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Marx an Johann Philipp Becker
in Genf

[London] 2.August 1880
1, Maitland Park Road

Lieber Becker,

Mein langes Stillschweigen ist ausschließlich aus Zeitmangel zu erklären. Ich hoffe, wir kennen uns hinlänglich, um wechselseitig die Überzeugung zu haben, daß unsre Freundschaft unverbrüchlich ist.

Ich habe das Manifest des Generalrats über den Krieg1 zunächst an die „Égalité" geschickt, weil ich wußte, daß es zu spät für den „Vorboten" war. Ich erwarte heute Abzüge, um Dir selbes zukommen zu lassen.

In der Übersetzung des Programms für den Kongreß (im „Vorboten") hat Jung verschiedne Irrtümer begangen.

Sub 1: muß es heißen: „Über die Notwendigkeit, die Staatsschulden abzuschaffen. Diskussion über Entschädigungsrecht."
Sub 2: „Über den Zusammenhang zwischen der politischen Aktion und der sozialen Bewegung der Arbeiterklasse."
Sub 4: „Verwandlung der Zettelbanken in Nationalbanken."
Sub 5: „Die Bedingungen der genossenschaftlichen Produktion auf nationalem Maßstab."

Doch wirst Du das alles im „Volksstaat" finden.

Was nun den Kongreß weiter anbetrifft, so kann er unter jetzigen Umständen offenbar nicht in Mainz stattfinden. Die Belgier haben Amsterdam vorgeschlagen. Wir sind überzeugt, daß der Kongreß vertagt werden muß, bis die Verhältnisse günstiger sind.

Erstens stehn wir in Amsterdam auf ganz schwachem Boden, und es ist wichtig, den Kongreß in Ländern zu halten, wo die Internationale bereits starke Wurzeln geschlagen.

Zweitens: Die Deutschen können niemand schicken – höchstens eine Person – bei dem jetzigen durch den Krieg hervorgerufnen Geldmangel. Die Franzosen können ihr Land nicht ohne Pässe, also obrigkeitliche Erlaubnis, verlassen. Unsre französischen Sektionen sind gesprengt, die Erprobtesten flüchtig oder gefangen. Unter diesen Umständen könnte sich leicht die Farce wiederholen, die in der Schweiz gespielt hat. Gewisse Intriganten könnten eine majorité factice2 in Amsterdam zusammenbringen. Für solche Manœuvres finden sie immer das nötige Geld. Woher? C'est leur secret.3

Andererseits kann der Generalrat nach § 3 der Statuten den Kongreßtermin nicht aufschieben. Er würde jedoch, unter den gegenwärtigen außerordentlichen Umständen, die Verantwortlichkeit eines solchen Schritts auf sich nehmen, wenn er dazu die nötige Unterstützung seitens der Sektionen fände. Es wäre uns daher erwünscht, wenn in diesem Sinn ein motivierter Antrag offiziell von der deutschen Schweizer Gruppe und der Genfer romanischen Gruppe zuginge.

Bakunin hat, wie Du weißt, im belgischen Generalrat ein fanatisches Werkzeug, Hins, Faselhans. Dem Rundschreiben, welches der Generalrat Anfang Januar über die „Égalité" etc. erließ4, hatte ich – da die belgische Sekretärschaft momentan erledigt war – eine Denunziation und Charakteristik Bakunins in meinem Namen zugesetzt5. Hins schrieb darauf einen höchst ungezognen Brief gegen mich persönlich (er sprach von meiner „manière indigne d'attaquer Bakunin"6) an den Generalrat, worauf ich ihm gedient habe. Seinem Einfluß ist es wohl zuzuschreiben, daß wir gestern vom belgischen Generalrat ein offizielles Schreiben voller Anklagen erhielten, u.a.: „der belgische Generalrat habe beschlossen, den Delegierten für den nächsten Kongreß zu beauftragen, uns zur Rechenschaft zu ziehn wegen unsres Beschlusses betreffend den Romand Fédéral Conseil7". Wir, sagen sie, hatten überhaupt kein Recht, uns in diese Schweizer Lokalgeschichte einzumischen! Sonderbarerweise hatten die Brüssler selbst, ebenso wie die Pariser „Fédération", uns direkt aufgefordert, uns einzumischen! Kurzes Gedächtnis!

Jedenfalls werden wir nun in eignem Rundschreiben unsre Entscheidung ausführlicher motivieren müssen. Du wirst mich daher sehr verpflichten, wenn Du uns genau über die Intrigen der Alliance, den Kongreß zu La Chaux-de-Fonds und den Schweizer Krakeel überhaupt berichtest.

Ich habe den Brief der russischen Freunde in Genf erhalten. Richte ihnen dafür meinen Dank aus.

Das beste ist in der Tat, wenn sie eine Broschüre über Bakunin schreiben, aber es muß bald geschehn. In diesem Fall brauchen sie mir keine weitren Dokumente über die Umtriebe B[akunin]s zu schicken.

Sie fragen mich, was Bakunin 1848 getan? Während seines Aufenthalts in Paris 1843–48 spielte er den entschiednen Sozialisten. Nach der Revolution ging er nach Breslau und verband sich dort mit den bürgerlichen Demokraten, wirkte unter ihnen für die Wahl Arnold Ruges (zum Frankfurter Parlament), damals entschiednen Feindes der Sozialisten und Kommunisten. Später – 1848 – veranstaltete er den panslawistischen Kongreß zu Prag. Es ist ihm von seiten der Panslawisten selbst vorgeworfen worden, er habe dort ein falsches Spiel gespielt. Ich glaube das jedoch nicht. Wenn er dort (vom Standpunkt seiner panslawistischen Freunde) Irrtümer beging, so nach meiner Ansicht „unfreiwillige". Anfang 1849 erließ Bakunin Adresse (Pamphlet)sentimentaler Panslawismus! Das einzig Rühmliche, was von seiner Tätigkeit während der Revolution gemeldet werden kann, ist seine Beteiligung an der Dresdner Insurrektion Mai 1849.

Sehr wichtig zu seiner Charakteristik ist sein Auftreten unmittelbar nach seiner Rückkehr von Sibirien. Darüber hinreichendes Material im „Kolokol" und Borkheims „Russischen Briefen" in der „Zukunft", die Du ja wohl hast. Sage den russischen Freunden, daß die von ihnen denunzierte Person8 sich hier nicht gemeldet hat, daß ich ihren Auftrag an Borkheim ausgerichtet und daß es mich sehr freuen wird, wenn einer von ihnen herüberkommt. Endlich werden sie mich sehr verpflichten, wenn sie mir den eben erschienenen 4. Band von Tschernyschewski schicken. Ich werde ihnen Preis desselben per Post zukommen lassen.

Dein Artikel über den Krieg im letzten „Vorboten" sehr gut, von meiner ganzen family applaudiert, die Dir ihre herzlichsten Grüße schickt.
Adio.

Dein
Karl Marx

Der einliegende Abzug ist an einigen Stellen verbessert, wo Druckfehler waren. Also besser daraus zu übersetzen, als aus dem der „Égalité" geschickten Exemplar.