[London] 30. Okt. 69
Mein lieber „Doktor“!!!
Ich danke Ihnen sehr für Ihren Brief und die Kopie des Gemäldes Ihrer lieben Mutter. Sie ist erstaunlich gut gelungen – besser als das ursprüngliche Bild. Ich habe mich sehr darüber gefreut. – Mit großer Freude habe ich vernommen, daß es Ihnen besser geht – möge die Zeit allmählich den Schmerz lindern über den schweren Verlust, der Sie betroffen hat. Denken Sie – „nach des Lebens wechselhaftem Fieber schläft sie gut – nichts kann ferner sie berühren“. Liegt nicht ein Trost in diesem Gedanken?
Frau Menke habe ich ein paar Zeilen geschrieben. Ich bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet für die rechtzeitige Erinnerung, obwohl zu meinen Gunsten gesagt werden muß, daß ich schon vor Eintreffen Ihrer Zeilen daran gedacht hatte, an „Mariechen“ zu schreiben – … aber irgendwie – nun, der Weg zur Hölle, sagt man, ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Mohr hat ihr ebenfalls ein paar Zeilen geschrieben. Es geht ihm viel besser, und er ist den lästigen Husten fast ganz losgeworden, der ihn in Hannover so arg gequält hat. Er läßt Sie herzlich grüßen und hofft, Sie werden entschuldigen, daß er Ihnen nicht schreibt; er ist gerade sehr mit der Lektüre eines Buches (das soeben in russischer Sprache erschienen ist und ihm nicht wenig Mühe macht) über die Lage der russischen Bauernschaft beschäftigt, die, wie es scheint, genau das Gegenteil von dem ist, was der phantasiereiche Carey von ihr behauptet – alles andere als beneidenswert. „In Rußland gedeiht kein Glück.“ Dies Buch ist gerade zur rechten Zeit erschienen, es ist sehr wichtig. Mohr sollte in seinem zweiten Band die darin enthaltenen Fakten bekannt machen. Inzwischen geht die Übersetzung des ersten Bandes ins Französische weiter voran. In einem Monat wird das dritte Kapitel zur Korrektur vorliegen, jedenfalls schreibt das Paul (Lafargue), der den Übersetzer vor einigen Tagen aufgesucht hat. Er fand Herrn Keller (den Übersetzer) – so schreibt uns Paul – „dans une pauvre maison, dans une chambre plus pauvre encore, où ne se trouve[n] que deux chaises, une table, un lit et quelques planches pour des livres“1,
eifrig an der Arbeit. Er ist jung, intelligent, begeistert. Paul ist entzückt von ihm und bewundert besonders seine „grand pouvoir travailleur et énergie“2 – und tatsächlich, wer täte das nicht? Um seiner Studien willen (er beschäftigt sich mit verschiedenen Wissenschaften, aber hauptsächlich mit der Sozialwissenschaft), lebt dieser junge Mann in verhältnismäßig elendem Zustand. Sein Vater ist ein wohlhabender Fabrikant, dessen Fabrik er sieben Jahre lang beaufsichtigt hat; da ihn jedoch sein „métier de garde-chiourme“3 anwiderte, gab Herr Keller seinen Posten auf. Paul traf noch zwei weitere Sozialisten im Hause des Herrn Keller. „Le parti socialiste“, il nous écrit, „se constitue à Paris et commence à tenir le haut du pavé, quoiqu’il n’ait pas de journal, il a les réunions publiques et l’agitation personnelle.“4 Zweifelsohne hat sich die sozialistische Partei auf den Trümmern der Simons, Pelletans, Bancels, Gambettas erhoben. Das französische Volk hat entdeckt, daß die hohlsten Fässer den größten Lärm machen – es hat diese großmäuligen Schreier davonlaufen sehen, und es wird ihnen ihre guten Absichten, ihre Hoffnungen nicht glauben, „daß wer heute davonläuft, morgen noch kämpfen kann“. –
In London war das Ereignis der Woche eine Fenier-Demonstration, die veranstaltet wurde, um von der Regierung die Freilassung der irischen Gefangenen zu fordern. Da Tussy aus Irland als standhaftere Iränderin denn je zurückkam, hat sie nicht eher Ruhe gegeben, bis sie Mohr, Mama und mich überredet hatte, mit ihr zum Hyde Park zu gehen, wo die Kundgebung stattfand. Dieser Park, der größte in London, war eine einzige Masse von Männern, Frauen und Kindern, sogar in den höchsten Wipfeln der Bäume saßen Menschen. Die Zahl der anwesenden Personen wurde von den Zeitungen auf etwa 70 000 geschätzt, aber da es englische Zeitungen sind, ist diese Zahl ohne Zweifel zu niedrig. Es gab Demonstranten, die rote, grüne und weiße Fahnen trugen mit allen möglichen Losungen, wie „Haltet euer Pulver trocken! Ungehorsam gegen Tyrannen ist Pflicht gegen Gott.“ Und höher gehißt als die Fahnen waren eine Unmenge roter Jakobinermützen, deren Träger die „Marseillaise“ sangen – ein Anblick und Töne, die den Genuß von Portwein in den Klubs sicher sehr gestört haben. – Tags darauf, am Montag, griffen alle Zeitungen diese verwünschten „Ausländer“ wütend an und verfluchten den Tag, an dem diese in England gelandet waren, um den biederen John Bull mit ihren blutroten Fahnen, lärmenden Chören und anderen Ungeheuerlichkeiten zu demoralisieren…
Es ist Zeit für den Nachmittagstee – und ich habe Tussy versprochen, einige Kastanien zu rösten; danken Sie also Ihrem guten Stern oder vielmehr den Kastanien, daß dieses Gekritzel nicht endlos weitergeht. (Sie haben sicher angenommen, ich werde nie aufhören.)
Mit den herzlichsten Grüßen von allen zu Haus verbleibe ich, lieber „Doktor“*
Ihre sehr ergebene
Jenny Marx