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Marx an Sigfrid Meyer und August Vogt
in New York

London, 9. April 1870

Lieber Meyer und lieber Vogt,

Sie haben mich da oben in allen Posituren, einmal mit meiner ältesten Tochter Jenny zusammen. Diese Geschichten hat alle Kugelmann von früheren Photogrammen abziehn lassen. Je ne suis pas l’auteur responsable de ces folies.1

Was zunächst meine lange Briefschuld an Sie betrifft, so ersehn Sie aus einliegendem Zettel von Eccarius, daß der Generalrat ein votum of condolence wegen meines Gesundheitszustandes passiert hat. (Sie sehn, ich übe mich in pennsylvanischem Deutsch.) In der Tat war ich wegen beständigen Rückfalls seit Anfang Dezember nur zweimal fähig, den Sitzungen des Generalrats beizuwohnen, so daß für alle wichtigeren Geschäfte desselben das Subcommittee sich bei mir einfand. Unter solchen Umständen waren meine freien Momente (und ich bin immer noch nicht ganz hergestellt) wörtlich von Arbeiten absorbiert, die meine Korrespondenz auf das Allervermeidlichste beschränkt haben.

Zunächst ad vocem2 Sorge: Er hat zwei Briefe an Eccarius als Generalsekretär geschickt. E[ccarius] teilte selbige dem Generalrat mit. Letztrer aber wies den E[ccarius] an, mir die Briefe zur Beantwortung zuzustellen, da ich der Sekretär für die deutschen Branchen in United States sei. Ich zauderte absichtlich, da ich Meyer auf der Reise nach Westindien wußte und die Privatadresse Vogts nicht finden konnte.

Sorges Privatbriefe an Eccarius kenne ich nicht. Sie drehn sich wahrscheinlich bloß um die Geldfrage, Zahlung des E[ccarius] für seine Beiträge an die „Arbeiter-Union“. E[ccarius] betrachtet seine Stellung als Generalsekretär zu sehr und in einer Weise, die uns Deutsche oft bei den Franzosen und Engländern kompromittiert, als ein Mittel, Geld zu machen. Sieh z.B. einliegenden Zettel an mich von Leßner. Dies ist auch der Grund, warum ich E[ccarius] Meyers Brief nicht mitteilen werde. Es findet sich nämlich darin das für E[ccarius] unwiderstehliche Wort, Sorge besitze „Geldmittel“.

Was nun die beiden offiziellen Briefe Sorges betrifft, so sind sie geschrieben im Namen des Allg[emeinen] D[eutschen] Arbeitervereins, „Labor Union“, Nr. 5, und unterschrieben „Korrespondierender Sekretär“.

Der eine Brief enthält Bestellungen der Berichte des Generalrats und einigen sonstigen landläufigen Kohl.

Der andre Brief enthält wesentlich nichts außer Anzeige, daß jener Verein der „Internationalen“ beigetreten sei.

Ich werde heute Herrn Sorge ein paar Zeilen schreiben, ihm die verlangten 15 copies des letzten Berichts schicken.

Ein gewisser Robert William Hume (Astoria, Long Is[land] New York) sandte uns vor einiger Zeit, bei Gelegenheit der Beschlüsse des Generalrats über die irische Amnestie3, einen ausführlichen Brief, besser als irgend etwas, was wir bisher von englisch-amerikanischer Seite erhalten hatten. Auf meinen Vorschlag wurde er zum amerikanisch-englischen Korrespondenten ernannt und hat dies angenommen. Ich ersuche Euch daher, mit diesem Mann bekannt zu werden und lege zu diesem Behuf einige Zeilen an ihn ein.

Aus dem beiliegenden Einschnitt aus der „Marseillaise“ vom 2. April erseht Ihr, daß F. Carl und F. Jubitz – uns hier unbekannte Personen – eine Adresse nach Paris im Namen der deutschen Arbeiter geschickt. Ich wünschte zu wissen, ob diese Leute zu Euch gehören? Was hier – im Generalrat – bedenklich auffiel, ist der Umstand, daß die Internationale mit keiner Silbe in dieser Adresse erwähnt, vielmehr als nicht existierend behandelt wird.

General Cluseret hat sich von New York aus als französischer Korrespondent dem Generalrat angeboten. Ob er angenommen, weiß ich nicht, glaube es aber gehört zu haben. Er ist ein windiger, oberflächlicher, zudringlicher, renommierender Bursche. Z.B. in einem seiner letzten Briefe an die „Marseillaise“ präsentiert er sich als anerkannter Repräsentant der Arbeiter von New York! Doch ist der Mann für uns von einiger Wichtigkeit eben wegen seiner Verbindung mit der „Marseillaise“. Für den Fall, daß Ihr mit diesem „Helden“ bekannt werden wollt, sei es auch nur, um ihm die Nieren zu prüfen, lege ich Euch ein credential4 bei, was auch sonst of use5 sein kann.

Das von Meyer an Stepney gesandte Geld ist an den Generalrat abgeliefert worden. Stepney ist ein sehr pedantischer, aber braver Engländer. Er schickte mir den Brief von M[eyer] nebst Einlage zu, so daß ich wieder rückwärts die Sache an den Generalrat befördern hatte.

Ich schicke Euch übermorgen (11. April) zu, was ich grade von den internationalen Sachen zur Hand habe. (Für heute ist’s zu spät bei der Post.) Ich werde ditto von den „Basler“ mehr nachschicken.

Unter dem Zugusandten findet Ihr auch einige Stück der Euch bekannten Resolutionen des Generalrats vom 30. Nov. über die irische Amnestie, die von mir ausgingen, ditto ein irisches Pamphlet über die Behandlung der Fenian convicts6.

Ich hatte vor, weitere Resolutions einzubringen über die notwendige Verwandlung der jetzigen Union (i. e. Sklaverei Irlands) in a free and equal federation with Great Britain7. Der Fortgang dieser Angelegenheit ist einstweilen, as far as public Resolutions go8, suspendiert worden wegen meiner erzwungenen Abwesenheit vom Generalrat. Kein andres Mitglied desselben hat genug Kenntnis der irischen Angelegenheiten und hinreichende Autorität bei den englischen Mitgliedern des Generalrats, um mich hierin ersetzen zu können.

Indes ist die Zeit nicht unbenutzt vorübergegangen, und ich ersuche Euch, dem Folgenden Eure besondre Aufmerksamkeit zu schenken:

Ich bin nach jahrelanger Beschäftigung mit der irischen Frage zu dem Resultat gekommen, daß der entscheidende Schlag gegen die herrschenden Klassen in England (und er ist entscheidend für die Arbeiterbewegung all over the world9) nicht in England, sondern nur in Irland geführt werden kann.

Am 1. Januar 187010 erließ der Generalrat ein geheimes, in französischer Sprache von mir verfaßtes Rundschreiben11 – {für die Rückwirkung auf England sind nur die französischen, nicht die deutschen Blätter wichtig} – über das Verhältnis des irischen Nationalkampfs zur Emanzipation der Arbeiterklasse und daher über die Stellung, welche die Internationale Assoziation der irischen Frage gegenüber einzunehmen hat.

Ich gebe Euch hier nur ganz kurz die entscheidenden Punkte. Irland ist das bulwark12 der englischen Grundaristokratie. Die Ausbeutung dieses Landes ist nicht nur eine Hauptquelle ihres materiellen Reichtums. Es ist ihre größte moralische Macht. Sie repräsentieren in fact die Herrschaft Englands über Irland. Irland ist daher das grand moyen13, wodurch die englische Aristokratie ihre Herrschaft in England selbst erhält.

Andrerseits: Zieht morgen die englische Armee und Polizei aus Irland fort, und Ihr habt sofort an agrarian revolution14 in Irland. Der Sturz der englischen Aristokratie in Irland bedingt aber und hat notwendig zur Folge ihren Sturz in England. Damit wäre die Vorbedingung der proletarischen Revolution in England erfüllt. Weil in Irland die Landfrage bis jetzt die ausschließliche Form der sozialen Frage ist, weil sie eine Existenzfrage, eine Frage von Leben oder Tod für die immense Majorität des irischen Volks ist, weil sie zugleich unzertrennlich von der nationalen Frage ist, ist die Vernichtung der englischen Grundaristokratie in Irland eine unendlich leichtere Operation als in England selbst. Ganz abgesehn von dem leidenschaftlicheren und mehr revolutionären Charakter der Irländer als der Engländer.

Was die englische Bourgeoisie angeht, so hat sie d’abord15 mit der englischen Aristokratie das Interesse gemein, Irland in ein bloßes Weideland zu verwandeln, welches for the English market16 Fleisch und Wolle zu den möglichst billigen Preisen liefert. Sie hat dasselbe Interesse, die irische Bevölkerung auf eine so geringe Zahl durch eviction17 und zwangsweise Emigration zu reduzieren, daß englisches Kapital (Pachtkapital) mit „security“18 in diesem Land funktionieren kann. Sie hat dasselbe Interesse in clearing the estate of Ireland19, welches sie in the clearing of the agricultural districts of20 England und Scotland hatte. Die 6000–10000 £ Absentee- und andrer irischen Revenuen, die jetzt jährlich nach London fließen, sind auch mitzunehmen.

Aber die englische Bourgeoisie hat noch viel wichtigere Interessen in der jetzigen irischen Wirtschaft. Irland liefert durch die beständig zunehmende Konzentration der Pachten beständig sein surplus für den englischen Labour market21 und drückt dadurch wages22 und materielle und moralische Position der English Working class herab.

Und das Wichtigste! Alle industriellen und kommerziellen Zentren Englands besitzen jetzt eine Arbeiterklasse, die in zwei feindliche Lager gespalten ist, englische proletarians und irische proletarians. Der gewöhnliche englische Arbeiter haßt den irischen Arbeiter als einen Konkurrenten, welcher den standard of life23 herabdrückt. Er fühlt sich ihm gegenüber als Glied der herrschenden Nation und macht sich eben deswegen zum Werkzeug seiner Aristokraten und Kapitalisten gegen Irland, befestigt damit deren Herrschaft über sich selbst. Er hegt religiöse, soziale und nationale Vorurteile gegen ihn. Er verhält sich ungefähr zu ihm wie die poor whites24 zu den niggers in den ehemaligen Sklavenstaaten der amerikanischen Union. Der Irländer pays him back with interest in his own money25. Er sieht zugleich in dem englischen Arbeiter den Mitschuldigen und das stupide Werkzeug der englischen Herrschaft in Irland.

Dieser Antagonismus wird künstlich wachgehalten und gesteigert durch die Presse, die Kanzel, die Witzblätter, kurz, alle den herrschenden Klassen zu Gebot stehenden Mittel. Dieser Antagonismus ist das Geheimnis der Ohnmacht der englischen Arbeiterklasse, trotz ihrer Organisation. Er ist das Geheimnis der Machterhaltung der Kapitalistenklasse. Letztre ist sich dessen völlig bewußt.

Das Übel hört hier nicht auf. Es wälzt sich über den Ozean fort. Der Antagonismus zwischen Engländern und Irländern ist die geheime Grundlage des Konflikts zwischen United States und England. Er macht jede ernste und aufrichtige Kooperation zwischen den Arbeiterklassen beider Länder unmöglich. Er erlaubt den Regierungen beider Länder, soft sie es für gut halten, dem sozialen Konflikt die Pointe abzubrechen durch ihr mutual bullying26 und, in case of need27, durch Krieg zwischen beiden Ländern.

England, als Metropole des Kapitals, als bis jetzt den Weltmarkt beherrschende Macht, ist einstweilen das wichtigste Land für die Arbeiterrevolution, dazu das einzige Land, wo die materiellen Bedingungen dieser Revolution bis zu einem gewissen Reifegrad entwickelt sind. Die soziale Revolution in England zu beschleunigen, daher der wichtigste Gegenstand der Internationalen Arbeiterassoziation. Das einzige Mittel sie zu beschleunigen, ist die Unabhängigmachung Irlands. Daher Aufgabe der „International“, überall den Konflikt zwischen England und Irland in den Vordergrund zu stellen, überall für Irland offen Partei zu nehmen. Die spezielle Aufgabe des Zentralrats in London, das Bewußtsein in der englischen Arbeiterklasse wachzurufen, daß die nationale Emanzipation Irlands für sie keine question of abstract justice or humanitarian sentiment28 ist, sondern the first condition of their own social emancipation29.

Dies ungefähr sind die Hauptpunkte des Rundschreibens, welches dadurch zugleich die raisons d’être30 der Beschlüsse des Zentralrats über die irische Amnestie gab. Kurz nachher sandte ich einen anonymen heftigen Artikel über die englische Behandlung der Fenians etc. gegen Gladstone etc. in die „Internationale“31 (Organ unsres belgischen Zentralkomitees zu Brüssel). Ich klagte darin zugleich die French Republicans an – (die „Marseillaise“ hatte von dem elenden Tallandier32 dahier dummes Zeug über Irland gedruckt) –, in ihrem nationalen Egoismus alle ihre colères33 fürs Empire zu sparen.

Dies zog. Meine Tochter Jenny schrieb als J. Williams (sie nannte sich Jenny Williams im Privatbrief an die Redaktion) [eine] Reihe Artikel an die „Marseillaise“, publizierte u. a. den Brief von O’Donovan Rossa. Hence immense noise34. Gladstone nach vieljähriger zynischer Weigerung endlich dadurch gezwungen, parlamentarische Enquête über die Behandlung der Fenian prisoners35 zu bewilligen. Sie ist jetzt regular correspondent on Irish affairs36 für die „Marseillaise“. (Dies natürlich ist Geheimnis unter uns.) Todesärger der englischen Regierung und Presse, daß die irische Frage jetzt so in Frankreich am Ordre du jour37 und daß diese Kanailien nun auf dem ganzen Kontinent via Paris überwacht und bloßgelegt werden.

Andre Fliege mit derselben Klappe geschlagen. Wir haben die irischen Führer, Pressleute etc. in Dublin so gezwungen, mit uns in Verbindung zu treten, was dem Generalrat bis jetzt mißlungen war!

Ihr habt ein großes Feld in Amerika, um im selben Sinn zu arbeiten. Koalition der deutschen Arbeiter mit den irischen (natürlich auch den englischen und amerikanischen, die darauf eingehn wollen) ist das größte, was Ihr jetzt ins Werk setzen könnt. Dies muß im Namen der „Internationale“ geschehn. Die soziale Bedeutung der irischen Frage muß klargelegt werden.

Nächstens einiges speziell über die englischen Arbeiterverhältnisse.
Salut et fraternité!38

Karl Marx