London, 2. Sept. 1870
Dear Fred,
Vorgestern abend hier arriviert. Heute werd' ich zu Dr. Maddison gehn.
Gestern abend kam einliegender Zettel von „Pall Mall Gazette" mit cheque. Soll ich letztern auf Dich endorsieren und nach Manchester schicken oder kassieren und Banknoten schicken?
Es ist jetzt Zeit, nach der glänzenden Bestätigung Deines ersten Artikels über Mac-Mahon1, daß Du den nächsten Artikel mit einem Resümee Deiner eignen „Notes on the War" beginnst. Du weißt, daß man die Engländer mit der Nase auf die „points"2 stoßen muß und daß zu große sachliche Bescheidenheit will not do with full-mouthed John Bull3. Die weiblichen Glieder der Familie sind wütend, daß sie Deine Artikel in allen Londoner Blättern geplündert, aber niemals zitiert finden.
Nach meiner Ansicht ist die ganze defence4 von Paris nur Polizeifarce, um die Pariser ruhigzuhalten, bis die Preußen vor den Toren stehn und die Ordnung, viz.5 die Dynastie und ihre Mamelucken, retten.
Das jämmerliche Schauspiel, das Paris in diesem Augenblick, ich meine während des ganzen Kriegs bietet, zeigt, daß eine tragische Lektion zur Rettung Frankreichs nötig war.
Echt preußisch die Erklärung, daß niemand sein „Vaterland“ verteidigen darf außer in Uniform!6
Die Preußen hätten doch aus ihrer eignen Geschichte lernen sollen, daß man „ewige“ Sicherheit gegen den geschlagnen Gegner nicht durch dismemberment7 etc. erreicht. Und selbst nach Verlust von Lothringen und Elsaß ist Frankreich noch by far8 nicht so vermöbelt wie Preußen es wurde durch Napoleons Tilsiter Pferdekur. Und was half das dem Napoleon I.? Es brachte Preußen auf den Strumpf.
Ich glaube nicht, daß Rußland in diesem Krieg schon aktiv interveniert. Ich glaube nicht, daß es dafür vorbereitet ist. Aber es ist ein diplomatischer Meistercoup, sich schon jetzt als saviour9 Frankreichs anzukündigen.
In meinem ausführlichen Antwortschreiben an das Braunschweiger Komitee habe ich die widerliche „Identität“, worin unser Wilhelm sich, sobald es seinen Zwecken dient, mit mir andern vorlügt, ein für allemal beseitigt. Es ist gut, daß er durch seine Initiative mir die Gelegenheit gab, mich einmal offiziell über dies von ihm absichtlich und mit bösem Gewissen unterhaltene malentendu10 zu erklären.
Was sagst Du denn zu dem Familiendichter Freiligrath? Sogar historische Katastrophen wie die jetzige dienen ihm nur zur Besingung seiner eignen brats11. Dabei wird der volunteer12 „Krankenwärter“ für die Engländer noch dazu in einen „Surgeon"13 verwandelt.
Der Briefwechsel zwischen dem schwäbischen Exseminaristen D. Strauß und dem französischen Exjesuitenzögling Renan ist eine erheiternde Episode. Pfaff bleibt Pfaff. Der historische Kursus des Herrn Strauß scheint in Kohlrausch oder einem ähnlichen Schulbuch seine Wurzeln zu besitzen.
Addio!
Dein
K.M.
Mit Bezug auf die Verschießung Saarbrückens scheinen die Preußen denn doch arg gelogen zu haben.
Eine Farce in Paris schlägt die andre. Aber das Schönste doch die Soldaten, die zu einem Tor heraus und zum andern hereinmarschieren.
Einliegend auch ein Brief von Laura. Die Narren zögern unverzeihlich mit ihrem Rückzug nach Bordeaux.14