53
Engels an Hermann Engels
in Engelskirchen

Manchester, 15. Juli 1869

Lieber Hermann,

Du bist mir ein schöner Kamerad. Daß ich wegen der Kursgeschichte mit Dir nur als dem Geschäftsführer der Mutter korrespondiert habe, war selbstredend.1 Aber eben weil Du ihr Geschäftsführer bist, kannst Du mir nicht kommen und sagen, ich soll wegen der Sache mich direkt an die Mutter wenden. Das wäre schön, wenn Du jedesmal Deine Geschäftsführung niederlegen wolltest, sobald die andre Partei andrer Meinung ist wie Du oder Dir die Gründe ausgehen. Nein, Männchen, bei der Stange bleiben mußt Du mir jedenfalls.

Zur Sache also: Was hieß denn das, daß wir abmachten, alles zu 6 Taler 20 Silbergroschen zu berechnen? Nichts anders, als daß beide Parteien, die Mutter sowohl wie ich, darauf verzichteten, einen Kursprofit bei diesen £ 10000 zu machen. Da nun aber doch auf die von mir zurückgezahlten £ 7000 von der Mutter ein entschiedener Kursprofit gemacht worden ist, so habe ich es für nicht anders als in der Ordnung gehalten, daß ich auch auf den kleinen Rest den meinigen mache. Du lösest die Frage allerdings viel einfacher, indem Du kurzweg die Behauptung aufstellst, die Mutter allein habe ein Recht auf Kursprofit.

Du bedenkst übrigens nicht, wie sehr Du dadurch, daß Du ganz richtig die Mutter als eigentlich allein interessierte Partei hinstellst, Dir den Boden unter den Füßen wegschlägst bei der Diskontogeschichte. Ich zahle der Mutter £ 1000 zurück und erhalte auf meine Anfrage die Antwort, diese an R. Funke & Co. in Wechseln beliebiger Sicht zu senden. Dies tat ich, und damit hatte ich den Anspruch, diese Wechsel per die Verfallstage zum vollen Betrage gutgeschrieben zu erhalten. Was F[unke] nachher mit den Wechseln infolge irgendeiner mir unbekannten und mich nichts angehenden Übereinkunft zwischen R. F[unke] & Co. und E[rmen] & E[ngels], Barmen (2 Firmen, die mich, wie Du sagst, gar nichts angingen) gemacht haben, ist durchaus nicht mehr meine Sache, als was die Bank, bei der F[unke] sie diskontiert hat, damit gemacht hat. Dies wird Dir nun wohl endlich klarwerden.

Von „bemogeln“ ist überhaupt nicht die Rede. Aber Kaufleute von Beruf, ganz wie Advokaten von Beruf, gewöhnen sich leicht an, die Sache, die sie grade vertreten, nur von der ihrem Standpunkt vorteilhaftesten Seite anzusehn, während man sich bei der Beschäftigung mit wissenschaftlichen Sachen diese Eigenschaft zu allererst abgewöhnen muß. Die Diskontogeschichte ließ mich vermuten, daß Dein Blick in dieser Beziehung nicht ganz unbefangen sei, und daher habe ich seitdem geglaubt, meinen Interessen selbst etwas mehr nachsehn zu müssen.

Daß ich gewünscht haben soll, die Rechnung solle zu Deiner Bequemlichkeit in Talern geführt werden, ist mir gänzlich unerinnerlich. Nur übersiehst Du, daß Deine ganze Beweisführung, die bloß auf dem Faktum beruht, daß die £ 10000 zu meinem Vorteil hier in Manchester blieben, ebenfalls beweist, daß ich, falls der Kurs 6 Taler 12 Silbergroschen gestanden hätte, in Talern zu remittieren, da doch nicht zu verlangen, daß die Mutter daran Geld verliere. Was also ein Argument bedeutet, das bei hohem Kurs beweist, daß ich in Sterling, und bei niedrigem, daß ich in Taler decken muß, wirst Du Dir wohl selbst sagen.

Ich möchte Dich übrigens wohl fragen, ob Ihr die Cops und Sewings2, die ich für Euch gekauft, der Mutter zum Tageskurs oder zu 6 Taler 20 Silbergroschen gutgebracht habt, obwohl ich bei Deinem Eifer für den Kursprofit der Mutter nicht zweifle, daß ersteres geschehen.

Doch genug. Da Dir die Geduld auszugehen scheint und die Sache überhaupt nicht der Mühe wert ist, so will ich Dir den Gefallen tun und in Sterling decken. Nach meiner Übereinkunft mit Gottfr[ied]3 werden am 1. August und dann alle 2 Monate je £ 1000 zahlbar, wovon ich die ersten Raten soweit möglich verwenden werde, die Mutter zu decken. Es ist freilich wahrscheinlich, daß G[ottfried] die erste Rate zurückhält, bis die Bilanz fertig und die Kontrakte unterzeichnet sind, was noch 14 Tage länger dauern kann, weshalb ich Dich bitte, nicht mit Sicherheit und auf den Tag darauf zu rechnen. Sei also so gut und schicke mir einen Kontokorrent per 30. Juni abgeschlossen, mein Konto hier ist durch das viele Geldziehen so langwierig, daß ich mich lieber nicht darauf verlasse, zumal ich meinen Auszug noch nicht habe und auf dem Kontor doch nur flüchtig nachsehn könnte. Den ganzen ungefähren Saldo erhältst Du dann 1. im August ca. £ 8–900, 2. im Oktober £ 1000 und 3. im Dezember den Rest; ich bitte, mir also rechtzeitig zu sagen, wo und wie Du die Rimessen wünschest.

Soeben kommt dein Brief vom 13., ich werde das Ding unterzeichnen, sobald ich nach der Stadt komme und den Vizekonsul treffe, wahrscheinlich morgen. Tue mir aber den Gefallen, Dich zu erkundigen, was ich tun muß, um mit allen ferneren Zusendungen des Königlichen Kreisgerichts Bochum in Sachen Vereinigte Engelsburg verschont zu bleiben. Von Zeit zu Zeit kommt hier ein dickes Sendschreiben auf schwerem, schlechtem Konzeptpapier mit einem Siegel, so groß wie ein Zweitalerstück, an, an mich adressiert als „portofreie Dienstsache“; wofür dann die englische Post, die sich den Teufel um das Kreisgericht Bochum schert, 3 à 5 sh. Porto berechnet. Vor 8 Tagen erhielt ich so ein Paket mit den Namen aller Aktionäre der V[ereinigten] E[ngelsburg] und dem Zusammenlegungsentwurf und der Aufforderung, mich darüber zu erklären. Ich erfuhr daraus, daß ich 3 601/672 Kux dividiert durch 8 später möglicherweise einmal zu besitzen das Vergnügen werde haben können, finde aber, daß diese Mitteilung mit 4 sh. 8 d. Porto doch etwas zu teuer bezahlt ist. Wenn ich den Namen des biedern Kreisrichters, der drunter steht, nur lesen könnte, so würde ich ihm einen sehr höflichen Schreibbrief schreiben und ihn bitten, mich mit der Verein[igten] Engelsb[urg] gefälligst ungeschoren zu lassen, aber die preußischen Beamten schreiben ja eben deshalb ihre Namen so unleserlich, damit sie mit allen Antworten verschont bleiben. Tu mir also den Gefallen, diesen unleserlichen Mann wissen zu lassen, daß die Portofreiheit des Kreisgerichts Dortmund und Bochum hier nicht anerkannt wird und daß ich ihm dankbar sein werde, wenn er laut Vollmacht alle Mitteilungen an die Mutter richtet.

Mit der Firma ist es so: G[ottfried] legt Wert darauf, sie zu halten, solange Ihr sie haltet, da Ihr sonst einen Teil der Erbschaft von E[rmen] & E[ngels], Manchester, hättet antreten können. Für Euch mich zu verwenden mußte ich für nicht nur überflüssig, sondern schädlich halten, da Ihr ja 1. P. Ermens Zusage habt, die Euch hier deckt, und 2. die Gutachten der Juristen, die ich für bare Münze nahm. Solange P. E[rmen] lebt, seid Ihr jetzt vor G. E[rmen] sicher; hätte ich gewußt, daß Euer Recht nicht so ganz bombenfest ist, so hätte ich mich erst recht gehütet, den G[ottfried] durch Anträge darauf aufmerksam zu machen; und ein Engagement, auch nach P. E[rmen]s Tod Euch das Recht nicht zu bestreiten, wäre G. E[rmen] nicht eingegangen. Indes haben wir ihn doch damit in der Hand, daß ich ihm das Recht der Firma nur auf 5 Jahre gegeben, und obwohl ich ihm zugesagt, daß ich auch später ihm nichts in den Weg legen werde, so hängt dies doch, wie z. B. auch meine Diskretion über Geschäftsgeheimnisse etc., ganz von seinem Benehmen, namentlich auch gegen Euch, ab, wie ich ihm dies auch gradezu gesagt habe.

Auf die £ 10000, die ich bereits in Aktien angelegt, hatte ich am 30. Juni durch Kurssteigerung netto £ 170 verdient, gering gerechnet. Sie tragen mir im Durchschnitt 57/8% des Anlagekapitals ein. Es sind meist Gasaktien, dann Waterworks-4 und Eisenbahnaktien, alles englische Gesellschaften.

Meine Freiheit gefällt mir alle Tage besser. Leider hab’ ich noch zuviel Laufereien, um mit irgendeinem bestimmten Studium gründlich anfangen zu können, das wird sich aber auch bald machen.

Wegen der Cops habe ich mit Schuncks Einkäufer gesprochen und ihm ein Memorandum geschickt, wovon Kopie für Eure Benutzung beiliegt. Was die Sewings betrifft, so haben sich seit meinen letzten Einkäufen die Qualitäten so verändert, daß Ihr am besten nach Proben bestellt, falls Ihr welche nötig habt. Ebenfalls bei Cops bindet Ihr am besten Schuncks an die im Memorandum verzeichneten Gespinste, es sind dieselben, die wir hier seit 20 Jahren gebrauchen, und sie sind für Euch unersetzlich, solange sie die Qualität nicht ändern.

Beste Grüße an Emma, die Kleinen und alle Geschwister. Incl. 2 Zeilen an E. Blank.

Dein
Friedrich