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Jenny Marx (Tochter) an Ludwig Kugelmann
in Hannover

London, 27.Dez. 69

Mein lieber Doktor,

Hoffentlich glauben Sie nicht, ich fröne der Rache, wie es das Gesetz gewisser Vorfahren von mir vorschreibt. Der einzige Grund, weshalb ich Ihren so liebenswürdigen Brief so lange unbeantwortet gelassen habe, ist, daß ich nicht eine einzige Stunde für mich hatte. Bis 2 Uhr bin ich, wie Sie wissen, jeden Tag besetzt1 – und da unsere arme Helene2 sich sehr schlecht fühlte, habe ich meine Nachmittage sehr oft mit Arbeit im Haushalt verbracht; daneben habe ich mehrere hundert Zeitungen durchgesehen, um für Mohr Auszüge über die finanziellen Schwindelkonzerne usw. zu machen. (Übrigens sind Overend und Gurney gerade freigesprochen worden. Die Bourgeoisie im ganzen Lande jubelt über die Befreiung dieser „Märtyrer“, von denen sie behauptet, daß gegen sie mehr gesündigt worden, als sie selbst gesündigt hätten. Es würde mich keineswegs überraschen, wenn diese Gentleman-Gauner demnächst wieder ins Parlament einzögen, um für ihre Landsleute Gesetze zu erlassen. Die Parteinahme des Richters für die Angeklagten war so offenkundig, daß es sogar den abgestumpften Geschworenen auffiel und bei einer Gelegenheit einen Protest von ihnen hervorrief.) Sie sehen, es gibt Entschuldigungen für mein Schweigen. Dennoch muß ich gestehen, daß ich – wie Sie richtig vermuten – mich nicht einem Gott der Rache beuge, aber auch ebenso wenig geneigt bin, ein sanftes Lämmerschwänzchen3 anzubeten. Um ihnen zu beweisen, daß ich nicht gewöhnt bin, „Böses mit Gutem“ zu vergelten, habe ich Sie zur Strafe dazu verurteilt, ein höchst unverdauliches Gemisch zu verzehren – einen echten englischen Plum-Pudding; für die Durchführung dieses Kunststücks soll Ihnen Ablaß für alle Sünden gewährt werden.

Alle daheim senden Ihnen ihre besten Wünsche zum Neuen Jahr, denen ich mich herzlichst anschließe. Es hat uns so leid getan, von Ihrer Erkrankung zu hören, und wir hoffen, daß Sie sich inzwischen davon wieder erholt haben. Mohr fühlt sich augenblicklich ganz gut, d. h. verhältnismäßig. Vor ein paar Tagen hat uns Engels für einige Stunden besucht. Er war auf dem Wege nach Barmen, wo er die Weihnachtstage mit seiner Mutter verbringen will. Er sah ausgesprochen gut aus und war sehr froh, dem Kontor entronnen zu sein, in dem er sich wie ein Fisch auf dem Trockenen fühlte. Er arbeitet tüchtig an seinem Buch über Irland4. Ihre Fragen über dieses Buch kann ich nicht beantworten, da ich von seinem Inhalt keine Ahnung habe. Ich nehme an, es wird so eine Art Pendant zu seiner „Lage der arbeitenden Klasse in England“ sein. Es hat uns sehr gefreut, daß Sie hinsichtlich der irischen Frage mit uns sympathisieren. Wir sind alle überzeugte Fenier. Als wir die Nachricht von O’Donovans Wahl erhielten, haben wir alle einen Freudentanz aufgeführt. Tussy war ganz ausgelassen. Sie können sich vorstellen, welche Bestürzung die Nachricht von der Wahl eines Feniers in England hervorgerufen hat. Anfangs konnte die Presse, mit Ausnahme von „Reynolds’s“ und dem „National Reformer“ nur im Chore wehklagen: „Ein überführter Verbrecher ist gewählt worden – o Schrecken aller Schrecken!“ Nachdem sie sich so in allen Tonarten über diese Zauberworte ausgelassen hatten, fiel die käufliche Bande übereinander her – die Tory-Blätter beschimpften Gladstone und erklärten, diese Wahl sei die Frucht seiner Politik, – die Whig-Organe geiferten über die Undankbarkeit und lamentierten über das Schicksal eines Landes, in dem Friedensbotschaften und guter Wille so beantwortet werden, in dem Verrat am hellichten Tage zur Schau getragen und Mördern Lob gesungen wird. Die britische Regierung schickte sofort Tausende von Soldaten auf die Schwester-Insel.

Es muß zugegeben werden, daß, wie die Tories sagen, Gladstones Maßnahme zur Trennung der Kirche vom Staat schon Früchte getragen hat. Der religiöse Fanatismus stirbt schon eines natürlichen Todes, die Feindseligkeiten zwischen Katholiken und Protestanten gehen ihrem Ende entgegen, im Lager der Orangisten ist ein Riß entstanden, und die Orangisten, die Ribbon-Leute und die Fenier schließen sich zusammen gegen ihren gemeinsamen Feind, die britische Regierung. Infolgedessen schwindet der Einfluß der Pfaffen, sie haben die irische Bewegung nicht mehr in der Hand, und die Wahl O’Donovan Rossas ging tatsächlich in direkter Opposition zur klerikalen Partei vor sich. Als zum Beispiel diese Gentlemen, die gegen die Freilassung der politischen Gefangenen sind, Versammlungen einberiefen, um eine Art Land Bill zurechtzustutzen, wurden diese gewaltsam von der Bevölkerung gesprengt. Diese erklärte, es werde zu keinem Vergleich mit der britischen Regierung kommen, solange die Gefangenen nicht freigelassen wären. Als sich die Regierung gegenüber der Amnestiekundgebungen taub stellte, wählte das Volk den Fenier O’Donovan Rossa, der britischen Regierung und den irischen professionellen Agitatoren, Laien und Klerikalen zum Trotze, deren Unaufrichtigkeit es endlich erkannt hatte.

Inzwischen schmachten die edelsten Iren in britischen Kerkern. Es ist unmöglich, die Leiden dieser Männer zu beschreiben. O’Donovan Rossa ward einmal 35 Tage lang in einer Dunkelzelle gehalten, die Hände Tag und Nacht auf dem Rücken gefesselt, die ihm nicht einmal gelockert wurden, um seine Nahrung einnehmen zu können, eine dünne Haferschleimsuppe, die man ihm auf den Fußboden der Zelle stellte. Und überhaupt, mein lieber Doktor, ist England zur Zeit ein Land des Grauens. Im Londoner East End ist Hungertyphus ausgebrochen – in den Arbeitshäusern werden die Paupers en masse gemordet. Die Ärzte, denen die Leichen der Paupers nicht mehr genügen, machen ihre Experimente an den Lebenden; dabei ist mir die Zeit noch frisch in Erinnerung, als die englische Presse sich höchst entrüstet zeigte über die Durchführung von Vivisektionen an Tieren in Frankreich. Vorige Woche hat sich in Wales ein Fall ereignet, bei dem sich einem die Haare sträuben. Ein Bauer aus Wales hatte die Nachricht verbreitet, seine Tochter, ein 12jähriges Mädchen, habe zwei Jahre lang ohne Nahrung gelebt. Obgleich dieser arme Waliser für die Zursschaustellung seines Kindes nun Geld erhielt, ist es möglich (in Wales existiert der Hexenglaube usw. heute noch), daß er halb verrückt ist und an seine Erzählung glaubte. Daß jedoch die Ärzte der besten Londoner Krankenhäuser es auch geglaubt haben sollen, scheint unfaßbar. Wie dem auch sei, sie bildeten eine Kommission und schickten Krankenschwestern vom Guy’s Hospital nach Wales, um dieses sogenannte fastende Mädchen vierzehn Tage zu beobachten. Täglich gaben die gleichen Ärzte über den Zustand des Mädchens Bulletins für die Öffentlichkeit heraus. Sechs Tage lang ließen sie es ohne Nahrung, und am siebenten Tage starb das unglückliche Kind. In der Nacht vor dem Tode des Kindes teilte Doktor Davies dem Vater des Mädchens mit, daß keine Gefahr bestehe; als man diesen Gentleman verhörte, erklärte er, er habe keine Nahrung verschrieben, weil er den Vater nicht „kränken“ wollte. Wie überaus höflich und rücksichtsvoll! Ich will versuchen, Ihnen den ganzen Fall zu beschaffen. Er läßt einen bestimmt zu keiner hohen Meinung von dem Ärzte-Stand in England kommen. Ich bin überzeugt, wenn jemand erklären würde, er könne unversehrt über rotglühende Eisenbarren gehen oder aus dem Fenster springen, es würden sich Ärzte finden, um die Sache zu untersuchen. Wir werden eines Tages noch zu den Gottesurteilen zurückkehren!

Mit den besten Wünschen für das Neue Jahr
verbleibe ich aufrichtigst Ihre
Jenny Marx

Aus dem Englischen.