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Marx an Engels
in London

[Harrogate] 30. Nov. 1873

Dear Fred,

Donnerstag war ich bei Gumpert, den ich sehr kahl und gealtert fand. Der arme Kerl leidet schwer an einem mit ihm aufgewachsnen Hämorrhoiden-Konvolut, das er endlich operieren lassen will, was immer, wie er selbst sagt, mit gewisser Gefahr verbunden ist. Ich aß bei ihm (außer ihm konnte ich während meines kurzstündigen Manchester-Aufenthalts natürlich niemand sehn) in Umgebung seiner vier selbstgemachten Kinder und deren governess.

Gumpert untersuchte mich bodily1 und fand, daß eine gewisse Verlängerung der Leber da ist, die ich nach seiner Ansicht erst in Karlsbad ganz verlieren kann. Ich habe dasselbe Wasser zu nehmen wie Tussy (sie nennen es hier Kissingen wegen stammverwandter Beschaffenheit), aber keins der Mineralbäder. Im übrigen ist Tussys und mein Regime etwas verschieden. Sie darf nur sehr mäßig gehn – Punkt, worin G[umpert] ganz übereinstimmt mit Tussys hiesigem Dr. Myrtle (sehr wohlriechender Name, der Mensch ist ein Schotte und rühmt sich, bis zu dieser Stunde Jakobite zu sein; soll sich an colonel Stuart bei Don Carlos wenden), ich habe dagegen stark zu marschieren. Gumperts Rat, sehr wenig zu tun, war kaum nötig, da ich bis dato in der Tat nichts getan habe, nicht einmal Briefe geschrieben. Ich meinte, zwei Wochen hier wären hinreichend, aber G[umpert] bestand auf drei. In der Tat wird auch Tussy erst Mitte der kommenden Woche ein viel stärkeres Mineralbad als das bis jetzt von ihr gebrauchte nehmen dürfen.

Apropos. G[umpert] hat die Allianzbroschüre2, die ich ihm geschickt, nicht erhalten; waren überhaupt in Manchester große Klagen über Nichtlieferung von papers und prints3 seitens der Post. Schick sie ihm also umgehend; ditto, wenn Du es schon erhalten hast, Deine aus dem „Volksstaat“ abgedruckten Artikel über Spanien4. G[umpert] sagt, daß ihn all das sehr interessiert, und daß wir ihn von London aus durch Zusendung ein wenig au courant5 halten müssen, sintemal er sonst unter den Manchester Philistern ganz und gar versaure.

Ich bedaure sehr, daß der brave Lopatine mich verfehlt hat; aber welches Glück hat dieser Junge in seinem Pech! Wenn er nach London übersiedelt, werden wir ihn schon feien gegen Lawrowsches soft-sawder6.

Gestern war’s hier (wo die Luft im Durchschnitt ausgezeichnet belebend) Sturmregen, bei welcher Gelegenheit ich mir böse Verkältung zuzog, die mich heut im Haus festhält, denn da heißt’s: Principiis obsta.7

Unser lune de miel Paar8, worüber Dir Tussy schon berichtet, hat sich in den ersten 3 Tagen so greulich ennuyiert – auch heißt das Paar Briggs –, daß der junge Gatte einen Freund verschrieben hat, einen hinkenden Teufel, der gestern ankam. Seit der Zeit scheinen sie livelier9, nach dem Lärm, den sie machen, zu urteilen. Tussy und ich haben gestern abend zum Schach Zuflucht genommen. Im übrigen las ich S[ain]t-Beuves Buch über Chateaubriand, ein Schriftsteller, der mir von je zuwider war. Wenn der Mann in Frankreich so berühmt geworden ist, so, weil er in jeder Hinsicht die klassischste Inkarnation der französischen vanité10, und diese vanité nicht im leichten frivolen Achtzehntenjahundertgewand, sondern romantisch verkleidet und in neugebacknen Redewendungen stolzierend; die falsche Tiefe, byzantinische Übertreibung, Gefühlskoketterie, buntfarbige Schillerei, word painting11, theatralisch, sublime12, in einem Wort ein Lügenmischmasch, wie er noch nie in Form und Inhalt geleistet worden.

Der Liebknecht-Marxsche Stil ist sehr gütig von Herrn Kokosky. Doch scheint sich das auf den uns unbekannten französischen Stil des Liebknecht zu beziehn. Sein deutscher Stil ist ja ganz ebenso knotig wie der des Herrn Kokosky und muß ihm daher wohltun und ihn anheimeln.

Da Du einmal an der französischen Übersetzung des „Kapital“ bist, so ist’s mir lieb, wenn Du weiter damit gehst. Ich glaube, Du wirst einzelnes finden, was besser als im Deutschen ist.

My compliments to Mrs. Lizzy.
Addio.

Dein
K.M.