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Marx an Johann Baptist von Schweitzer
in Berlin
(Entwurf)

An von Schweitzer

London, 13.Oktober 1868

Werter Herr,
Wenn Sie keine Antwort auf Ihren Brief vom 15.September erhielten, so lag die Schuld an einem Mißverständnis meinerseits. Ich verstand den Brief so, daß Sie mir Ihre „Vorlagen“ zur Einsicht mitteilen wollten. Ich wartete darauf. Dann kam Ihr Kongreß, und nun hielt ich Antwort – (being much overworked1) – nicht mehr für dringend. Bevor Ihr Schreiben vom 8.Oktober eintraf, hatte ich bereits wiederholt, in meiner Eigenschaft als Sekretär der Internationalen für Deutschland, zum Frieden gemahnt. Mar2 hat mir geantwortet (und dazu Belegstellen aus dem „Soc[ial]-Demokrat“ geschickt), daß Sie selbst den Krieg provozierten. Ich erklärte, daß meine Rolle sich notwendig auf die des „Unparteiischen“ beim Duell beschränken müsse.2

Ich glaube, das große Vertrauen, das Sie mir in Ihren Briefen aussprechen, nicht besser erwidern zu können, als, indem ich Ihnen offen, ohne alle diplomatische Umschweife, meine Ansicht über die Sachlage mitteile. Ich unterstelle dabei, daß es sich Ihnen wie mir nur um die Sache zu tun ist.

Ich erkenne unbedingt die Intelligenz und Energie an, womit Sie in der Arbeiterbewegung wirken. Ich habe diese meine Ansicht keinem meiner Freunde verhehlt. Wo ich mich öffentlich auszusprechen habe – im Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation und dem hiesigen deutschen Kommunistenverein – habe ich Sie beständig als einen Mann unsrer Partei behandelt und nie ein Wort über Differenzpunkte fallen lassen.

Dennoch bestehn solche Differenzpunkte.

D’abord3, was den Lassalleschen Verein betrifft, so war er gestiftet in einer Zeit der Reaktion. Nach fünfzehnjährigem Schlummer rief Lassalle – und dies bleibt sein unsterbliches Verdienst – die Arbeiterbewegung wieder

wach in Deutschland. Aber er beging große Fehler. Er ließ sich zu sehr durch die unmittelbaren Zeitumstände beherrschen. Er machte den kleinen Ausgangspunkt – seinen Gegensatz gegen einen Zwerg wie Schulze-Delitzsch – zum Zentralpunkt seiner Agitation – Staatshilfe gegen Selbsthilfe. Er nahm damit nur die Parole wieder auf, die Buchez, der Chef des katholischen Sozialismus, 1843 sqq.4, gegen die wirkliche Arbeiterbewegung in Frankreich ausgegeben hatte. Viel zu intelligent, um diese Parole für etwas andres als ein transitorisches pis-aller5 zu halten, konnte er sie nur durch ihre unmittelbare (angebliche!) practicability6 rechtfertigen. Zu diesem Behuf mußte er ihre Ausführbarkeit für die nächste Zukunft behaupten. Der „Staat“ verwandelte sich daher in den preußischen Staat. So wurde er zu Konzessionen an das preußische Königtum, die preußische Reaktion (Feudalpartei) und selbst die Klerikalen gezwungen. Mit der Buchezschen Staatshilfe für Assoziationen verband er den Chartistenruf des allgemeinen Wahlrechts. Er übersah, daß die Bedingungen in Deutschland und England verschiedene. Er übersah die Lektionen des bas-empire über das französische allgemeine Wahlrecht. Er gab ferner von vornherein – wie jeder Mann, der behauptet, eine Panazee für die Leiden der Masse in der Tasche zu haben – seiner Agitation einen religiösen Sektencharakter. In der Tat, jede Sekte ist religiös. Er verleugnete ferner, eben weil Sektenstifter, allen natürlichen Zusammenhang mit der frühern Bewegung in Deutschland wie im Ausland. Er fiel in den Fehler Proudhons, die reelle Basis seiner Agitation nicht aus den wirklichen Elementen der Klassenbewegung zu suchen, sondern letzterer nach einem gewissen doktrinären Rezept ihren Verlauf vorschreiben zu wollen.

Was ich hier post festum7 sage, habe ich großenteils dem Lassalle vorhergesagt, als er 1862 nach London kam und mich aufforderte, mich mit ihm an die Spitze der neuen Bewegung zu stellen.

Sie selbst haben den Gegensatz zwischen Sektenbewegung und Klassenbewegung an eigner Person erfahren. Die Sekte sucht ihre raison d’être und ihren point d’honneur8 nicht in dem, was sie mit der Klassenbewegung gemein hat, sondern in dem besondren Schibboleth, das sie von ihr unterscheidet. Als Sie daher zu Hamburg den Kongreß zur Trades Unions Stiftung vorschlugen, konnten Sie den Sektenwiderstand nur niederschlagen durch Drohung, die Präsidentenwürde niederzulegen. Sie waren außerdem gezwungen, Ihre Person zu verdoppeln, zu erklären, das eine

Mal als Sektenhaupt und das andre Mal als Organ der Klassenbewegung zu handeln.

Die Auflösung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gab Ihnen den Anlaß, einen großen Fortschritt zu vollziehn und zu erklären, zu beweisen, s’il le fallait9, daß nun ein neues Entwicklungsstadium eingetreten und die Sektenbewegung nun reif sei, in die Klassenbewegung aufzugehen und allem „Anertum“ ein Ende zu machen. Was den wahren Inhalt der Sekte betraf, würde sie ihn, wie alle früheren Arbeitersekten, als bereicherndes Element in die allgemeine Bewegung tragen. Statt dessen haben Sie in der Tat die Forderung an die Klassenbewegung gestellt, sich einer besondern Sektenbewegung unterzuordnen. Ihre Nichtfreunde haben daraus geschlossen, daß Sie unter allen Umständen Ihre „eigne Arbeiterbewegung“ konservieren wollen.

Was den Berliner Kongreß betrifft, so war d’abord die Zeit nicht drängend, da das Koalitionsgesetz noch nicht votiert ist. Sie müßten sich also mit den Führern außerhalb des Lassalleschen Kreises verständigen, gemeinsam mit ihnen den Plan ausarbeiten und den Kongreß berufen. Statt dessen ließen Sie nur die Alternative, offen sich Ihnen anzuschließen oder Front gegen Sie zu machen. Der Kongreß selbst erschien nur als erweiterte Auflage des Hamburger Kongresses.

Was den Statutenentwurf betrifft, so halte ich ihn für prinzipiell verfehlt, und ich glaube, soviel Erfahrung als irgendein Zeitgenosse auf dem Gebiet der Trades Unions zu haben. Ohne hier weiter auf Details einzugehn, bemerke ich nur, daß die zentralistische Organisation, sosohr sie für geheime Gesellschaften und Sektenbewegungen taugt, dem Wesen der Trade-Unions widerspricht. Wäre sie möglich – ich erkläre sie tout bonnement10 für unmöglich –, so wäre sie nicht wünschenswert, am wenigsten in Deutschland. Hier, wo der Arbeiter von Kindesbeinen an bürokratisch gemaßregelt wird und an die Autorität, an die vorgesetzte Behörde glaubt, gilt es vor allem, ihn selbständig gehn zu lehren.

Ihr Plan ist auch sonst unpraktisch. Im „Verband“ drei unabhängige Mächte verschiednen Ursprungs: 1. Der Ausschuß, gewählt von den Gewerken; 2. der Präsident (eine hier ganz überflüssige Person) {In den Statuten der Internationalen Arbeiterassoziation figuriert auch ein Präsident der Association. Er hatte jedoch in Wirklichkeit nie eine andre Funktion, als den Sitzungen des Generalrats zu präsidieren. Auf meinen Vorschlag schaffte man 1867 die Würde, die ich 1866 ausschlug, ganz ab und ersetzte

sie durch einen Vorsitzenden (Chairman), der in jeder Wochensitzung des Generalrats gewählt wird. Der London Trades’ Council hat ebenfalls nur einen Chairman. Sein stehender Beamter ist nur der Sekretär, weil dieser eine kontinuierliche Geschäftsfunktion verrichtet.} {NB. Dieser Passus folgt in der Abschrift des Briefes an Schw[eitzer] nach Beendigung dieses Satzes}, gewählt durch allgemeines Stimmrecht; 3. der Kongreß, gewählt durch die Lokalitäten. Also überall Kollision, und das soll „rasche Aktion“ befördern! (Hier nun der Zwischensatz.) Lassalle beging großen Mißgriff, als er den „pr[ésident] élu du suffrage universel“11 der französischen Konstitution von 1852 entlehnte. Nun gar in einer Trades Unions-Bewegung! Diese dreht sich großenteils um Geldfragen, und Sie werden bald entdecken, daß hier alles Diktatortum aufhört.

Indes, welches immer die Fehler der Organisation, sie können vielleicht durch rationelle Praxis mehr oder minder ausgemerzt werden. Ich bin bereit, als Sekretär der Internationale den Vermittler zwischen Ihnen und der Nürnberger Majorität, die sich direkt der Internationalen angeschlossen hat, zu spielen – auf rationeller Grundlage, versteht sich. Ich habe dasselbe nach Leipzig12 geschrieben. Ich verkenne die Schwierigkeiten Ihrer Stellung nicht und vergesse nie, daß jeder von uns mehr von den Umständen als seinem Willen abhängt.

Ich verspreche Ihnen unter allen Umständen die Unparteiischkeit, die meine Pflicht ist. Andrerseits kann ich aber nicht versprechen, daß ich nicht eines Tages als Privatschriftsteller – sobald ich es absolut durch das Interesse der Arbeiterbewegung diktiert halte –, auch offne Kritik an dem Lassalleschen Aberglauben üben werde, wie ich es seinerzeit an dem Proudhonschen getan habe13.

Indem ich Sie persönlich meines besten Willens für Sie versichre,

Ihr ergebner
K.M.

Nach dem handschriftlichen Entwurf.