[London] 30. Mai 73
Lieber Mohr,
Heute morgen im Bett ist mir folgendes Dialektische über die Naturwissenschaften in den Kopf gekommen:
Gegenstand der Naturwissenschaft – der sich bewegende Stoff, die Körper. Die Körper sind nicht von der Bewegung zu trennen, ihre Formen und Arten nur in ihr zu erkennen, von Körpern außer der Bewegung, außer allem Verhältnis zu den andern Körpern, ist nichts zu sagen. Erst in der Bewegung zeigt der Körper, was er ist. Die Naturwissenschaft erkennt daher die Körper, indem sie sie in ihrer Beziehung aufeinander, in der Bewegung betrachtet. Die Erkenntnis der verschiednen Bewegungsformen ist die Erkenntnis der Körper. Die Untersuchung dieser verschiednen Bewegungsformen also Hauptgegenstand der Naturwissenschaft.1
1. Die einfachste Bewegungsform ist die Ortsveränderung (innerhalb der Zeit, um dem alten Hegel einen Gefallen zu tun) – mechanische Bewegung.
a) Bewegung eines einzelnen Körpers existiert nicht; relativ gesprochen kann jedoch der Fall als ein solcher gelten. Die Bewegung nach einem, vielen Körpern gemeinsamen Mittelpunkt. Sobald aber der Einzelkörper in einer andern Richtung als nach dem Zentrum sich bewegen soll, fällt er zwar noch immer unter die Gesetze der Fallbewegung, aber diese modifizieren sich2
b) in Gesetze der Flugbahn und führen direkt auf die Wechselbewegung mehrerer Körper – planetarische etc. Bewegung, Astronomie, Gleichgewicht –, temporär oder scheinbar in die Bewegung selbst. Das wirkliche Resultat dieser Bewegungsart ist aber schließlich immer – der Kontakt der sich bewegenden Körper, sie fallen ineinander.
c) Mechanik des Kontakts – sich berührende Körper. Gewöhnliche Mechanik, Hebel, schiefe Ebene etc. Aber der Kontakt erschöpft hiermit seine Wirkungen nicht. Er äußert sich unmittelbar in zwei Formen: Reibung und Stoß. Beide haben die Eigenschaft, daß sie bei bestimmtem Intensitätsgrad und unter bestimmten Umständen neue, nicht mehr bloß mechanische Wirkungen erzeugen: Wärme, Licht, Elektrizität, Magnetismus.
2. Eigentliche Physik, Wissenschaft dieser Bewegungsformen, die nach Untersuchung jeder einzelnen feststellt, daß sie unter bestimmten Bedingungen ineinander übergehn, und schließlich findet, daß sie alle bei bestimmtem Intensitätsgrad, der nach den verschiednen bewegten Körpern wechselt, Wirkungen hervorbringen, die über die Physik übergreifen, Veränderungen der innern Struktur der Körper – chemische Wirkungen.
3. Chemie. Für die Untersuchung der frühern Bewegungsformen war es mehr oder minder gleichgültig, ob sie an belebten oder unbelebten Körpern gemacht wurden. Die unbelebten zeigten sogar die Phänomene in ihrer größten Reinheit. Die Chemie dagegen kann die chemische Natur der wichtigsten Körper nur an Stoffen erkennen, die aus dem Lebensprozeß hervorgegangen sind; ihre Hauptaufgabe wird mehr und mehr, diese Stoffe künstlich herzustellen. Sie bildet den Übergang zur Wissenschaft des Organismus, aber der dialektische Übergang ist erst dann herzustellen, wenn die Chemie den wirklichen entweder gemacht hat oder auf dem Sprung steht, ihn zu machen.3
4. Organismus – hier lasse ich mich vorläufig auf keine Dialektik ein.4
Da Du dort im Zentrum der Naturwissenschaften sitzest, so wirst Du am besten imstande sein zu beurteilen, was daran ist.
Dein
F. E.
Wenn Ihr glaubt, daß was an der Sache ist, so sprecht nicht davon, damit mir nicht irgendein lausiger Engländer die Sache stiehlt, das Verarbeiten wird immer noch viel Zeit erfordern.