1870

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Engels an Marx
in London

Manchester, 9.Jan. 1870

Lieber Mohr,

Prosit Neujahr!

Donnerstag mittag kam ich hier wieder an, nachdem ich mir in Barmen meinen Magen bei der Unzahl Fressereien gründlich verwüstet. Die Leute sind dort überglücklich, d.h. die Philister. Die Kriegsgefahr ist ja jetzt endlich beseitigt, Louis-Nap[oleon] hat seine überlegne Weisheit durch sein kluges Nachgeben wieder einmal glänzend bewährt, Bismarck ist wieder arbeitsfähig, das Vertrauen kehrt wieder, der Commerce muß sich heben, und da muß das Jahr 1870 für den deutschen Biedermann ein äußerst gesegnetes werden. Wie den Leuten jedes Jahr immer noch mehr Verstand abhanden kommen kann, ist mir unbegreiflich.

Der alte Schneider und Revolutionsgeneral Hühnerbein war sehr erfreut, mich wiederzusehn. Hat auch noch ein vollständiges Exemplar der „N[euen] Rh[einischen] Z[eitung]“ in rotem Einband, was gut zu wissen ist. Läßt Dich grüßen, er hat zwei sehr hübsche Töchter.

Nach Solingen ging ich nicht1, und zwar aus folgenden Gründen:

1. wäre es mir in der holiday-Zeit2 sehr schwer geworden, einen Tag loszukommen,

2. hätte ich doch nicht gut genauere Einsicht in das Geschäft verlangen können, ohne mich selbst mit einer größeren Summe zu beteiligen, was nicht ging, und

3. hätte ich, als Parteifreund, doch den Leuten manches aufs Wort glauben müssen und nicht so streng auf Vorlage aller Dokumente und securities3 bestehen können wie ein ganz Fremder; während Menke, auf meinen Bericht hin, vielleicht davon absehen würde, jemand hinzuschicken, und mir dadurch eine Verantwortlichkeit aufgeladen würde, die ich lieber ablehne.

Ich warte nun auf Antwort von Dir und schreibe dann den Leuten.4

Wäre ich nicht so abgerackert gewesen und dazu besorgt wegen Lizzie, die ich unwohl verließ und von der ich die ganze Zeit nichts gehört, so wäre ich auf der Rückreise nochmals bei Dir vorgekommen.

Zeitungen die ganze Zeit fast keine gelesen, doch seh ich, daß die Hatzfeldt durch Mende den Schw[eitzer] wieder in den Bann hat tun lassen; das muß doch jetzt bald mit dem Schw[eitzer] am Ende sein. Näheres erfahre ich wohl durch Dich aus den Blättern.

In Köln Klein5 auf ein paar Augenblicke besucht. War sehr kühl, diese Leute verphilistern so, daß wir sie ordentlich zu genieren scheinen. Sie haben jetzt einen Anti-Ultramontanenverein, worin natürlich Krethi und Plethi (was nach Ewalds Übersetzung Kreter und Philister heißt).

Beste Grüße.

Dein
F. E.