Karlsbad, 18. Sept. 74
Lieber Fred,
Montag brechen wir auf; es geht über Leipzig, wo ich mich etwas aufhalten und Wilhelm sehn werde, nach Hamburg.
Du weißt, daß ich sehr schreibfaul bin; doch war das diesmal nicht der Grund des hartnäckigen Schweigens. Die ersten drei Wochen fast schlaflos zugebracht; dies zusammen mit den Anstrengungen hier wird Dir alles erklären.
Obgleich man nur morgens trinkt (abends vor Schlafengehn läßt man sich ein kaltes Glas einer besondren Quelle ins Haus bringen), befindet man sich doch den ganzen Tag über in einer Art Maschine, die einen fast keinen Augenblick freiläßt.
Morgens um 5 oder halb 6 auf. Dann 6 Gläser nacheinander an verschiednen Brunnen zu nehmen. Zwischen dem einen und dem folgenden Glase müssen wenigstens 15 Minuten liegen.
Dann wird das Frühstück vorbereitet, zunächst durch den Einkauf von kurgemäßem Backwerk. Danach ein Marsch von wenigstens einer Stunde, endlich der Kaffee, der hier vorzüglich ist, in einem der Kaffeehäuser außerhalb der Stadt. Hierauf folgt eine Fußtour durch die umliegenden Berge; um 12 Uhr about1 kömmt man nach Haus, nimmt aber einen Tag um den andern noch ein Bad, was wiederum eine Stunde wegnimmt.
Folgt Wechsel der Toilette; puis2 Mittagessen in einem beliebigen Gasthof. Schlafen nach Tisch (vor Tisch ist’s erlaubt) streng verboten, und mit Recht, wie ich mich bei einmaligem Versuch überzeugt habe. Also eine weitere Tour unternommen, abwechselnd mit Ausfahren. Rückkehr nach Karlsbad 6–8 Uhr abends, leichter Abendimbiß, und – ins Bett. Dies variiert durch Theater (welches immer um 9 Uhr schließt, wie alle übrigen entertainments3), Konzert, Lesekabinett.
Infolge der Wasserwirkung ist der Kopf hier sehr irritabel4; Du begreifst daher, daß auf die Dauer der Kugelmann mir unerträglich wurde. Aus Gemütlichkeit hatte er mir ein Zimmer zwischen den seinigen und Tussys gegeben, so daß ich ihn genoß, nicht nur, wenn ich mit ihm zusammen, sondern auch, wenn ich allein war. Sein beständiges, in tiefer Stimme vorgetragnes ernsthaftes Blechschwatzen trug ich mit Geduld; schon weniger das Hamburg-Bremen-Hannoversche Philisterpack, männlich und weiblich, das einen nicht losließ; endlich aber brach meine Geduld, als er mich mit seinen häuslichen Szenen gar zu sehr ennuyierte. Dieser erzpedantische, bürgerlich-kleinkramige Philister bildet sich nämlich ein, seine Frau verstehe, begreife seine faustische, in höherer Weltanschauung machende Natur nicht und quält das Dämchen, das ihm in jeder Hinsicht überlegen ist, auf das widrigste. Es kam daher zwischen uns zum Skandal; ich zog in eine höhere Etage, emanzipierte mich durchaus von ihm (er hatte mir ernstlich die Kur verdorben) und söhnten uns erst vor seiner Abreise (die letzten Sonntag erfolgte) wieder aus. Ich erklärte aber positiv, daß ich Hannover nicht heimsuchen würde.
Ein ganz angenehmer Umgang war Simon Deutsch (derselbe, mit dem ich den Krakeel in Paris hatte und der mich hier sofort aufsuchte); auch gruppierte sich bald die Hälfte der hiesigen medizinischen Fakultät um mich und Tochter; lauter für meinen hiesigen Zweck, wo man wenig denken und viel lachen muß, sehr passende Leute. Auch Maler Knille aus Berlin sehr liebenswürdiger Geselle.
Über mein Abenteuer mit dem Hans Heiling Kugelmann manches Ergötzliche in London.
Je mehr man Details „aus dem Österreichischen“ hört, je mehr überzeugt man sich, daß es mit diesem Staat zu Ende geht.
Ich habe bis jetzt um 4 Pfund (Zollgewicht) abgenommen und kann selbst mit der Hand fühlen, daß die Leberverfettung im status evanescens5 ist. Ich glaube, daß ich in Karlsbad endlich meinen Zweck erreicht habe, wenigstens für ein Jahr. Es wäre mir sehr lieb, ein paar Zeilen von Dir in Hamburg bei Meißner vorzufinden.
Mit besten Grüßen von Tussy und mir an Madame Lizzy und Pumps
Dein Mohr
Ich war nach Ischl eingeladen (von Dr. Kraus, Herausgeber der „Wiener Medizinischen Zeitung“) und nach Prag von Herrn Oppenheim (Bruder der Frau Kugelmann, sehr liebenswürdiger Mensch), aber der Mensch strebt auf einem gewissen Punkt heimwärts.