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Engels an Marx
in London

Manchester, 12. Sept. 1870

Lieber Mohr,

Unsre Freunde drüben – in Deutschland wie in Frankreich – überbieten sich allerdings gegenseitig in politischer Geschicklichkeit. Diese Esel in Braunschweig! Sie waren bange, Du würdest es ihnen übelnehmen, wenn sie die ihnen gegebenen Gesichtspunkte verarbeiteten, und so gaben sie’s wörtlich. Eigentlich unangenehm ist indes nur die Stelle von der Verlegung des Schwerpunkts. Das zu drucken übertrifft alles an Taktlosigkeit. Indes ist zu hoffen, daß die Pariser jetzt was andres zu tun haben, als sich dem Studium dieses Manifests zu widmen, namentlich, da sie kein Deutsch verstehn. Ihr Deutsch in der Proklamation ist schön. Und Wilhelm1 in seinem Blatt2 lobt dies chauvinistische Machwerk. Longuet ist auch gut. Weil ihnen der Wilhelm I. eine Republik geschenkt hat, soll jetzt gleich in Deutschland Revolution gemacht werden. Warum haben sie denn keine gemacht nach der spanischen?

Der Passus über Elsaß und Lothringen aus dem Manifest ist in der heutigen „Zukunft“ abgedruckt, aber als von den Braunschweigern ausgehend. Schick mir 2 oder mehr Abdrücke der neuen Adresse3, sobald sie fertig.

Wenn man in Paris irgend etwas tun könnte, so müßte man ein Losschlagen der Arbeiter vor dem Frieden verhindern. Bismarck wird bald in der Lage sein, den Frieden abzuschließen, sei es durch Einnahme von Paris, sei es, daß die europäische Lage ihn dazu nötigt, dem Krieg ein Ende zu machen. Wie auch der Friede ausfällt, er muß abgeschlossen sein, ehe die Arbeiter irgend etwas machen können. Siegen sie jetzt – im Dienste der Nationalverteidigung –, so haben sie die Erbschaft Bonapartes und der jetzigen Lauserepublik anzutreten und werden von den deutschen Armeen nutzlos niedergeschlagen und wieder um 20 Jahre zurückgeworfen. Sie selbst können bei dem Abwarten nichts verlieren. Die etwaigen Grenzveränderungen sind ohnehin nur provisorisch und werden wieder umgeworfen. Sich für die Bourgeois gegen die Preußen zu schlagen, wäre Wahnsinn. Die Regierung, wer sie auch sei, die den Frieden schließt, wird dadurch schon auf die Dauer unmöglich, und die aus der Gefangenschaft heimkehrende Armee wird nicht sehr zu fürchten sein in inneren Konflikten. Nach dem Frieden sind alle Chancen günstiger für die Arbeiter, als sie je vorher waren. Aber werden sie sich nicht wieder fortreißen lassen unter dem Druck des auswärtigen Angriffs und die soziale Republik proklamieren am Vorabend des Sturms auf Paris? Es wäre scheußlich, wenn die deutschen Armeen als letzten Kriegsakt einen Barrikadenkampf gegen die Pariser Arbeiter auszufechten hätten. Es würde uns um 50 Jahre zurückwerfen und alles so verschieben, daß jeder und jedes in eine falsche Stellung käme, und dann der Nationalhaß und die Phrasenherrschaft, die dann unter den französischen Arbeitern aufkommen würden!

Es ist verdammt schlimm, daß die Leute in Paris so selten sind, die es wagen, in der jetzigen Lage die Dinge so sehen zu wollen, wie sie wirklich sind. Wo ist einer in Paris, der nur zu denken wagt, daß die aktive Widerstandskraft Frankreichs für diesen Krieg gebrochen ist und damit die Aussicht auf eine durch eine Revolution zu bewirkende Austreibung der Invasion fällt! Ebendeswegen, weil die Leute die tatsächliche Wahrheit nicht hören wollen, fürchte ich, daß es noch dazu kommt. Denn die Apathie der Arbeiter vor dem Sturz des Empire wird sich jetzt wohl geändert haben.

Wie das Buch von Schäffle betitelt ist, könntest Du auch wohl mitteilen. Da hast Du den wahren Gegner. Der Mensch war im Zollparlament und ist ein ganz ordinärer Vulgärökonom, schon mehr Faucher, aber Schwabe. An dem Buch wirst Du Freude erleben.

Da, wie es scheint, jedenfalls etwas annexiert wird, wäre es an der Zeit, uns über eine Form zu besinnen, worin deutsche und französische Arbeiter sich darüber verständigen, dies alles als nul et non avenu4 anzusehn und bei gelegnerer Zeit rückgängig zu machen. Meine Ansicht war, daß dies schon bei Ausbruch des Kriegs nützlich gewesen wäre; jetzt aber, wo das Schicksal des Abtretens die Franzosen trifft, wird es nötig, die Kerle werden sonst mörderlich schreien.

Sage Tussy, meine Frau5 sei ihr für ihren Brief sehr dankbar, und sie werde dieser Tage Antwort erhalten. Mit besten Grüßen an Euch alle

Dein
F. E.