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Engels an Elisabeth Engels
in Engelskirchen

86, Mornington Street, Stockport Road,
Manchester, 1. Juli 1869

Liebe Mutter,

Heute ist der erste Tag meiner Freiheit, und ich kann ihn nicht besser benutzen, als indem ich gleich an Dich schreibe. Gestern endlich bin ich in allen Hauptsachen mit G[ottfried] E[rmen] ins reine gekommen. Der Kontraktsentwurf, wie sein Advokat ihn entworfen hatte, war derart, daß ich ihn so nie unterschrieben hätte. Ich verpflichte mich, ihm während 5 Jahren keine Konkurrenz zu machen, d. h. kein gebleichtes, gefärbtes oder appretiertes Baumwollengarn zu machen oder zu verkaufen. Das war in der Ordnung. Nun aber hatte sein Advokat dies so gesetzt, daß, wenn ich diese oder jene Stipulation bräche, ich von vornherein eine Strafe zahlen sollte, die von £ 100 bis £ 1000 für die einzelnen Fälle sich steigerte. So daß ich dem G. E[rmen] in diesen Geldstrafen mehr als die mir gezahlten £ 1750 hätte zurückzahlen müssen, von den Prozeßkosten gar nicht zu sprechen. Mein Advokat riet mir entschieden, hierauf gar nicht einzugehn, und so strichen wir denn diese ganze Geschichte, beinahe die Hälfte des ganzen Entwurfs, durch. Dann war noch ein Punkt, nämlich wegen Fortführung der Firma E[rmen] & E[ngels] durch Gottfried. Mein Advokat sagte mir, daß, falls ich ihm dies ausdrücklich erlaube, ich im Fall einer Fallite noch als Associé angesehen und haftbar gemacht werden könne. Ich verlangte also, daß meine ausdrückliche Einwilligung hierzu ebenfalls auf 5 Jahre beschränkt werde und auch das nur, solange er selbst während dieser Zeit aktiver Associé im Geschäft sei.

Mein Gottfr[ied], der im Anfang sehr eilig mit den Verhandlungen war, zog die Sache bald sehr in die Länge und ließ sogar den Entwurf einmal 3 Wochen zu Hause liegen, ohne etwas davon zu sagen, so daß ich den 2ten Kontraktsentwurf (der zwischen G. E[rmen], Anton E[rmen] und mir ist und die Auseinandersetzung bei meinem Austritt regelt) erst vor ca. 3 Wochen bekam und wegen der üblichen Advokatenformalitäten erst vor 8 Tagen anfangen konnte zu verhandeln. Dazu schien G. E[rmen] in den letzten Tagen mir viel aus dem Wege zu gehen, als wolle er die Sache verschleppen, bis ich aus dem Geschäft heraus sei, wo er dann leichter mit mir fertig zu werden hoffen durfte. Erst gestern morgen kamen wir zur Verhandlung, und da gab G[ottfried] in allen Punkten nach, wogegen ich ihm nachgab, während der 5 Jahre auch kein Baumwollengarn unter Nr. 40 spinnen und doublieren zu wollen; der Handel mit solchem Garn blieb mir aber freigestellt, solange es im rohen Zustand ist. Diese Konzession hat für mich keinerlei praktische Bedeutung, und ich tat ihm daher den Gefallen.

Hiermit ist nun die Sache bis auf wenige juristische Formfragen erledigt, und ich denke, in 3 Wochen kann alles abgemacht sein, bin aber darauf gefaßt, daß es bis in den August dauert, da die Bilanz erst fertig sein muß, und die Advokaten immer alles so schrecklich verschleppen.

Gestern nachmittag ging ich mit Gottfr[ied] in die Fabrik und sah mir das Lager und die Aufnahme an, nachher gingen wir nach seinem Hause, wo er mir eine Flasche sehr schönen Scharzhoftberger vorsetzte. Er ist so froh wie ich, daß er mit der Sache fertig und jetzt ganz alleiniger Herr im Geschäft ist und daß er keinen Krakeel mit mir bekommt, denn 1., hätte ich mich mit meinen Brüdern assoziiert, so hätten wir, wie mein Advokat sagt, auch hier die Firma E[rmen] & E[ngels] führen können, während wir es ihm verbieten konnten, 2. hat er überhaupt vor Konkurrenz große Angst, und 3. stellt sich jetzt heraus, daß er mich noch auf einige Zeit sehr nötig hat, wenn nicht arge Böcke im Geschäft vorkommen sollen, weswegen er mich auch eingeladen hat, sooft auf’s Kontor zu kommen, wie ich wolle, und mich gebeten, den Leuten hie und da Auskunft zu geben, was ich natürlich zusagte. Er hat einen jungen Stuttgarter als Korrespondenten engagiert, der aber erst 3 Wochen dort und natürlich noch sehr grün ist. Er wird Last genug haben.

Mit Charles1 ist G[ottfried] auch noch nicht fertig, seine Kündigungsfrist läuft in 8 Tagen ab, ich bin begierig, ob sie sich einigen. Charles hatte von ihm vor 5 Jahren die Prokura versprochen erhalten, sie aber nie bekommen, und verlangt nun £ 1000 Entschädigung dafür, die ihm G[ottfried] aber nie geben wird.

Den Anton scheint er auch nicht als Associé behalten zu wollen. Wenigstens löst der 2te Kontraktsentwurf die Assoziation mit ihm ganz in derselben Weise auf wie mit mir, und G[ottfried] würde sich diese Mühe nicht geben, wenn er es nicht wirklich so vorhätte. Gottfried hat einerseits eingesehn, daß A[nton] im praktischen Geschäft, d. h. zum Geldverdienen, absolut nichts wert ist, und andererseits zieht Anton fortwährend so viel Geld hinter G[ottfried]s Rücken und schickt es an seine Julie2, daß dem G[ottfried] doch bange ist, er möge einmal anfangen, Geld direkt aus der Bank zu ziehn, solange er – Anton – das Recht der Unterschrift hat. Als Anton eintrat, schoß ihm G[ottfried] £ 500 vor, die Antons Kapital repräsentierten, aber Monsieur Anton, der jährlich £ 250 aus seinem Nutzen stehnllassen sollte, hat dies nicht nur nicht getan, sondern auch die £ 500 längst vermöbelt.

Meine neue Freiheit sagt mir ungeheuer zu. Ich bin seit gestern ein ganz andrer Kerl und zehn Jahre jünger. Statt in die düstre Stadt, ging ich heute morgen bei dem wunderschönen Wetter ein paar Stunden in die Felder, und an meinem Schreibtisch, in einem komfortabel eingerichteten Zimmer, wo man die Fenster öffnen kann, ohne daß der Rauch überall schwarze Flecken macht, mit Blumen im Fenster und ein paar Bäumen vor dem Hause, arbeitet [es] sich ganz anders als in meinem düstern Zimmer im Warehouse3 mit der Aussicht auf einen Wirtshaushof. Ich wohne zehn Minuten weit vom Klub, grade weit genug aus dem deutschen und gewöhnlichen Chambregarnistenviertel4, um sicher zu sein, daß ich nicht überlaufen werde. Abends 5 oder 6 Uhr esse ich zu Hause, die Küche ist recht gut, und gehe dann meistens ein paar Stunden in den Klub Zeitungen lesen usw. Dies alles kann ich aber erst ordentlich einrichten, wenn ich nicht mehr wegen der Bilanz pp. nach der Stadt zu laufen habe.

Nun aber Adieu, liebe Mutter, grüße alle recht herzlich, und wenn Ihr Reisepläne habt, so teilt sie mir mit, damit ich mich wo möglich danach richten kann; wie ich jetzt noch stehe, dürft Ihr auf mich keine Rücksicht nehmen.

Von Herzen Dein Sohn
Friedrich