London, 6. April 1868
Lieber Kugelmann,
Das junge Paar1 ist letzten Donnerstag zivilregistriert worden (da kirchliche Trauung hier nicht gesetzlich nötig ist) und nach Frankreich zur Feier des honeymoon2 abgereist. Es sendet Ihnen und Frau Gertrud seine besten Grüße.
Coppel hat hier bei mir vorgesprochen. Leider konnte ich ihn nicht empfangen, da ich mit Kataplasmen umwickelt war. Engels war während der Hochzeit hier und reiste gestern wieder ab. Auf sein Zureden habe ich mich entschlossen, die Arsenikkur durchzumachen, da dieser Zustand endlich doch aufhören muß. Einer seiner Freunde in Manchester ist durch jene Kur in relativ kurzer Zeit völlig hergestellt worden. Ich hatte gewisse Vorurteile wider das Arsenik infolge einer Verhandlung unter französischen Ärzten, die ich in der „Gazette médicale“ gelesen hatte.
Hier herrscht jetzt die irische Frage vor. Sie ist von Gladstone et Cons. natürlich nur ausgebeutet worden, um wieder ans Ruder zu kommen und vor allem einen Wahlschrei (electoral cry) bei der nächsten, auf household suffrage beruhenden Wahl zu haben. Zunächst ist diese Wendung der Dinge der Arbeiterpartei schädlich. Nämlich die Intriganten unter den Arbeitern, die ins nächste Parlament kommen wollen, wie Odger, Potter etc., haben jetzt einen neuen Vorwand erhalten, sich den bürgerlichen Liberalen anzuschließen.
Indes ist dies nur eine Strafe, die England – daher auch die englische Arbeiterklasse – zahlt für das große vielhundertjährige Verbrechen an Irland. Und, in the long run3, kommt es der englischen Arbeiterklasse selbst wieder zugut. Nämlich die English established church in Ireland – or what they use to call here the Irish church4 – ist das religiöse Bollwerk des englischen Landlordism5 in Ireland, zugleich das Vorwerk der Staatskirche in England selbst (ich spreche hier von der Staatskirche als Grundeigentümer). Mit dem Sturz der Staatskirche in Irland fällt sie in England, und beiden wird nachfolgen (im Untergang) erst der landlordism in Irland, und dann in England. Ich war aber von jeher überzeugt, daß die soziale Revolution von Grund aus, d.h. vom Grund-und-Boden-Eigentum aus, ernsthaft anfangen muß.
Außerdem hat die Sache die sehr nützliche Folge, daß, sobald die Irish church tot ist, die protestant Irish tenants6 in der Provinz Ulster sich den katholischen tenants in den 3 anderen Provinzen Irlands und ihrer Bewegung anschließen werden, während bisher der landlordism diesen religiösen Gegensatz exploitieren konnte.
Ich habe vorgestern von Freiligrath (die Hochzeitskarten wurden ihm natürlich zugeschickt) einen Brief erhalten, worin folgender sonderbarer Satz vorkommt. – Doch es amüsiert Sie vielleicht mehr, wenn ich den Brief selbst einlege, was hiermit geschieht. Doch müssen Sie ihn mir zurückschicken. Damit Sie den Brief ganz verstehen, folgendes: In Berlin erschienen kurz vor Erscheinen meines Buchs7: „Zwölf Streiter der Revolution von G.Struve und Gustav Rasch“. In dieser Druckschrift wird Freiligrath gefeiert als „einer“ der 12 Apostel und zugleich haarklein nachgewiesen, daß er nie Kommunist war, und in der Tat nur durch too great a condescension8 mit solchen Ungeheuern wie Marx, Engels, Wolff etc. in Verbindung kam. Da Wolff auch hier verschimpft war, schrieb ich an Freiligrath um Aufklärung, so mehr als ich wußte, daß G. Rasch (ein Lump) an der Spitze seines Bettelcommittees in Berlin stand. Er antwortete mir sehr trocken und mit ausweichender Philisterschlauheit. Später schickte ich ihm mein Buch, ohne aber, wie das früher wechselseitig unter uns Stil, meinen Namen einzuschreiben. Er scheint den hint9 verstanden zu haben.
Grüßen Sie bestens von mir Ihre liebe Frau und Fränzchen. Wenn es irgendwie tubar, komme ich under all circumstances10 meinen Besuch abstatten.
Ihr
K. Marx
Apropos. Borkheim wird Sie in a few days11 besuchen. Vergessen Sie nicht, daß ich, trotz aller Kameradschaft mit ihm, stets Reserve beobachte! Liebknechts Blatt ist viel zu borniert „südlich“. (Er hat nicht Dialektik genug, um nach zwei Seiten zugleich zu hauen.)