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Engels an Marx
in London

Manchester, 6. Juli 69

Lieber Mohr,

Inl. Wilhelm zurück. Es ist in der Tat toll, was er Dich alles müssen, müssen, müssen läßt. Aber stets die alte Geschichte. Wenn er in Krakeel mit Schw[eitzer] geraten, mußt Du immer zu Hülfe gerufen werden. Das wird auch noch mehr vorkommen.

Wegen dem Baseler Kongreß hast Du ihm hoffentlich klaren Wein eingeschenkt darüber, daß nur Vertreter wirklich Beigetretener zugelassen werden. Es wäre fatal, wenn er und Bebel wegen Formfehlers ausgeschlossen werden müßten.

Was meinen Brief angeht, so ist sein Jammer über „Vorwürfe statt Geld“ genau das Gegenstück von Bismarcks Klage: Meine Herren, wir fordern Brot, und Sie geben uns Steine, als seine Steuern verworfen wurden. Der Punkt, der Herrn W[ilhelm] so „geärgert“ hat, war die Frage, wie er in demselben Brief mir sagen könne, er habe das Geld, um den „Bauernkrieg“ zu drucken, und daneben, er habe keins für das Blatt. Ferner, wie es sei, daß vor 1½ Jahren das Blatt bereits „gesichert“ war und jetzt sich doch noch nicht zahle? Davon schweigt Monsieur W[ilhelm] ganz und entrüstet sich bloß sittlich darüber, daß ich ihn an die mir damals von ihm freiwillig umgehend einzusenden versprochenen Aktien erinnerte, die ich natürlich auch jetzt grade eben deswegen nicht besehen werde, weil W[ilhelm] sagt, daß ich sie „natürlich erhalte“. Die Erwähnung der Aktien hatte nur den Zweck, den Wilh[elm] zu veranlassen, sich über den Status des Blatts zu äußern; es ist mir nämlich ziemlich klar, daß W[ilhelm] und Konsorten die Sache so bummelig eingerichtet haben, daß der Drucker oder sonst ein Gläubiger das Blatt mit Beschlag belegen und sie an die Luft setzen kann, sobald es sich zahlt. Es könnte in dem Falle dem Herrn W[ilhelm] sehr angenehm sein, wenn er hier einige Aktionäre sitzen hätte, die ihren Rechtsanspruch zu seinen Gunsten gelten machen könnten. Hätte der Narr mir in zufriedenstellender Weise geantwortet (was aber schwerlich möglich war), so hätte er auch Geld bekommen; aber auf die bloße Aufforderung hin, die sich dazu selbst widersprach, und ohne daß er sich weder wegen seiner früheren Bummelei entschuldigte oder auch nur über die Verhältnisse des Blatts ein Wort sagte, fiel mir das nicht ein. So wollen wir doch den W[ilhelm] nicht gewöhnen.

Wie sehr sein Siegesgeschrei verfrüht war, zeigen die 4 „Social-Demokraten“, die Du mir heute schicktest. Daß Schw[eitzer] auch stark lügt, ist sicher, aber er scheint doch momentan die Masse der rank and file1 gerettet zu haben. Indes geht’s doch stark abwärts mit ihm, und wenn er einen andern Gegner hätte als Wilh[elm], so würde das den Prozeß sehr beschleunigen. Aber freilich, der schwüle Kohl, den W[ilhelm] jetzt als seine „Rede“ abdrucken läßt, wird nicht viel helfen. Der Bebel geht doch dem Schw[eitzer] direkt auf den Leib und bringt einige fatale Sachen für ihn vor, wonach es doch wohl möglich wäre, daß Schw[eitzer] seinen Teil von den dem Stieber überantworteten Welfenfonds erhielte.

Jedenfalls ist mit Wilh[elm] nichts anzufangen, solange er nicht seine Organisation von der Volkspartei ganz entschieden getrennt und sich mit diesen Leuten höchstens auf ein loses Kartellverhältnis gestellt hat. Auch gut, daß er die Internationale auf den Titel seines Blättchens setzen will, das dann zugleich Organ der Volkspartei und der Internationalen Arbeiterassoziation sein würde! Organ der deutschen Spießbürger und der europäischen Arbeiter!

Auch ein schöner Standpunkt von Wilh[elm], daß man vom „jetzigen Staat“ Konzessionen an die Arbeiter weder nehmen noch selbst erzwingen darf. Damit wird er verdammt viel bei den Arbeitern ausrichten.

Für Meißner kann ich Dir unmöglich rechtzeitig etwas fertigmachen. Ich muß, bis die Bilanz fertig ist, wöchentlich mindestens 2–3mal in die Stadt laufen und voraussichtlich in den nächsten Wochen noch mehr, da ich den Kram genau kontrollieren muß. Mein Auge ist zwar viel besser, aber doch noch immer schonungsbedürftig, wenn ich’s nicht wieder schlimmer machen will. Dazu muß ich noch eine Masse andrer Geldgeschichten, mein Privatrechnungswesen usw., jetzt ein für allemal in Ordnung bringen, und das hält mich auch sehr auf. Und dann ist es mir auch wünschenswert, grade in diesem speziellen Fall M[eißner]s Ansicht vorher zu hören, da Du sagst, daß er in diesen Sachen etwas kitzlig ist.

Sage Jenny, ich würde ihr antworten, sobald das bewußte Bier hier eingesprungen ist, was bis jetzt nicht der Fall. Tussy sagt, sie würde morgen schreiben. Sie liest jetzt die serbischen Volkslieder in der deutschen Übersetzung, die ihr sehr zu gefallen scheinen, und hat mich im Klavierunterricht bei Mary Ellen2 abgelöst, zu dem großen Nutzen der letzteren. Wenn das Wetter gut ist und ich nicht in die Stadt muß, gehn wir jeden Morgen ein paar Stunden spazieren, sonst weather permitting3, des Abends.

Die Broschüre von Tridon war mir hauptsächlich des 2ten Teils wegen interessant, da ich die neueren Sachen über die erste Revolution nicht kenne. Im ersten Teil herrscht allerdings starke Konfusion, besonders über Zen- und Dezentralisation; es ist schon gut, daß die „Renaissance“ einstweilen vertagt ist, die Leute würden sich ja bald selbst in die Haare geraten. Komisch ist die Vorstellung, daß die Diktatur von Paris über Frankreich, an der die erste Revolution kaputtging, heute so ohne weiteres nochmals und mit anderm Erfolg abgespielt werden könne.

Die Brucsesche Erklärung wegen Mold hat allerdings bewiesen, daß die bisherigen Vorstellungen über englische Gesetzgebung in dieser Beziehung ganz falsch waren und man hier ganz auf preußischem Standpunkt steht. Auch gut zu wissen für die Arbeiter.

Hoffentlich kannst Du mir wegen Lauras Gesundheit bald bessere Nachricht geben. Das Ausziehen ist jedenfalls sehr vernünftig.
Beste Grüße.

Dein
F. E.