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Marx an Engels
in Manchester

[London] 14. April 1870

Dear Fred,

Einliegend Wilhelm zurück. Du siehst aus dem beigelegten Brief von Borkheim, was der Wilhelm mir für Ungezogenheiten sagen läßt. Ich liebe diese grobianische Sentimentalität nicht, und da Wilhelm ein geborner Darmstädter ist, also nicht einmal die Entschuldigung hat, geborner Westfale zu sein, habe ich ihm eine etwas derbe Antwort zugehn lassen.

Er hat in Deinem Artikel1 absichtlich übersehn, daß die „Volkspartei“ und die „Nationalliberalen“ als die zwei Pole derselben Borniertheit behandelt werden.

Dienstag war ich zum erstenmal wieder im Zentralrat und nahm Pfänder, der wieder als Mitglied eingetreten (wiedererwählt) ist, aber sich noch nicht repräsentiert hatte, bei der Gelegenheit ab. Er teilte mir mit, daß er vor 8 Tagen zu Schapper gerufen worden, der sehr gefährlich erkrankt. Schapper wünschte mich zu sehn; Pfänder ließ mich das nicht wissen, weil ich wegen des Zeugs am Schenkel nicht gut gehn konnte. Ich wäre aber gefahren, wenn er mich avertiert2 hätte. Denselben Abend (Dienstag) berichtete Leßner, Schapper sei in articulo mortis3. Ich hoffe, daß es nicht so schlimm ist.

Da ich einmal auf medizinischem Gebiet, so dies: Ich betrachte den letzten Ausbruch bloß als Nachwehe, die ziemlich regelmäßig eintritt und dann mit Fortschritt des warmen Wetters verschwindet. Ich glaube also, für dies Jahr fertig damit zu sein. Nun hat sich aber sofort mit dem wärmeren Wetter, wie immer, das Leberleiden (oder was es sei) eingestellt und ich saufe Gumperts Medizin dagegen. Kugelmann behauptet, die einzige Manier, mich wieder ordentlich auf den Strumpf zu bringen, sei, Ende des Sommers Kur in Karlsbad durchzumachen. Das Ganze beruhe auf schlechter Ernährung, diese auf schlechter Verdauung, und dies hänge mit der nicht ordentlichen Funktion der Leber zusammen. Ich bitte Dich also, darüber den Gumpert zu examinieren. Sag ihm aber lieber, der Karlsbader Vorschlag komme von meinem englischen Arzt, denn vielleicht würde der bloße Name „Kugelmann“ ihn bestimmen, wider Willen und Wissen den Kasus nicht objektiv zu beurteilen. Ich fühle, daß in der Tat irgendein decisives Präventivmittel ergriffen werden muß, da man jedes Jahr ein Jahr älter wird, und diese Art Gebrestlichkeit weder für one self4 noch für Wirkung nach außen förderlich.

Du weißt, daß Meyen gestorben ist?

Die „Zukunft“ geben allerdings ein schönes Bild der preußisch-liberalen Gegenwart! Doch wird die „Zukunft“ selbst sich in die „Gegenwart“ verwandeln. Als „Zukunft“ ist das Journal nämlich bankrott. In seiner neuen Form tritt es unter die Botmäßigkeit (mit Weiß nach wie vor als Redakteur en chef) von Sonnemann in Frankfurt. Es soll, rein politisch, die Volkspartei in Berlin vertreten. Quelle imbécilité!5 Das bißchen Einfluß und Leserkreis unter den Arbeitern wird es durch Beseitigung der Koketterie mit der „sozialen Frage“ ganz verlieren und preußische, speziell Berliner „Bürger“ wird es sicherlich nicht gewinnen durch stärkere süddeutsche Färbung.

Ich lege Dir bei 2 Wiener Arbeiterblätter6 und 1 „Égalité“ und bitte, alle drei nach Durchlesung zu remittieren.

In dem „Volkswillen“7 „scheen“ die „Gebeide“, die das Jüdchen Leo Frankel (Pariser Korrespondent Schweitzers, ich weiß nicht, ob noch?) aus meiner Explikation über die Wertbestandteile aufführt. Par exemple: (Arbeitskraft + Lohnarbeit – Lohn = Unabhängiger Arbeiter).

Aus der „Égalité“ wirst Du ersehn, daß es auf dem Kongreß der Suisses Romands8 zu La Chaux-de-Fonds zu offnem Krieg zwischen den Bakunisten, angeführt durch Guillaume (das Vieh nennt sich Professor, ist Redakteur des „Progrès“ zu Locle, Bakunins Leibmoniteur), und dem Conseil Romand9 (Genf) gekommen ist. Die Darstellung ist sehr konfus. Am Dienstagabend teilte Jung offiziellen Bericht des Genfer Council9 mit, geschrieben vom Russen Outine, der als Sekretär auf dem Romand Kongreß funktionierte. Die Antibakunisten, 2000 Mann repräsentierend, wurden überflügelt und daher zur secessio9 gezwungen durch die Bakuniten, 600 Mann repräsentierend, die sich aber per fas et nefas10, u. a. durch gefälschte Mandate, stärkere Delegatenzahl gesichert. Es kam zu heftigen Erklärungen über Bakunins Treiben, den Outine u. a. bloßstellte. Der Council Romand verlangt nun, gestützt auf Beschluß des letzten (Basler) Kongresses, daß der Zentralrat entscheiden [solle]. Wir haben geantwortet: Alle facts, mit den Sitzungsprotokollen, müssen herübergeschickt werden. Ditto haben wir Jung beauftragt, an Guillaume zu schreiben, damit er ditto sein plaidoyer vorlege.

Wir hatten kürzlich ebenso einen Zwist in Lyon zu entscheiden. Schließlich hat in Basel eine Clique (unter Staatsprokurator Bruhin) die andre (mehr proletarische) bei uns verklagt. Letzteren Kasus jedoch haben wir als ganz lokal an J.Ph.Becker als Schiedsrichter verwiesen.

Lafargue hat in Paris eine sehr gelehrte Russin11 (Freundin seines Freundes Jaclard, eines ausgezeichneten jungen Manns) kennengelernt. Sie teilte ihm mit: Flerowski – obgleich sein Buch zur Zeit der liberal fit12 die Zensur passiert hatte – ist für selbiges gefälligst nach Sibirien verbannt. Die Übersetzung meines Buchs ist noch vor Ausgabe konfisziert und verboten worden.

Du erhältst noch im Lauf dieser Woche oder Anfang nächster: „Landlord and Tenant Right in Ireland. Reports by Poor Law Inspectors. 1870“, ditto „Agricultural Holdings in Ireland. Returns. 1870.“

Die Reports der Poor Law Inspectors13 sind interessant. Sie zeigen u.a. auch, wie ihre bereits in Deinen Händen befindlichen „Reports on Agricultural Wages“, daß seit dem famine14 der Konflikt zwischen labourers on the one hand, farmers und tenants15 auf der andern begonnen hat. Was die „Reports on Wages“ angeht, so sind – angenommen, die jetzigen Lohnangaben seien richtig, und dies ist wahrscheinlich nach andern Quellen – die früheren Lohnsätze entweder zu niedrig angegeben oder die früheren Parliamentary Returns16 über dieselben, die ich Dir aus meinen Parliamentary papers17 aufsuchen werde, waren zu hoch angegeben. Im ganzen bestätigt sich aber, was ich in dem Abschnitt über Irland sagte, daß die Lohnerhöhung mehr als aufgewogen durch das Steigen im Preis der Lebensmittel und daß, mit Ausnahme von Herbstzeit etc., relatives Surplus der labourers18 richtig hergestellt ist trotz Emigration. Wichtig auch in den „Landlord and Tenant Right Reports“ das fact, daß der Fortschritt der machinery eine Masse handloom weavers19 in Paupers verwandelt hat.

Du wirst mich verpflichten, wenn Du mir ganz kurz einiges über die Bogs, peats etc.20 of Irland mitteilst. In allen blue books, die ich gelesen, erscheint der Bog bald auf dem Berg, namentlich auf den Bergabhängen, bald aber auch in der Ebene. Wie verhält es sich damit? Was verstehn die Irish unter townlands21?

Sehr klar geht aus den zwei Reports der Poor Law Commissioners hervor: 1., daß seit dem famine das clearing der estates von labourers Wohnungen22 wie in England begonnen hat (zu unterscheiden von der suppression der 40-sh.-freeholders23 nach 1829).

2., daß das Encumbered Estates proceedings24 eine Masse kleiner Wucherer an die Stelle der turned out flotten landlords25 gesetzt hat. (Die charge of landlords26 1/6 nach denselben Reports.)

Es wäre mir sehr lieb, wenn Du und Moore mir einige £ für Dupont schicken könntet. Seine Frau ist wegen Schwindsucht im Hospital. Er selbst ist turned out27 aus dem alten Geschäft. Der Vorwand: seine politische Richtung; die wirkliche Ursache: Er hat alle Erfindungen gemacht, die sich sein Fabrikant angeeignet. Diesem war er daher seit lange (er glaubt ihn ganz ausgesogen zu haben) persona ingrata28. Doch hat sich der Herr Fabrikant so far29 geschnitten, als Dupont eine ganz neue Erfindung gemacht hat, welche ein bisher lang gestelltes Problem in der Klavierfabrikation löst. Ich habe Dupont bereits ein paar £ gegeben, da er zum bloßen trocknen Brot seit Wochen mit seinen kleinen 3 Mädchen verurteilt war. Es gilt nur für wenige Wochen zu helfen, bis er neuen Platz gefunden. Wer kann die Geschichte of workingmen evicted wegen Erfindungen30 schreiben!

Dabei wird der arme Teufel noch harassed31 durch die Eifersucht der Pariser und die Verleumdungen der French Branch, die natürlich den Flourens sogleich akkapariert32 hat.

Salut.

Dein K.M.

Apropos. Stirling (Edinburgh) – der Übersetzer von Hegels Logik, an der Spitze der britischen subscription für Hegeldenkmal – hat eine kleine Broschüre gegen Huxley und sein Protoplasma geschrieben. Der Kerl hat natürlich als Schotte die falsche Religions- und Ideenmystik Hegels sich angeeignet (auch deshalb Carlyle bewogen, seinen Übertritt zur Hegelei öffentlich zu erklären). Aber seine Kenntnis der Hegelschen Dialektik befähigt ihn, die Schwächen Huxleys – wo dieser sich aufs Philosophieren legt – nachzuweisen. Seine Geschichte, im selben Pamphlet, gegen Darwin kömmt auf das heraus, was der Berliner (Hegelianer of the old school33) Blutschulze34 vor einigen Jahren auf der Naturforscherversammlung zu Hannover sagte.