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Engels an Marx
in Ramsgate

Manchester, 15. Aug. 1870

Lieber Mohr,

Wenn man wie ich seit 3 Tagen es heftig im Bauch hat, mit gelindem Fieber von Zeit zu Zeit, so ist es selbst auf dem eingeschlagenen Weg der Besserung kein großes Vergnügen, über die politique Wilhelm[s]1 sich zu verbreiten. Da Du aber den Kram wiederhaben mußt, so sei es.

Inwieweit der sicher sehr schwache Bracke sich persönlich in nationale Begeisterung hat fortreißen lassen, weiß ich nicht, und da ich in 14 Tagen höchstens eine Nr. vom „Volksstaat“ erhalte, kann ich auch den Ausschuß in dieser Beziehung nicht beurteilen, außer nach Bonhorsts Brief an Wilhelm, der im ganzen cool2 ist, aber theoretische Unsicherheit verrät. Dagegen sticht Liebknechts bornierte Sicherheit der Prinzipienreiterei allerdings in bekannter Weise vorteilhaft ab.

Mir scheint der Kasus so zu liegen: Deutschland ist durch Badinguet in einen Krieg um seine nationale Existenz hineingeritten. Unterliegt es gegen Badinguet, so ist der Bonapartismus auf Jahre befestigt und Deutschland auf Jahre, vielleicht auf Generationen, kaputt. Von einer selbständigen deutschen Arbeiterbewegung ist dann auch keine Rede mehr, der Kampf um Herstellung der nationalen Existenz absorbiert dann alles, und bestenfalls geraten die deutschen Arbeiter ins Schlepptau der französischen. Siegt Deutschland, so ist der französische Bonapartismus jedenfalls kaputt, der ewige Krakeel wegen Herstellung der deutschen Einheit endlich beseitigt, die deutschen Arbeiter können sich auf ganz anders nationalem Maßstab als bisher organisieren, und die französischen, was auch für eine Regierung dort folgen mag, werden sicher ein freieres Feld haben als unter dem Bonapartismus. Die ganze Masse des deutschen Volks aller Klassen hat eingesehn, daß es sich eben um die nationale Existenz in erster Linie handelt, und ist darum sofort eingesprungen. Daß eine deutsche politische Partei unter diesen Umständen à la Wilhelm die totale Abstention predigen und allerhand Nebenrücksichten über die Hauptrücksicht setzen, scheint mir unmöglich.

Dazu kommt, daß der Badinguet diesen Krieg nicht hätte führen können ohne den Chauvinismus der Masse der französischen Bevölkerung, der Bourgeois, Kleinbürger, Bauern und des von Bonap[arte] in den großen Städten geschaffenen imperialistischen, Haussmannschen, aus den Bauern hervorgegangnen Bauproletariats. Solange dieser Chauvinismus nicht auf den Kopf gehauen, und das gehörig, ist Friede zwischen Deutschland und Frankreich unmöglich. Man konnte erwarten, daß eine proletarische Revolution diese Arbeit übernehmen würde; seitdem aber der Krieg da, bleibt den Deutschen nichts übrig, als dies selbst und sofort zu tun.

Daß – und jetzt kommen die Nebenrücksichten – dieser Krieg von Lehmann, Bismarck und Co. kommandiert wird und ihnen zur augenblicklichen Gloire dienen muß, falls sie ihn glücklich durchführen, das verdanken wir der Misere der deutschen Bourgeoisie. Es ist allerdings sehr öklíg, aber nicht zu ändern. Darum aber den Antibismarckismus zum alleinleitenden Prinzip erheben, wäre absurd. Erstens tut B[ismarck] jetzt, wie 1866, immer ein Stück von unsrer Arbeit, in seiner Weise und ohne es zu wollen, aber er tut’s doch. Er schafft uns reineren Bord als vorher. Und dann sind wir nicht mehr Anno 1815. Die Süddeutschen treten jetzt notwendig in den Reichstag ein und damit erwächst dem Preußentum ein Gegengewicht. Dazu die nationalen Pflichten, die ihm zufallen und die, wie Du schon schriebst, die russische Allianz von vornherein verbieten. Überhaupt, à la Liebk[n[echt]], die ganze Geschichte seit 1866 rückgängig machen zu wollen, weil sie ihm nicht gefällt, ist Blödsinn. Aber wir kennen ja unsere Mustersüddeutschen. Mit den Narren ist nichts aufzustellen.

Ich meine die Leute können:

1. sich der nationalen Bewegung anschließen – wie stark sie ist, siehst Du aus Kugelmanns Brief –, soweit und solange sie sich auf Verteidigung Deutschlands beschränkt (was die Offensive bis zum Frieden unter Umständen nicht ausschließt),

2. den Unterschied zwischen den deutsch-nationalen Interessen und den dynastisch-preußischen dabei betonen,

3. jeder Annexion von Elsaß und Lothringen entgegenwirken – B[ismarck] läßt jetzt die Absicht durchblicken, diese an Bayern und Baden zu annexieren,

4. sobald in Paris eine republikanische, nicht chauvinistische Regierung am Ruder, auf ehrenvollen Frieden mit ihr hinzuwirken,

5. die Einheit der Interessen der deutschen und französischen Arbeiter, die den Krieg nicht gebilligt und die sich auch nicht bekriegen, fortwährend hervorzuheben,

6. Rußland wie in der internationalen Adresse3.

Amüsant ist bei Wilh[elm] die Behauptung, weil Bismarck ein ehemaliger Spießgeselle des Badinguet, sei der wahre Standpunkt, sich neutral zu halten. Wenn das die allgemeine Meinung in Deutschland, hätten wir bald wieder den Rheinbund, und der edle Wilhelm sollte einmal sehn, was er in dem für eine Rolle spielte und wo die Arbeiterbewegung bliebe. Ein Volk, das immer nur Hiebe bekommt und Tritte, ist allerdings das wahre, um eine soziale Revolution zu machen, und noch dazu in Wilhelms geliebten X-Kleinstaaten!

Wie hübsch das arme Kerlchen mich auch zu denunzieren sucht wegen etwas, das in der „Elberf[elder] Z[ei]t[un]g“ gestanden haben „soll“! Armes Tier!

Der débâcle in Frankreich scheint greulich. Alles verlottert, verkauft, verschwindelt. Die chassépots schlecht gearbeitet und versagen im Gefecht, es sind keine mehr da, die alten Steinschloßflinten sollen wieder herausgesucht werden. Trotzdem braucht eine revolutionäre Regierung, wenn sie bald kommt, nicht zu verzweifeln. Sie muß aber Paris seinem Schicksal überlassen und den Krieg vom Süden aus weiterführen. Es ist dann noch immer möglich, daß sie sich so lange halten kann, bis Waffen aufgekauft und neue Heere organisiert sind, mit denen der Feind allmählich wieder bis an die Grenze zurückgedrückt wird. Das wäre eigentlich das wahre Ende des Kriegs, daß beide Länder sich gegenseitig den Beweis ihrer Unbesiegbarkeit liefern. Aber wenn das nicht bald geschieht, so ist die Komödie aus. Moltkes Operationen sind ganz musterhaft – der alte Wilh[elm]4 scheint ihn ganz gewähren zu lassen, und die 4. Bataillone rücken bereits bei der Armee ein, während die französischen noch nicht existieren.

Wenn Badinguet nicht schon von Metz fort ist, kann’s ihm schlimm gehn.

Für den Rheumatismus ist das Seebad nicht gut. Aber Gumpert – der in Wales ist auf 4 Wochen – behauptet, die Seeluft sei das besonders Wirksame. Ich hoffe, Du wirst die Schmerzen bald los, es ist was ganz Infames. Jedenfalls ist’s nicht gefährlich und die Herstellung der allgemeinen Gesundheit viel wichtiger.

Beste Grüße.

Dein F. E.

Du siehst übrigens, wie der elende Wilh[elm]5 fortwährend mit den reaktionären Partikularisten – Wulster, Obermüller usw., mogelt und die Partei hineinreitet.

Wilhelm hat offenbar auf Sieg des Bonaparte gerechnet, bloß damit sein Bismarck dabei draufgehe. Du erinnerst Dich, wie er ihm immer mit den Franzosen drohte. Du bist natürlich auch auf Wilhelms Seite!