An die Herren Unterzeichner zum Fonds für den Bau
einer neuen Schiller-Anstalt
Seit die im vorigen Jahre vom Direktorium zu obigem Zweck eröffnete Subskription durch den Krieg und die Geschäftskrise ins Stocken geriet, nachdem £ 2875 gezeichnet waren, haben sich die Existenzbedingungen der Anstalt mit Rücksicht auf den beabsichtigten Neubau wesentlich geändert. Das Direktorium hält es demnach für seine Pflicht, den Herren Unterzeichnern hierüber die erforderlichen Aufklärungen zu geben.
Da die gezeichnete Summe für den im Zirkular vom 19. März 1866 dargelegten Bauplan nicht hinreichte (es waren im ganzen £ 5000 à £ 5500 erforderlich), auch unter den damaligen Umständen keine Aussicht vorhanden war, das Fehlende rechtzeitig zusammenzubringen, so blieb dem Direktorium nichts übrig, als sich vorläufig nach einem provisorischen Lokal umzusehen.
Es stellte sich heraus, daß ein solches im Zentrum der Stadt – wo es nach den Grundbestimmungen der Anstalt liegen soll – nicht aufzufinden war. Infolge davon war das Direktorium genötigt, das jetzige Lokal noch bis Juni 1868 beizubehalten, was aber nur gegen Verdopplung des Mietbetrags – von £ 225 auf £ 450 – zu erlangen war.
Unter diesen Umständen war die Frage nicht länger abzuweisen, ob es denn wirklich unumgänglich sei, daß die Anstalt im Zentrum, d.h. im eigentlichen Geschäftsbezirke der Stadt, liege; ob nicht bei den enorm gestiegenen Bodenpreisen und Mietbeträgen dieser Vorteil zu teuer bezahlt werden müsse; und ob nicht eine, dem Buchstaben nach weniger zentrale Lage, z.B. in der Nähe von All Saints' Church, bei weit geringeren Kosten in der Tat für die weit überwiegende Mehrzahl der die Anstalt benutzenden Mitglieder viel zentraler und bequemer sei.
Nach dem im vorigen Jahre entworfenen Plan würde die Anstalt, selbst wenn £ 5000 durch Schenkungen zusammengebracht wären, noch mit einer Hypothekarschuld von £ 5–6000, also mit einer jährlichen Zinsenlast von £ 250 à £ 300, beschwert sein. Da Grundstücke im Zentrum der Stadt aber selbst seit vorigen März im Wert bedeutend gestiegen sind, so würde der damals angeschlagene Kaufpreis, die zu seiner Bestreitung nötige Hypothekar-Anleihe und damit die Jahresbelastung der Anstalt ebenfalls jetzt höher anzunehmen sein. Die Bilanzen der Anstalt in den beiden letzten Jahren lassen nur £ 200 übrig für Hausmiete. Obwohl in einem besseren Lokal auf mehr Mitglieder zu rechnen wäre, auch gewisse Nebeneinnahmen in Anschlag gebracht werden müssen, so zeigt sich doch, daß die obigen Zinsen nur eben zu erschwingen sein würden. Jedes Pfund aber welches für Hausmiete bezahlt wird, wird den geistigen Bildungsmitteln der Anstalt entzogen. Wir konnten im vorigen Jahre nur £ 80 für Zeitschriften und £ 20 für die Bibliothek verwenden, obwohl die Gesamteinnahmen der Anstalt £ 500 waren.
Ganz anders, wenn das Lokal nach der Gegend von All Saints verlegt wird. Hier ist unter anderen ein ganz zweckentsprechendes Grundstück in sehr günstiger Lage für £ 1700 zu haben, auf welchem außerdem noch £ 26 Chief Rent1 haften. Wir legen diesen Bauplatz, nur beispielsweise, unserer Berechnung zugrunde.
| Kaufpreis des Grundstücks | £ 1700 0 0 |
| Baukosten | 3500 0 0 |
| Erneuerung des Mobiliars | 500 0 0 |
| Zusammen | £ 5700 0 0 |
worauf eine Hypothekar-Anleihe von £ 2000 wohl sicher zu erlangen sein würde. Es würden in diesem Falle also die Unterzeichnungen zum Baufonds nur ca. £ 3500 à £ 4000 zu betragen haben, also £ 1000 à £ 1500 weniger als bei einem Neubau im Zentrum der Stadt. Nach dem Erfolg der vorjährigen Zeichnungen und bei den veränderten Umständen dürfen wir wohl hoffen, den noch fehlenden Betrag in kurzer Frist aufzubringen.
Die finanzielle Stellung der Anstalt würde sich – trotz des geringeren Betrags der erforderlichen Schenkungen – wesentlich heben. Außer der Chief Rent £ 26 würde die Anleihe mit £ 100 zu verzinsen sein, also die statt Hausmiete in Anrechnung kommende Summe nur £ 126 betragen statt £ 225, die voriges Jahr bezahlt wurden, £ 450, die wir jetzt zahlen, oder £ 250 à £ 300, die der vorjährige Bauplan in Aussicht stellte. Es könnten also, selbst bei den Einkünften des vorigen Geschäftsjahrs, statt £ 100 £ 174 jährlich auf Bibliothek und Lesezimmer der Anstalt verwandt, die dafür verfügbaren Geldmittel also fast verdoppelt werden. Nun ist aber sicher, daß durch diesen Neubau der Anstalt in vermehrter Untermiete und im Zunehmen der Mitgliederzahl neue Finanzquellen eröffnet würden, deren Ertrag auch fast ausschließlich den geistigen Hilfsmitteln der Anstalt zugute käme.
Wenn die Anstalt wie bisher im Zentrum der Stadt bleibt, so kommt sie selbst bei £ 5000 à 5500 Schenkungen im besten Fall nur in die Lage, knapp ihre Existenz fristen zu können und wird bei jeder ungünstigen Wendung von neuem genötigt sein, an das deutsche Publikum Manchesters zu appellieren.
Wird sie aber nach einer Gegend verlegt, wo Bauplätze billiger sind, so reichen £ 3500 à £ 4000 Schenkungen hin, ihr nicht nur ein für allemal eine feste Existenz zu begründen, sondern auch ihr einen jährlichen Überschuß an Einnahmen zu sichern, der ihr endlich erlaubt, ihren besten Zwecken nach allen Seiten hin zu genügen.
Das Direktorium konnte unter diesen Umständen nicht zweifelhaft sein, was es zu tun hatte. Es entschied sich dafür, die Verlegung nach der Gegend von „All Saints“ und die damit verknüpfte Abänderung der Grundbestimmungen in Angriff zu nehmen. Es berief auf den 6ten Juni eine Generalversammlung, welche zahlreich besucht wurde und mit allen gegen eine Stimme beschloß:
„Die Generalversammlung erklärt es für wünschenswert, daß der Art. I. der Grundbestimmungen fernerhin folgendermaßen laute:
„Es wird für zweckmäßig erklärt, hier am Orte ein literarisch-artistisches Institut in möglichst zentraler Lage, unter dem Namen Schiller-Anstalt zu begründen
und beauftragt das Direktorium die durch Art. 7 der Grundbestimmungen und § 20 der Statuten bedingte Abstimmung vornehmen zu lassen.“
Infolgedessen hat das Direktorium die nötigen Schritte getan, um die definitive Abstimmung zu veranlassen, welche Ende August stattfinden wird.
Es ist die Frage aufgeworfen worden, warum man nicht, nach einmal beschlossener Verlegung der Anstalt, sich nach einem Hause umgesehen habe, welches auf eine Reihe von Jahren mietweise und zu einer verhältnismäßig billigen Miete gesichert werden könne. Das Direktorium antwortet hierauf, daß es sich nach einem solchen umgesehen, aber keines gefunden hat; daß ein solches auch nur in einer vom Zentrum der Stadt viel weiter entfernten Lage als die von „All Saints“ anzutreffen sein dürfte; daß eine solche Lage indes erst im äußersten Notfall zu wählen sein würde, und endlich, daß selbst in diesem Fall mindestens £ 1500 à £ 2000 in Schenkungen erforderlich sein würden, um den immer nötigen Ausbau und die neue Einrichtung eines doch nur zeitweilig sichern Lokals herzustellen. Aus diesen Gründen ist von einem solchen Lokal vorderhand abgesehen worden.
Das Direktorium, im Falle die nötige Majorität zur Abänderung der Grundbestimmungen zustande kommt, – woran zu zweifeln es keinen Grund hat –, beabsichtigt:
Falls der hinreichende Betrag gezeichnet wird, ein passendes Grundstück in der Nähe von All Saints anzukaufen, darauf den Bau in der im vorigen Jahre beabsichtigten Ausdehnung aufzuführen, nämlich mit Einrichtung im Keller für den Turnverein und mit einem großen Saal im zweiten Stockwerk, wo u.a. die Liedertafel Unterkommen finden könnte, so daß die ursprüngliche Absicht erreicht würde, alle Deutschen Vereine Manchesters unter einem Dache zusammenzubringen;
Falls dagegen die Beiträge die nötige Summe nicht erreichen sollten, sich im Neubau entsprechend zu beschränken, jedenfalls aber nur ein solches Gebäude herzustellen, welches den Bedürfnissen der Anstalt besser entspricht als das jetzige Lokal.
Das Direktorium ersucht Sie, von vorstehenden Veränderungen des Bauplans Kenntnis nehmen zu wollen und zeigt Ihnen gleichzeitig an, daß eine Deputation aus seiner Mitte die Ehre haben wird, Sie um Ihre Genehmigung zu ersuchen.
Im Auftrage des Direktoriums:
F. Engels, Vorsitzender
J.G. Wehner, Schatzmeister
A. Davisson, Schriftführer
Manchester, d. 28. Juni 1867
Nach: Gedrucktes Zirkular
der Manchester Schiller-Anstalt.