren. Sie würden jedenfalls den Preußen nicht erlaubt haben, aus diesem Waffenstillstand das östliche Kriegstheater auszuschließen, sie würden den Preußen nicht erlaubt haben, unter dem Vorwand des Waffenstillstands ihre Okkupationslinie in einer für sie so vorteilhaften Weise abzurunden.

Frech gemacht durch die feige Unterwerfung der Pariser Vertreter, die als solche fortfahren, französische Regierung zu spielen, nachdem sie Messieurs les capitulards et les prisonniers du roi de Prusse9 geworden sind, betrachtet sich Bismarck als die de facto höchste Autorität in Frankreich und handelt danach. Er protestiert gegen Gambettas Dekret mit Bezug auf die allgemeinen Wahlen, da es ihre „Freiheit“ beeinträchtige. Er diktiert die Bedingungen, unter denen die Nationalversammlung gewählt werden soll. Wahrhaftig! Gambetta könnte antworten durch einen Protest gegen die Bedingungen, unter denen gegenwärtig die Wahlen zum Reichstag in Deutschland stattfinden werden. Um diese Wahlen frei zu machen, könnte er darauf bestehen, daß Bismarck vor allem den über einen großen Teil Preußens verhängten Belagerungszustand aufheben oder mindestens aussetzen müßte. Um Ihnen ein Beispiel von der Freiheit der Wahl in Deutschland zu geben: In Frankfurt (am Main) wird ein Kandidat der Arbeiter (der nicht in Frankfurt wohnt) vorgeschlagen; er eröffnet seine Wahlkampagne in dieser Stadt. Was tun die preußischen Behörden? Sie weisen diesen Kandidaten durch Polizeigewalt aus Frankfurt aus!

Ich hoffe, daß die Preußen bei ihrer bescheidenen Forderung von 400 Millionen £ Kriegskontribution durch Frankreich verharren! Das mag sogar die französischen Bourgeois in Wallung bringen, deren Manöver gemeinsam mit den Intrigen der lokalen Behörden (die Gambetta größtenteils in den Händen von Bonapartisten, Orleanisten usw. belassen hat) die richtige Erklärung für die bisherigen Niederlagen im Kriege geben. Sogar die Bourgeoisie wird endlich begreifen, daß sie mehr verlieren wird, wenn sie nachgibt, als wenn sie kämpft!

Zugleich werden, wenn Frankreich noch einige Zeit aushält, die ausländischen Beziehungen für ihre Sache weit günstiger werden. In England ist das Gladstone-Kabinett ernstlich gefährdet. Es kann bald aus dem Amt gejagt werden. Die öffentliche Meinung hier ist jetzt wieder im höchsten Maße kriegerisch. Dieser Umschwung ist durch Preußens Forderungen hervorgebracht worden, hauptsächlich durch seine Forderung auf Pondichéry und 20 der besten französischen Kriegsschiffe. John Bull sieht darin eine Drohung gegen England und eine russische Intrige (und diese Forderungen sind Preußen in der Tat durch das St. Petersburger Kabinett suggeriert worden).

In Rußland selbst scheint eine große Veränderung bevorzustehen. Seit der Annahme des Kaisertitels durch den König von Preußen hat die antideutsche Partei, die sogenannte moskowitische Partei, mit dem Thronfolger10 an der Spitze, wieder die Oberhand gewonnen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß der jetzige Zar11 entweder ihr Diktat wird akzeptieren und damit seine auswärtige Politik umdrehen müssen, oder daß er das Schicksal seiner Vorfahren teilen und ins Gras beißen muß. Wenn solch eine Konvulsion in Rußland stattfindet, wird Preußen, dessen russische und österreichische Grenzen gänzlich von Truppen entblößt, ganz exponiert und unbefestigt sind, seine jetzigen Streitkräfte in Frankreich nicht erhalten können. Es wird sofort seinen Ton mäßigen und ganz umgänglich werden.

Wenn Frankreich aushält, den Waffenstillstand zur Reorganisation seiner Streitkräfte benutzt, wenn es endlich begreift, daß zur Führung eines revolutionären Krieges revolutionäre Maßnahmen und revolutionäre Energie notwendig sind, kann es jetzt noch gerettet werden. Bismarck weiß genau, daß er in einer Klemme ist. Er hofft herauszukommen, indem er „einschüchtert“. Er vertraut auf das Zusammenwirken aller reaktionären Elemente Frankreichs.

Ihr Old Nick

PS. Der Chef, bei dem Dupont jetzt tätig ist, hat von einem Haus in Bordeaux einen Brief erhalten, das einen Vertreter in Manchester sucht. Hinter dem Rücken seines Chefs – eines äußerst niederträchtigen und brutalen Emporkömmlings – würde sich Dupont gern vergewissern, ob er diese Vertretung erhalten könnte. Er bittet Sie daher, hierüber Erkundigungen einzuziehen. Die Adresse des fraglichen Hauses ist: Labadie & Co. (Weine und Spirituosen), rue des terres de Bordes, Bordeaux.

Was macht Prudhomme? Hat sich seine Gesundheit gebessert?

Aus dem Englischen.