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Engels an Ludwig Kugelmann
in Hannover

861, Mornington Street, Stockport Road,
Manchester, 10. Juli 1869

Lieber Kugelmann,

Wie Inlage beweist, halte ich doch mein Wort und hätte es längst gehalten, wenn nicht folgendes sich ereignet: 1. hatte ich zwar noch incl. Photographie von Lupus, aber keine von mir, und kam erst nach häufigem Sitzen letzten Winter zu einer erträglichen, 2. dann aber fand ich, daß die Lupussche verlegt war und konnte sie trotz alles Suchens nicht finden. Ich ließ also 3. von dem Photographen, der das Negativ hatte, noch 24 von Lupus abziehn, sie fielen aber, da es sehr abgeblaßt war, miserabel aus, und ich mochte davon keine schicken. Endlich 4. fand ich die ursprüngliche wieder, und les voici2 alle beide.

Durch Marx habe ich mit Bedauern erfahren, daß Sie eine Operation durchzumachen hatten und nun den Sommer über der Gesundheit leben wollen, was sicher sehr nützlich und stellenweise auch wohl angenehm ist. Hoffentlich bringt es Sie wieder ganz auf den Strumpf, wird aber wohl Veranlassung sein, daß unser Freund Schorlemmer, der seit 14 Tagen in Deutschland ist und in ca. 10–12 Tagen durch Hannover kommen und Sie aufsuchen wollte, Sie nicht dort trifft. Marx wird wohl Ende dieses oder Anfang nächsten Monats mit seiner Tochter Jenny nach Deutschland kommen, wie es mit mir gehn wird, weiß ich noch nicht, und zwar aus folgenden Gründen:

Am 30. Juni d. J. lief mein Vertrag mit meinem bisherigen Associé ab. Nach meinem ursprünglichen Überschlag hatte ich, bei Beginn des Vertrags, darauf gerechnet, bei meinem Ablauf soviel aus dem edlen Commerce herausgeschlagen zu haben, daß ich davon, wenn auch nach hiesigen Begriffen sehr bescheiden, leben und also dem Handel Valet sagen könnte. Dies war nun freilich nicht ganz in Erfüllung gegangen, aber nach verschiedentlichen Unterhandlungen mit meinem Associé kamen wir endlich überein, daß ich ihm erlaube, meinen Namen in der Firma auf 5 Jahre zu gebrauchen, und mich verpflichte, ihm während dieser 5 Jahre keine Konkurrenz zu machen, wofür er mir eine ganz hübsche runde Summe zahlt, so daß ich doch auf dem Punkt bin, wohin ich kommen wollte. Seit dem 1. cr. bin ich also aus dem Geschäft getreten, und gehört meine Zeit endlich wieder mir – d. h. vorläufig bloß theoretisch, denn bis die Auseinandersetzungsbilanz gemacht und die nötigen Dokumente von den Advokaten in Ordnung gebracht sind, kann ich nicht fort von hier und muß noch viel Zeit verlieren, um diese Sachen in Ordnung zu bringen. Im Lauf des nächsten Monats denk’ ich aber fertig zu sein, und wenn Sie mich wissen lassen, wo Sie um die Zeit sein werden, könnte es wohl möglich sein, daß wir alle uns irgendwo in Deutschland träfen. Was ich für eine Freude habe, daß ich den verfluchten Handel los bin und wieder selbst arbeiten kann, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Namentlich auch, daß dies grade jetzt geschehen konnte, wo die Ereignisse in Europa eine immer mehr zugespitzte Gestalt annehmen und das Donnerwetter eines schönen Tags ganz unverhofft losbrechen kann.

Die Lassallesche Sekte scheint, nicht ohne dialektische Ironie, grade in ihrer nominellen Wiedervereinigung ihre wirkliche Auflösung finden zu wollen. Schw[eitzer] mag für den Augenblick noch die Majorität der Leute zusammenhalten, aber keine Partei oder Sekte verträgt ein immer sich wiederholendes Herauswerfen der Führer. Dabei werden diesmal doch allerhand Kuriosa aus der schmutzigen Wäsche dieser äußerst unsaubern Clique herauskommen, die dem Schw[eitzer] nur schaden können. Die Auflösung der Lassalleschen Sekte, und andrerseits die Lostrennung der sächsischen und süddeutschen Arbeiter vom Gängelband der „Volkspartei“, das sind die beiden Grundbedingungen der Neubildung einer wirklichen deutschen Arbeiterpartei. Die Lassalleaner werden ihren Teil jetzt schon besorgen und sich untereinander auffressen, aber die von Liebknecht den Arbeitern systematisch eingebleuten süddeutsch-republikanisch-spießbürgerlichen Borniertheiten sind viel schwerer loszuwerden. Schon die Dummheit, auf sein Blatt zu schreiben: Organ der Volkspartei, d. h. der süddeutschen Spießbürger! Hätte Bebel nur etwas theoretische Bildung, es würde so etwas nicht vorkommen können, er scheint mir ein ganz tüchtiger Kerl, der eben nur diesen Mangel hat. Und da geht Lieb[knecht] her und verlangt, wir sollen direkt Partei ergreifen für ihn und die Volkspartei gegen Schw[eitzer]! Wobei es doch selbstredend ist, daß 1. wir mit der Volkspartei als einer bürgerlichen Partei noch weit weniger gemein haben als mit den Schw[eitzer]schen Lassalleanern, die doch eine Arbeitersekte sind, und 2. daß Marx in seiner Eigenschaft als Sekretär der Internationalen Arbeiter-Assoziation für Deutschland verpflichtet ist, jeden Chef mit Anstand zu behandeln, den eine genügende Anzahl Arbeiter an ihre Spitze stellen und ins Parlament wählen.

Ihre Briefe bitte ich von nun an immer nach meiner oben angegebenen Wohnung zu schicken.

Neulich schickte mir Marx Ihre Arbeit über Behandlung der exanthematischen Krankheit durch Ventilation. Meiner Ansicht nach betreiben Sie die Ventilation noch viel zu gemäßigt. Hier wird ohne weiteres das Fenster des Schlafzimmers selbst 3–12 Zoll weit offengehalten, ohne spanische Wand p. p. und nur dafür gesorgt, daß der Kranke nicht im direkten Zug liegt. Und zwar Sommer oder Winter. Dabei extractum carnis3 und Portwein in starken Dosen, sonst fast gar keine Arznei. Meine Magd wurde so vorigen November noch am typhoiden Fieber, Marx’ beide unverheiratete Töchter vorigen Sommer am Scharlach behandelt. Ich habe geglaubt, diese Behandlungsweise sei auch in Deutschland längst allgemein angenommen, nach Ihrer Angabe jedoch scheint die alte Warmhaltungs- und Einstänkerungsmethode noch vorzuherrschen.

Lassen Sie bald mal von sich hören. Mit besten Grüßen

Ihr
F. Engels