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Engels an Marx
in London

Manchester, 30. Juli 69

Lieber Mohr,

Der alte Becker1 muß rein toll geworden sein. Wie kann er dekretieren, daß die Trades Union die wahre Arbeitervereinigung und Grundlage aller Organisation zu sein hat, daß die andern Vereine nur provisorisch daneben zu bestehen haben usw. Alles in einem Land, wo richtige trades unions noch gar nicht einmal bestehn. Und welche verwickelte „Organisation“. Einerseits zentralisiert sich jeder Trade in einer nationalen Spitze, andrerseits zentralisieren sich die verschiednen trades jeder Lokalität wieder zu einer lokalen Spitze. Wenn man den ewigen Krakeel permanent machen will, so muß man diese Einrichtung einführen. Aber es ist au fond2 weiter nichts als der alte deutsche Knote, der sich seine „Herberge“ in jeder Stadt retten will, und diese Herberge zur Einheit der Arbeiterorganisation nimmt. Wenn noch mehr dgl. Vorschläge zutage kommen, so wird die Zeit auf dem Eisenacher Kongreß hübsch verdebattiert werden.

Die internationalen Pläne haben natürlich keinen andern Zweck, als dem Becker die Leitung zu sichern, soweit die deutsche Zunge klingt (Mülhausen im Elsaß hat er bereits annexiert, siehe „Vorbote“, p. 109 unter Basel). In der Sache selbst scheitert diese schöne Organisation, mit der Spitze Genf, an den deutschen Gesetzen, da B[ecker], wie üblich, die Rechnung ohne den Wirt gemacht hat. Daß er das Ding mit den Sprachzentralkomitees verallgemeinert, also die Genfer Arbeiter unter Paris, die Antwerpner unter Amsterdam stellen will (falls nicht Genf auch ganz Frankreich und Wallonisch-Belgien regieren soll, was man sich in dem freien Genf sehr wahrscheinlich auch eingebildet hat), wird wohl nur den Zweck haben, seinen Anspruch auf die Regentschaft über die deutsche Sprache zu verstärken. Es ist aber sehr gut, daß der Eisenacher und nicht der internationale Baseler Kongreß diese Sachen beschließen soll.3

Übrigens will ich gar nicht behaupten, daß ich des Beckers Plan richtig verstanden habe; bei dem Deutsch und der Logik, die da herrschen, hört Sinn und Verstand überhaupt auf.

Daß der fette Bakunin dahintersitzt, ist ganz klar. Wenn dieser verdammte Russe in der Tat daran denkt, sich an die Spitze der Arbeiterbewegung hinaufzuintrigieren, so ist es Zeit, daß ihm einmal gehörig gedient wird und die Frage gestellt, ob ein Panslawist überhaupt Mitglied einer internationalen Arbeiterassoziation sein kann. Man kann den Kerl sehr leicht fassen. Er muß sich nicht einbilden, den Arbeitern gegenüber den kosmopolitischen Kommunisten und den Russen gegenüber den heißnationalen Panslawisten spielen zu können. Einige Winke an Borkh[eim], der ihn ja grade in der Mache hat, wären ganz angebracht; B[orkheim] wird den Wink mit dem Zaunpfahl wohl verstehn.

Du wirst gesehn haben, wie die braven Schwitzer auch die „unmittelbare Gesetzgebung durch das Volk“ auf dem Kongreß debattiert haben wollen. Wird hübsch werden.(392)

Es ist doch eine Schande, daß nach beinahe 40 Jahren politischer Arbeiterbewegung in England das einzige Arbeiterblatt4, das existiert, von einem Bourgeois wie S. Morley aufgekauft werden kann.5 Aber leider, es scheint ein Gesetz der proletarischen Bewegung zu sein, daß überall ein Teil der Führer der Arbeiter notwendig verlumpt, obwohl dies in der Allgemeinheit, worin Lassalle es in Deutschland entwickelt hat, doch sonst nirgend vorkommt.

Tussy liest jetzt den Firdusi in der sehr guten Schackschen Bearbeitung; bis jetzt gefällt er ihr sehr gut, ob sie sich aber durch den enormen Band ganz durcharbeitet, ist etwas andres.

Ende nächster Woche denk' ich endlich mit dem saubern Gottfried6 fertig zu werden und habe dann ca. 14 Tage Freiheit vor mir. Wenn Du also einen Reiseplan machen willst, so mache ihn und teile ihn mir mit, wir können uns dann irgendwo in Deutschland treffen oder auch in Holland, wenn Du willst, oder auch zusammen von London abreisen. Ende August muß ich meine Mutter in Ostende treffen, so gegen den 20. oder 25. Tussy kann wohl in der Zwischenzeit hierbleiben und der Lizzie Gesellschaft leisten? Was meinst Du?

Dein
F. E.

Geld erhältst Du, sobald ich mit G[ottfried] E[rmen] in Ordnung, wo möglich früher, id est if he forks out before7. Schickt Inliegendes an Tussy mit verstelltter Handschrift; sie wird sich wundern, woher?