Manchester, 17. Febr. 1870
Lieber Mohr,
Dem Wilh[elm]1 das Nötige geschrieben.2 Ich bin nun begierig, wie er sich herausbeißen wird.
Etwas Lächerlicheres als den Brief Flourens’ über seine Heldentaten in Belleville, wo er „während 3 Stunden ein ganzes Faubourg in Besitz gehabt“, habe ich lange nicht gelesen. Famos der Anfang, wo er die Leute auffordert, ihm zu folgen, aber nur 100 mitgehn und diese auch bald zu 60 zusammenschmelzen, und dann auch diese verdunsten, bis er endlich allein „mit einem Jungen“ im Theater durchgehauen wird.
Die Geschichte mit Bright ist sehr kurios. Er hatte früher schon einmal einen solchen Anfall und mußte 2 Jahre aufs Land, Fische fangen.
Die Geschichte mit den in Polen verwandelten Russen ist ganz irisch. Den Flerowski muß ich haben, leider werd’ ich vorderhand keine Zeit haben, ihn durchzuoachsen.
Hins incl. zurück. Der Brief ist offenbar bloß für Dich geschrieben.
Gestern war ich auf einer feinen Fresserei selbstzwölft unter lauter Tories, Kaufleuten, Fabrikanten, Kattundruckern pp. Die Leute kamen darin überein:
1. Daß seit 3 Jahren hier in Lancashire the hands had been always in the right and the masters always in the wrong (Shorttime versus reduction of wages)3;
2. daß the Ballot was now necessary to protect the Conservative voters4,
und
3. daß England in 25 Jahren eine Republik sein werde, und falls der Prinz von Wales5 sich nicht sehr populär mache, auch schon früher.
Es ist komisch, wie den Leuten die Einsicht kommt, sowie ihre Partei out of office6 ist, und wie plötzlich sie sie verlieren, sobald sie in7 ist.
Apropos. Du weißt doch, daß in dem Divorce Trial8 der Lady Mordaunt die „some other person“9, mit der sie criminal connection10 gehabt, der Prinz von Wales ist.
Also der Berg Gladstone hat seine irische Maus glücklich accouchiert11. Ich weiß in der Tat nicht, was die Tories gegen diese Bill haben können, die mit den irischen Landlords so säuberlich umgeht und schließlich ihre Interessen in die erprobten Hände der irischen Juristen legt. Trotzdem wird selbst dies bißchen Beschränkung der Eviktionsfreiheit die Folge haben, daß die übermäßige Auswanderung aufhört und die Verwandlung des Ackerlands in Viehweide eingestellt wird. Wenn aber der brave Gladstone meint, mit dieser neueröffneten Aussicht auf fortwährende Prozesse die irische Frage beseitigt zu haben, so ist das sehr heiter.
Kann man einen Abdruck der Bill haben? Es wäre mir sehr wichtig, um die Debatten der einzelnen Klauseln verfolgen zu können.
Von der Art und Weise, wie der Telegraph seit der Übernahme durch die Regierung in die Brüche gegangen, davon habt Ihr in London keine Vorstellung. Die Rede Gladstones stand gestern nur zum ersten Drittel in den hiesigen Zeitungen, und zwar auch dies reiner Blödsinn. Die Latest Telegrams12 sind alle 24 Stunden älter als sonst, so daß, wenn man etwas wissen will, man warten muß, bis die Londoner Zeitungen kommen. Ein Telegramm von hier nach Nottingham wurde Donnerstag aufgegeben, kam Montag an.
Du weißt, es ist jetzt seit 3–4 Jahren ein großer Krakeel zwischen den preußischen und östreichischen Historikern wegen dem Frieden von Basel, weil der Sybel behauptet hat, Preußen hätte ihn schließen müssen, weil es von Östreich in Polen verraten worden. Jetzt hat der Sybel wieder eine lange Geschichte darüber, aus den östreichischen Archiven, in seiner historischen Zeitschrift. Während jede Zeile nachweist, wie Rußland sowohl Preußen wie Östreich aneinander und zugleich in den Krieg gegen Frankreich 1792 hetzt, beide exploitiert, prellt, beherrscht, merkt der dumme Sybel das gar nicht, sondern sucht in diesem ganzen Saukram von Prellerei, Vertragsbruch und Niederträchtigkeit, in dem sie alle gleich tief stecken, nur nach dem einen: nach Beweisen, daß Östreich doch noch schuftiger war als Preußen. Solche Ochsen sind noch nie dagewesen. Nicht gegen Rußland, nein, nur gegen Östreich richtet sich sein Ärger, und selbst die hier ganz offen liegende und sonnenklare russische Politik erklärt er sich aus kindischen Motiven, wie Ärger über die Doppelzüngigkeit Östreichs.
Aus dem Flerowski scheint jedenfalls hervorzugehn, daß das Zusammenbrechen der russischen Macht in sehr kurzer Zeit erfolgen muß. Urquhart wird freilich sagen, das Buch hätten die Russen schreiben lassen, um der Welt Sand in die Augen zu streuen.
An Tussy meinen besten Dank für den mir zum Valentine geschickten preußischen Kultusminister.
Dein
F. E.