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Engels an Marx
in London

Manchester, 22.Okt. 68

Lieber Mohr,

Der kleine Russe Ermen1, dessen Schicksale Du aus inl. Zettel ersiehst, hat unter dem Vorwande, daß er jetzt ein gesetzter Mann werden müsse, unser Kontor seit einer Woche fest bewohnt und kam nie anders als stark angerissen heraus, um zu seiner Braut zu gehn. Da das ganze Kontor in eine Kneipe verwandelt wurde, war an kein Arbeiten zu denken, und daher komme ich erst jetzt dazu, Dir zu schreiben.

Von den „Social-Demokraten“ habe ich die Kongreßverhandlungen noch nicht lesen können, die auch sehr langweilig sind. Sonst zeigt Schw[eitzer] indes, daß es ihm mit seiner Sekte sehr Ernst ist. Nicht nur ist der Allg[emeine] D[eutsche] Arb[eiter]verein neu gegründet, mit Domizil in Berlin und neuen Statuten, in denen nur aufs Vereinsgesetz berechnete Änderungen gegen die alten, sondern es geht auch aus jedem Detail hervor, daß der ADAV in den neuen Trades Unions dieselbe Rolle spielen soll (nur öffentlich) wie unser alter Geheimbund in den öffentlichen Vereinen. Die Trades Unions sollen nur die exoterische Partei der alleinseligmachenden Lassalleschen Kirche bilden, aber alleinseligmachend bleibt diese. Wenn Eichhoff in Berlin einen Separatverein bildet, so wird ihm gnädigst Toleranz zugesichert, vorausgesetzt, daß sein Verein dem ADAV „freundlich“ gegenübertritt. Aber Schw[eitzer] und sein Verein bleibt „die Partei“, und die andern können kommen und sich anschließen oder aber bleiben Ketzer und Dissenters2.

Sonst ist der Kerl in der Auffassung der allgemeinen politischen Lage und der Stellung zu den andern Parteien viel klarer und in der Darstellung geschickter als all die andern. Er nennt „alle alten Parteien, uns gegenüber, eine einzige reaktionäre Masse, deren Unterschiede für uns kaum ins Gewicht fallen“. Er erkennt zwar an, daß 1866 und seine Folgen das Zaunkönigtum ruinieren, das Legitimitätsprinzip untergraben, die Reaktion erschüttern und das Volk in Bewegung gesetzt haben, aber er zieht – jetzt – auch gegen die sonstigen Folgen, Steuerdruck etc., los und verhält sich gegen Bismarck viel „korrekter“, wie die Berliner sagen, als z.B. Liebknecht gegenüber den Exfürsten. Du wirst gesehn haben, daß er den Kurfürsten von Hessen3 als historische Autorität zitiert – in altbekannten Sachen – und einen treuen Hannoveraner in der letzten Nr. Welfengewinsel anstimmen läßt. Es wäre gut, wenn Du über diesen letzten Punkt dem Wilhelm einmal klaren Wein einschenktest; es ist eine starke Zumutung für uns, ein Blatt zu unterstützen, wo er sich dergleichen Sauereien erlaubt.

Die Anti-Proudhons4 laß doch wenigstens zum Teil nach London kommen, diese wenigen letzten Exemplare sind nicht zu ersetzen. Ich habe selbst keins. Dem Vieweg wäre Rechenschaft abzuverlangen über die seit 1865 verkauften Exemplare. Im übrigen ist es sicher gut, daß Du der Sache, wenn auch jetzt erst, nachspürst. Es ist immer die Möglichkeit da, daß noch etwas herauskommt.

Sehr gut ist die Sache mit dem „Westminster“. Laß ja die Zeit nicht verstreichen, damit der Artikel noch in die Januar-Nr. kommt, schick mir also die Sache sobald wie möglich, damit ich das Meinige mache. Es ist sehr gut, daß diese Kerls eine einfache Darstellung einer neuen wissenschaftlichen Entwicklung nicht brauchen können ohne die Phraseologie ihrer „essays“, die die Sache nicht nur unklarer, sondern auch noch trockener machen. Ich würde aber auch den Herrn Beesly fragen, wie viele Bogen zur Verfügung stehn. Was ich Dir schickte, würde 1 Bogen in der „Fortnightly“ geworden sein, in der „W[est]m[in]ster“ aber ca. 1½. Nach dem Raum – und da hier nur ein Artikel möglich – wäre zu überlegen, ob und welche Teile des Buchs davon ganz auszuschließen – ich glaube z.B. nicht, daß es möglich sein wird, das Kapitel von der Akkumulation hinzuziehen, ohne den Raum für die Hauptsache zu sehr zusammenzudrängen.

Darwins ersten Band domestication gelesen. Neues nur im Detail und da auch nicht viel Wichtiges.

Mit besten Grüßen.

Dein
F.E.