Manchester, 6. Mai 1868
Lieber Mohr,
Ich gratuliere anyhow1 zu dem halben Saeculum, von dem ich übrigens auch nur um eine kurze Spanne Zeit mehr abstehe. Was wir doch vor 25 Jahren für jugendliche Enthusiasten waren, als wir uns rühmten, um diese Zeit längst geköpft zu sein.
Inl. Kugelm[ann], Büchner, Schily, Reclus, Schweitzer und die „Elberfelder Zeitung“ zurück, ferner noch etwas über Dein Buch, das mir Siebels Frau schickt; er selbst scheint nicht mehr schreibfähig zu sein, ist in Barmen und geht nach Godesberg.
Die Profitgeschichte ist sehr schön2, ich muß sie aber noch weiter durchdenken, um die Portée3 nach allen Seiten hin zu erfassen.
Ad vocem4 Schweitzer. Dieser Schurke benutzt die Geschichte nur als Anlaß, um uns wieder anbeißen zu machen. Es hat natürlich nichts auf sich, daß Du ihm für diesmal Auskunft gibst, indes principiis obstat5 sieh, daß der Kerl nach erhaschtem kleinem Finger kein Attentat auf die ganze Hand ausübt. Zur Sache ist es für mich keinem Zweifel unterworfen, daß die deutsche Eisenindustrie den Schutzzoll entbehren, a majore6 also auch die Herabsetzung des Zolls aufs Roheisen von 71/2 Groschen auf 5 Groschen per Zentner (von 15 auf 10 sh. per Tonne) vertragen kann und ebenso die andren Herabsetzungen. Die Eisenausfuhr mehrt sich jährlich, und zwar nicht nur nach Belgien. Was zugrunde gehn würde, sind einzelne während der Spekulationswut in den 50er Jahren entstandene, weit von Kohlen abliegende und sonst auf ungenügenden, schlechten Gruben beruhende Eisenhütten. Diese sind aber meist alle schon kaputt, und die Nähe einer Eisenbahn wäre ihnen nützlicher als alle Schutzzölle, falls sie je wieder lebensfähig werden sollten. (In Engelsk[iirchen] steht so ein Ding, 500 Schritt unterhalb der Fabrik meiner Brüder – die Kohlen müssen von Siegb[urg] 21/2 deutsche Meilen per Achse gebracht werden – kein Wunder, daß es stillsteht. Diese Art Werke schreit nach Schutzzoll und wird als Beleg dafür angeführt, daß er nötig.)
Die Elberfeld-Barmer Handelskammer ist das scheußlichste Schutzzollinstitut, das es gibt, und notorisch dafür. Dabei die Hauptindustrie der Gegend auf Export berechnet! Aber es gibt immer eine Masse untergehender Gewerbe dort, daher der Jammer.
Im übrigen ist Dein Plan ganz gut, was die Enquête betrifft, und gefällt mir sehr. Was die Eisenbahnen angeht, so sind die Frachtsätze in Deutschland billiger als anderswo, und da der Güterverkehr in Deutschland die Hauptsache ist, kann dies nicht anders sein. Sie könnten immer noch mehr gedrückt werden, und die Regierungen haben auch die Macht dazu, was aber das Nötigste, ist größere Centralisation und Egalisation in Verwaltung und Frachtsätzen, und dies gehört verfassungsmäßig schon vor den Reichstag. Das Schreien der Eisenkerls über hohe Frachten ist also im ganzen unbegründet.
Liebk[n]echt schickt mir die Gewerbeordnung, worüber ich ihm einige kritische Bemerkungen versprochen. Ein Fortschritt gegen den Rückschritt unter F[riedrich] W[ilhelm] IV., aber welcher bürokratische Wust! Ich schick’ Dir das Zeug des Spaßes halber zu.
Gestern kam der unvermeidliche Leibel Choras und verhinderte mich am Schreiben. Ich frug ihn nach den Judenverfolgungen in der Moldau; er jammerte etwas, aber so arg scheint es nicht zu sein: mir missen’s halt dulden, mir Jiden haben nit die Macht; er wäre gern russisch oder österreichisch, aber es fällt ihm nicht ein fortzugehn. Der Hohenzoller sei ein dummer Junge und die Regierung in der Hand der „Schreiber“ (heruntergekommene Bojaren, die Bürokratie spielen), und die zwacke die Juden so.
Viele Grüße an Deine Frau, die Mädchen und Monsieur und Madame Lafargue.
Dein
F. E.