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Jenny Marx an Ludwig Kugelmann
in Hannover

London, den 15.September [1869]

Lieber Herr Kugelmann!

Ich hätte längst auf Ihre freundlichen Zeilen aus Karlsbad geantwortet, wenn ich nicht von Tage zu Tage auf bestimmtere Nachrichten von unsern lieben Reisenden gehofft hätte. Seit ihrem ersten und letzten Schreiben aus Lüttich haben wir gänzlich ihre Spur verloren. Ich glaube aber, daß sie nun wohl nach einigen Kreuz- und Querfahrten in dieser Woche bei Ihnen einrücken werden, und so sende ich Ihnen denn als gemeinschaftliche Lektüre die heutige Nummer der „Times“ und eine ältere der „Pall Mall Gazette“. In der Presse herrschte hier Todesschweigen über den Kongreß bis auf einen ganz konfusen quatschigen Artikel der „Pall Mall“, den ich beilege. Heute hat die „Times“ zum ersten Mal das Eis gebrochen, und zwar durch einen sehr günstigen sachlichen und konzisen Artikel, der hier und namentlich in Frankreich wegen der Rede des amerikanischen Delegierten1 großes Aufsehn machen wird. Ich glaube in manchen Wendungen, Ausdrücken und „Eccariaden“ unsern „George“ zu wittern, wenn man ihm überhaupt soviel Takt zuschreiben kann.

Hier hat sich inzwischen ein ganzes Arsenal von Zeitungen und Briefen angesammelt; und ich weiß wirklich nicht, ob sie die Mühe und Kosten des überseeischen Transports wert sind. Ihr Inhalt ist jetzt meistens schon so antiquiert. Leßner schrieb 3 sehr nette ausführliche Berichte über den Kongreß und Liebknecht 2 Wischiwaschi-Briefe, die besser ungelesen bleiben. Eccarius teilte das sonderbare Faktum mit, das ihm ein Amerikaner mitgeteilt hatte, der von Mr.Slack, dem Korrespondenten der „New-York Tribune“ in London, gehört haben will, daß „Bright an alle Londoner Zeitungsredaktionen geschrieben und sie gebeten hat, keine Berichte über unsre Verhandlungen aufzunehmen“. Dies würde das Schweigen der Presse etwas erklären. Bringt die „Times“ noch einige Berichte, so folgen die andern Leithammel nach, und dann ist der Erfolg des Kongresses gesichert. Jedenfalls wird er bessere Folgen haben als der Eisenacher, dessen einzige Wirkung die zu sein scheint, „unserm großen Meister Ferdinand“2 neben seinem offiziellen „Moniteur“ im „Social-Demokraten“ noch zu einem 2ten offiziösen in Liebknechts Blättchen verholfen zu haben. Selbst in Basel suchten sie wieder den erbärmlichen Schweitzerskandal in den Vordergrund zu drängen, so daß man hätte glauben sollen, die „Internationalen“ haben keine andre Mission als die Prinzipien des „Ehernen“ zu internationalisieren minus der straffen Organisation.

Einige Privatbriefe von Interesse werde ich sogleich nach Hannover senden, sobald ich höre, daß die lieben „Bummler“ bei Ihnen angelangt sind. Laura mit ihrem Mann und allerliebsten kleinen Männchen3 sind heute grade 4 Wochen bei uns und fangen an, sich zur Heimkehr nach Paris zu rüsten. Leider sind Mutter und Sohn nicht so wohl, als ich es wünschen möchte. Das kleine liebe Jüngelchen leidet am Durchbruch der ersten Zähne mit allen den gewöhnlichen Symptomen. Das freundliche Gesichtchen ist so dünn und klein geworden, und die strahlenden Äuglein sehn noch einmal so groß und mächtig aus dem blassen Gesichtchen heraus. Es ist ein so heitres, sanftes Kerlchen, und wir werden das kleine Äffchen so missen.

Empfehlen Sie mich aufs herzlichste Ihrer lieben Frau, geben Sie Fränzchen einen Kuß und sein Sie freundlichst gegrüßt von

Ihrer
Jenny Marx