[London] 17. Juli 1870
Mein lieber Doktor,
Hoffentlich denken Sie nicht, daß Faulheit oder Nachlässigkeit irgend etwas mit meinem Schweigen zu tun haben. In der Tat habe ich sofort nach Erhalt Ihres Briefes an Herrn Pigott, den Redakteur des „Irishman“, geschrieben, um mich zu erkundigen, wo ich eine Photographie von O’Donovan Rossa erhalten könnte. Herr Pigott antwortete, daß er außerstande sei, mir darüber irgendwelche Auskunft zu geben (die britische Regierung erlaubt nicht, daß die Porträts der Fenier verkauft werden), aber daß er meinen Brief an Frau Rossa geschickt habe, weil diese Dame mir vielleicht eine Photographie ihres Mannes verschaffen könne. Jetzt habe ich von Tag zu Tag auf einen Brief von Frau Rossa gewartet – aber vergeblich – und weil ich meine, es wird keinen Sinn haben, noch länger zu warten, schreibe ich diese Zeilen, um Sie zu fragen, ob der beigefügte Abdruck, der vor einiger Zeit im „Irishman“ erschien, Herrn Rissé etwas nützt? Es ist gewiß ein sehr unähnliches Bild, aber es ist besser als nichts. Es wäre jammer schade, die ausgezeichnete Absicht, Rossas Bild zu veröffentlichen, aufzugeben. Seine Veröffentlichung würde John Bull besonders ärgern – denn die britische Regierung fürchtet nichts so sehr, als daß die niederträchtige Behandlung der gefangenen Fenier auf dem Kontinent bekannt werden könnte. Tatsächlich ist die Gefängnis-Untersuchung lediglich veranlaßt worden, um die unangenehmen Wahrheiten zu vertuschen, welche durchsickerten. Am Vorabend der Untersuchung, die angeblich die Dinge klären soll, werden die Gefangenen schärfer als je bewacht, damit sie ja nicht ihre Freunde über die Behandlung unterrichten können, welche sie erleiden. Vor einigen Tagen hat Frau Luby, die Frau eines der Gefangenen, ihren Mann besucht, um ihm die Nachricht vom Tode seiner Mutter zu überbringen (der Kummer wegen der Leiden ihres Sohnes beschleunigte den Tod von Frau Luby), und obwohl die unglückliche Frau ihren Mann seit drei Jahren nicht gesehen hatte, erlaubte man ihr nicht, ihn von Antlitz zu Antlitz ohne die Einmischung eines Gefängniswärters zu sehen. Frau Luby wurde in einen großen eisernen Käfig geführt, der mit schweren Eisenstäben vergittert war, Luby wurde aus seiner Zelle in einen andern ebenfalls mit schweren Eisenstäben vergitterten Käfig gebracht, etwas entfernt von dem, in welchem seine Frau untergebracht war. Ein Aufseher stand dicht neben dem Gefangenen, aufmerksam und bereit dazwischenzutreten, falls er ein Wort über die Gefangenenbehandlung äußern sollte. Aber der arme Luby brauchte nicht zu klagen – seine bleiche, zusammengeschrumpfte und abgemagerte Gestalt verriet nur zu beredt eine Schreckensgeschichte. Es ist eine Tatsache, daß Frau Luby ihren Mann nicht einmal wiedererkannte – so verändert und gealtert sieht er aus. – Wo die Freunde der Gefangenen derart sorgfältig ausgeschlossen werden und das Zeugnis der Gefangenen unterdrückt wird, ist es nicht schwer zu erraten, daß die ganze Kommission sich von Anfang bis Ende als regelrechter Schwindel erweisen wird. Da die Anstaltsleiter, Aufseher und Gefängniswärter in der kommenden Untersuchung gänzlich ihren Willen haben werden, so werden am Ende die käuflichen Presseschreiber die Annehmlichkeiten englischen Gefängnislebens in glühenden Farben schildern und die Aussagen O’Donovan Rossas als ebenso viele Lügen brandmarken können!
Wegen der Notizen für das Vorwort zu Herrn Rissés Buch habe ich mich an Engels gewandt, der mit seiner gewohnten Liebenswürdigkeit und Promptheit mir sofort die beigelegten Bemerkungen geschickt hat, die das deutsche Publikum, glaube ich, interessieren werden.
Was Karlsbad angeht, so muß ich leider sagen, daß, dank dem rücksichtslosen Spieler in Paris1, aus unserer lange geplanten Reise nichts geworden ist. Ohne Paß zu reisen ist natürlich bei den gegenwärtigen Umständen eine Unmöglichkeit, und einen zu erhalten kommt ebenfalls nicht in Betracht. Die britische Regierung verweigert sogar naturalisierten Engländern die Pässe. Doch Mohr wird Ihnen selber darüber schreiben. Sagen Sie Trautchen, ich werde ihr auch in ein paar Tagen schreiben, um meiner Enttäuschung Luft zu machen, und sagen Sie der Dame bitte auch, ich fände, sie sei übertrieben faul geworden. Ich habe seit Monaten nichts von ihr gehört.
Was denken Sie vom Kriege? Wir haben uns noch nicht erholt von unserer Überraschung und Entrüstung über die Wendung der Dinge. Es ist nicht einfach, sich mit dem Gedanken zu versöhnen, daß, anstatt für die Zerstörung des Kaiserreichs zu kämpfen, das französische Volk sich für seine Vergrößerung opfert, daß, anstatt Bonaparte aufzuhängen, es sich unter seine Fahnen schart. Wer hätte davon vor ein paar Monaten träumen können, als die Revolution in Paris eine Tatsache schien. Diese Wiederbelebung des Chauvinismus im 19. Jahrhundert ist fürwahr eine grausame Posse! – Es ist Zeit, diesen langen Brief zur Post zu bringen. – Mit herzlichen Grüßen an das liebe Trautchen und an Fränzchen verbleibe ich, mein lieber „Doktor“,
Aus dem Englischen.
Ihre sehr getreue
Jenny Marx