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Marx an Paul und Laura Lafargue
in Paris

[London] 28. Juli 1870

Meine lieben Kinder,

Ihr müßt die lange Verzögerung meiner Antwort entschuldigen. Ihr wißt, ich kann Hitze nicht vertragen. Sie beeinträchtigt meine Schaffenskraft. Andererseits wurde ich mit Arbeit überhäuft, die deutschen „Freunde“ befeuerten mich mit einer Mitrailleuse von Briefen, die ich unter den gegenwärtigen Umständen sofort beantworten mußte.

Ihr wünscht natürlich etwas über den Krieg zu hören. Soviel ist sicher, daß L.Bonaparte seine erste günstige Gelegenheit bereits verpaßt hat. Ihr wißt, sein ursprünglicher Plan bestand darin, die Preußen zu überraschen und durch einen unerwarteten Überfall zu schlagen. Es ist in der Tat viel leichter, die französische Armee – bis jetzt aus langdienenden Soldaten bestehend – einsatzfähig zu machen, als die preußischen Truppen, die, größtenteils aus dem zivilen Leben kommend, die Landwehr bilden. Hätte Bonaparte daher, wie er zuerst beabsichtigte, einen Vormarsch auch mit nur halb gesammelten Kräften gewagt, so wäre ihm vielleicht die Überrumpelung der Festung Mainz geglückt, und er hätte dann gleichzeitig in Richtung Würzburg vorstoßen können, um so Norddeutschland von Süddeutschland zu trennen und im Lager seiner Gegner Verwirrung zu stiften. Er hat jedoch die Gelegenheit vorübergehen lassen. Er sah unverkennbare Zeichen des nationalen Charakters des Krieges in Deutschland und war überrascht über das einmütige, rasche und unmittelbare Eintreten Süddeutschlands für Preußen. Seine Gewohnheit zu zaudern, sosehr passend für seine alte Tätigkeit als Verschwörer bei der Vorbereitung von Staatsstreichen und Plebisziten, erhielt die Oberhand; doch diese Methode wird für den Krieg nicht ausreichen, der schnellen und festen Entschluß verlangt. Er ließ seinen ursprünglichen Plan fallen und entschloß sich, seine volle Kriegsmacht zu versammeln. Dadurch verlor er den Vorteil, als erster loszuschlagen, den der Überraschung, während die Preußen die ganze Zeit, die sie zur Mobilisierung ihrer Truppen brauchen, gewonnen haben. Deshalb kann man sagen, daß Bonaparte bereits seine erste Kampagne verloren hat.

Was immer nun die ersten Kriegsereignisse sein mögen, es wird äußerst ernst werden. Auch ein erster großer französischer Sieg würde nichts entscheiden, weil die französische Armee auf ihrem Weg dann auf drei große Festungen trifft, Mainz, Koblenz und Köln, die zu einer längeren Verteidigung bereit sind. Am Ende hat Preußen größere militärische Kräfte zur Verfügung als Bonaparte. Es kann sogar sein, daß Preußen hier oder dort die französische Grenze überschreiten und „le sol sacré de la patrie“1 – nach den Chauvinisten des Corps législatif2 liegt dieser sol sacré nur auf der französischen Seite des Rheins – zum Kriegsschauplatz machen wird!

Beide Nationen erinnern mich an die Anekdote von den beiden russischen Edelleuten, die von zwei Juden, ihren Leibeigenen, begleitet wurden. Der Edelmann A schlägt den Juden von Edelmann B und B antwortet: „Schlägst Du meinen Jud’, schlag ich Deinen Jud’“3. So scheinen beide Nationen mit ihren Despoten ausgesöhnt zu sein, da jede jeder erlaubt, den Despoten der anderen Nation zu schlagen.

In Deutschland wird der Krieg als ein nationaler Krieg angesehen, weil er ein Verteidigungskrieg ist. Die Mittelklasse (ganz zu schweigen von dem Krautjunkertum4) übertrifft sich in Loyalitätserklärungen. Man glaubt sich zurückversetzt in die Zeit von 1812 sqq. „für Gott, König und Vaterland“3 mit des alten Esel Arndts: „Was ist des Deutschen Vaterland!“3

Das Singen der Marseillaise auf Befehl des Dezembermannes ist natürlich eine Parodie, wie die ganze Geschichte des Zweiten Kaiserreiches. Dennoch zeigt es, daß er fühlt, daß „Partant pour la Syrie“ für diese Gelegenheit nicht ziehen würde. Andererseits singt dieser alte verdammte Dummkopf Wilhelm „Annexander“ „Jesus meine Zuversicht“3, auf der einen Seite von dem „larron“5 Bismarck und auf der anderen Seite von dem „policier“6 Stieber flankiert!

Es ist auf beiden Seiten ein ekelhaftes Schauspiel.

Doch ist es ein Trost, daß die Arbeiter sowohl in Deutschland als in Frankreich protestieren. Glücklicherweise ist der Krieg der Klassen in beiden Ländern so weit entwickelt, daß kein Krieg der Staaten das Rad der Geschichte für eine lange Zeit zurückdrehen kann. Ich glaube im Gegenteil, daß der jetzige Krieg zu Ergebnissen führen wird, die von den „Offiziellen“ beider Seiten keineswegs erwartet werden.

Ich lege zwei Ausschnitte aus Liebknechts „Volksstaat“ bei. Ihr werdet sehen, daß er und Bebel sich im Reichstag7 außerordentlich gut benommen haben.

Ich meinerseits wäre dafür, daß beide, Preußen und Franzosen, sich abwechselnd schlagen, und daß – wie ich annehme – die Deutschen schließlich siegen. Ich wünsche das deshalb, weil die definitive Niederlage Bonapartes wahrscheinlich eine Revolution in Frankreich hervorruft, während durch die definitive Niederlage Deutschlands nur die gegenwärtige Lage um weitere 20 Jahre hinausgezogen würde.

Die englischen oberen Klassen sind voll moralischen Unwillens gegenüber Bonaparte, dessen Füße sie 18 Jahre geküßt haben. Damals wollten sie ihn als Retter ihrer Privilegien, Einkünfte und Profite. Gleichzeitig wußten sie, daß der Mann auf einem Vulkan sitzt, dessen unangenehme Position ihn zwingt, den Frieden von Zeit zu Zeit zu stören, und die ihn – neben der Tatsache, daß er ein Emporkömmling ist – zu einem unangenehmen Bettgenossen macht. Jetzt hoffen sie, daß das solide Preußen, das protestantische Preußen, das von Rußland unterstützte Preußen es übernehmen wird, die Revolution in Europa niederzuhalten. Preußen wäre für sie ein sichererer und respektablerer Polizist.

Die englischen Arbeiter hassen Bonaparte mehr als Bismarck, hauptsächlich deshalb, weil er der Aggressor ist. Gleichzeitig sagen sie: „Hol der Henker eure beiden Häuser“, und wenn die englische Oligarchie, wie sie sehr geneigt zu sein scheint, am Krieg gegen Frankreich teilnehmen sollte, wird es in London einen „tuck“ geben. Ich meinerseits tue alles in meinen Kräften stehende, um durch die Internationale diesen „Neutralitäts“geist zu fördern und die „bezahlten“ (bezahlt von den „respectables“) Führer der englischen Arbeiterklasse zu entlarven, die alle Kraft anstrengen, um die Arbeiter in die Irre zu führen.

Ich hoffe, daß die Maßnahmen hinsichtlich der Häuser innerhalb des Befestigungsgebietes Euch nicht betreffen.

Tausend Küsse an meinen süßen kleinen Schnaps.

Euer Euch liebender
Old Nick

Aus dem Englischen.