London, 17 March 1868
Lieber Freund,
Ihr Brief hat mich unangenehm und angenehm (Sie sehen, ich bewege mich immer in dem dialektischen Widerspruch) affiziert.
Unangenehm, weil ich Ihre Verhältnisse kenne und es miserabel von mir wäre, wenn ich auf Kosten Ihrer Familie derartige Präsente annehmen wollte. Ich betrachte diese £ 15 daher als Vorschuß, den ich meiner Zeit zurückerstatten werde.
Angenehm, nicht nur als Zeichen Ihrer großen Freundschaft (und in diesem Getreibe der Welt ist die Freundschaft das einzig persönlich Bedeutende), sondern auch, weil Sie mir aus großer Verlegenheit wegen der bevorstehenden Hochzeit weggeholfen haben. Ich habe – abgesehen von Medizin und Doktor – während der letzten 4 Monate so viel Geld in Blue Books, Enquêtes und Yankee Reports etc. on Banks1 ausgegeben, daß mir in der Tat für meine Tochter2 nichts übrigblieb.
Sie können sich denken, daß ich den Wegzug aus London nach Genf nicht nur mit mir selbst und eigener Familie, sondern auch mit Engels oft besprochen habe. Hier muß ich 4–500 £ jährlich ausgeben. In Genf könnte ich mit 200 £ leben. Aber considered all in all3 ist das einstweilen unmöglich. Nur in London kann ich meine Arbeit fertigmachen. Und nur hier kann ich hoffen, aus dieser Arbeit auch schließlich einen entsprechenden, wenigstens anständigen monetären Profit zu ziehen. Dazu aber nötig, daß ich hierbleibe, einstweilen. Abgesehn davon, daß, wenn ich in dieser kritischen Zeit hier fortgehe, die ganze Arbeiterbewegung, die ich hinter den Kulissen influenziere, in sehr schlechte Hände und auf Abwege geraten würde.
Das Schicksal bindet mich also einstweilen, all drawbacks notwithstanding4 an London. Quant à5 Coppel, tun Sie ihm unrecht. Wäre ich nicht unwohl gewesen, so hätte er mich amüsiert, und für die Familie schadet eine solche Zerstreuung nie.
An Liebknechts Blatt haben Engels und ich bisher nichts geschrieben. (E[ngels] hat ihm jetzt 2 Artikel über mein Buch geschickt.) Der gewöhnliche Londoner Korrespondent ist Eccarius. Borkheim hat einen Artikel gegen Herzen et Co. geschrieben.
M[eyer]s6 Brief hat mich sehr gefreut. Er hat indes meine Entwicklung zum Teil mißverstanden. Sonst hätte er gesehen, daß ich die große Industrie nicht nur als Mutter des Antagonismus, sondern auch als Erzeugerin der materiellen und geistigen Bedingungen zur Lösung dieser Antagonismen darstelle, die allerdings nicht auf gemütlichem Wege vorgehen kann.
Was das Fabrikgesetz betrifft – als erste Bedingung, damit die Arbeiterklasse ellbowroom7 zur Entwicklung und Bewegung erhält – so fordere ich es von Staats wegen, als Zwangsgesetz, nicht nur gegen Fabrikanten, sondern auch gegen die Arbeiter selbst. (Seite 542, Note 52 deute ich den Widerstand der weiblichen Arbeiter gegen die Zeitbeschränkung an.) Wenn Herr M[eyer] übrigens dieselbe Energie entwickelt wie Owen, so kann er diesen Widerstand brechen. Daß der einzelne Fabrikant (außer soweit er auf die Gesetzgebung zu wirken sucht) nicht viel in der Sache tun kann, sage ich ditto p. 243: „Im großen und ganzen hängt dies aber auch nicht vom guten oder bösen Willen des einzelnen Kapitalisten ab etc.“ und ib. Note 114. Daß trotz alledem der einzelne werktätig sein kann, haben solche Fabrikanten wie Fielden, Owen etc. reichlich bewiesen. Ihre Hauptwirksamkeit muß natürlich öffentlicher Natur sein. Was die Dollfus im Elsaß angeht, so sind es Humbugs8, die ein gemütliches und ihnen zugleich sehr profitliches Leibeigenenverhältnis zu ihren Arbeitern durch ihre Kontraktbedingungen herzustellen wissen. Sie sind in Pariser Blättern gehörig bloßgestellt worden, und eben deswegen hat einer dieser Dollfus vor kurzem im Corps législatif einen der infamsten §§ zum Preßgesetz vorgeschlagen und carried9, nämlich, daß die „vie privée doit être murée“10.
Mit herzlichstem Gruß an Ihre liebe Frau
Ihr
K.M.
Apropos: Haben Sie gesehn, daß mein persönlicher Feind Schweitzer in 6 Nummern des „Soc[ial]-Dem[okrat]“ mich mit Elogen überhäuft hat von wegen meines Buchs? Dies kummervoll für die alte Hure Hatzfeldt.