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Marx an Ludwig Kugelmann
in Hannover

London, 3. März 1869

Lieber Kugelmann,

Der verdammte Photographist hat mich wieder wochenlang an der Nase herumgezogen und immer noch keine nachträglichen copies geliefert. Ich will aber deshalb dieses Antwortschreiben nicht länger aufschieben.

Was den „Herrn Vogt“ angeht, so wollte ich für nötige Fälle die noch aus Liebknechts Händen rettbaren Exemplare (ich hatte ihm 300 von London nach Berlin geschickt, d.h. alle noch damals vorhandenen) in Sicherheit bringen. Ich nahm mir daher die Freiheit, selbe bei Ihnen auf Lager zu ordern. Aber Örindur, lös mir dieses Rätsel der Natur! (651)

Liebknecht hat Ihnen 6 ganze copies geschickt, zeigte mir aber Übersendung an Sie von 50 copies an. Wollen Sie ihn gefälligst um Entzifferung dieses Rätsels ersuchen?

Quételet ist jetzt zu alt, um irgend noch welche Experimente mit ihm anzustellen. Er hat großes Verdienst in der Vergangenheit, indem er nachwies, wie selbst die scheinbaren Zufälle des sozialen Lebens durch ihre periodische Rekurrenz1 und ihre periodischen Durchschnittszahlen eine innere Notwendigkeit besitzen. Aber die Interpretation dieser Notwendigkeit ist ihm nie gelungen. Er hat auch keine Fortschritte gemacht, nur das Material seiner Beobachtung und Berechnung ausgedehnt. Er ist heut nicht weiter als er vor 1830 war.

Eh' ich mit Bd. II(41) fertig, wird es wohl bis in den Sommer dauern. Dann – mit dem Manuskript – komme ich nach Deutschland mit meiner Tochter2 und sehe Sie dann. Oder, deutlicher, heimsuche Sie.

In Frankreich geht sehr interessante Bewegung vor.

Die Pariser studieren förmlich ihre jüngste revolutionäre Vergangenheit wieder ein, um sich für das bevorstehende neue Revolutionsgeschäft vorzubereiten. Erst der Ursprung des Empire – dann Coup d'état vom Dezember. Dies war völlig vergessen, wie es der Reaktion in Deutschland auch gelungen ist, die Erinnerung an 1848/49 gänzlich zu vertilgen.

Daher machten Ténots Bücher über den Coup d'état in Paris und den Provinzen so enormes Aufsehn, daß sie in kurzer Zeit 10 Auflagen erlebten. Es folgten dann dutzendweis andre Bücher über dieselbe Periode. C'était la rage3 und wurde daher bald Buchhändlerspekulationsgeschäft.

Diese Schriften gingen von der Opposition aus – Ténot z.B. ist ein homme du4Siècle“ (ich meine das liberale Bourgeoisblatt, nicht unser Jahrhundert). Alle die liberalen Schufte und illiberalen Schufte, die zur offiziellen Opposition gehören, begünstigten dies mouvement5. Auch die republikanische Demokratie, Leute wie Delescluze z.B., der früher Adjutant Ledru-Rollins war und jetzt als republikanischer Patriarch den „Réveil“ zu Paris redigiert.

Bis dato schwelgte alles in diesen posthumen Enthüllungen oder vielmehr Rückerinnerungen, alles, was nicht Bonapartist.

Aber dann kam le revers de la medaille6.

Erst ließ die französische Regierung selbst durch den Renegaten Hippolyte Castille: „Les Massacres de Juin 1848“ publizieren. Dies war ein Faustschlag für die Thiers, Falloux, Marie, Jules Favre, Jules Simon, Pelletan etc., kurz die Chefs dessen, was man in Frankreich „l'Union Libérale“ nennt, die die nächsten Wahlen eskamotieren wollen, die alten infamen Hunde! (652)

Dann aber kam die sozialistische Partei, welche die Opposition und die republikanischen Demokraten alten Schlags „enthüllte“.

U.a. Vermorel: „Les Hommes de 1848“ und „L'Opposition“.

Vermorel ist Proudhonien.

Endlich kommen die Blanquisten, z.B. G. Tridon: „Gironde et Girondins“.

Und so brudelt der ganze historische Hexenkessel.

Wann wird's bei uns so weit sein!

Damit Sie sehn, wie gut die französische Polizei bedient ist:

Ich beabsichtige Anfang nächster Woche nach Paris zu gehn, um meine Tochter zu sehn.

Letzten Sonnabend fragt ein Polizeiageut bei Lafargue an, ob Mons. Marx bereits arrivirt7 sei. Er habe eine Kommission für ihn. Forewarned!8

Meinen herzlichsten Gruß an Ihre liebe Frau und Fränzchen.

Was macht Madame Tenge?

Ihr
K.M.