3
Jenny Marx an Johann Philipp Becker
in Genf

[London, etwa 29. Januar 1866]

Mein lieber Herr Becker,

Seit einer Woche liegt mein Mann wieder an der frühern gefährlichen und höchst schmerzhaften Krankheit darnieder. Das Leiden greift ihn dieses Mal um so mehr an, als es ihn von neuem in dem eben begonnenen Abschreiben seines Buches1 unterbricht. Ich glaube, daß dieser neue Ausbruch einzig und allein von Überarbeitung, anhaltenden Nachtwachen herkommt. Er bedauert sehr, den Sitzungen der „Internationalen“ nicht beiwohnen zu können, da es sich in diesem Moment um die Existenz des „Workman’s Advocate“ handelt, der bisher mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und dem nun fonds von Philistern und Pfaffen angeboten sind. Es gilt nun, die Gelder in die Hände zu bekommen, ohne den „money lenders“2 Konzessionen in prinzipieller Hinsicht zu machen.3 Die den Engländern praktisch so naheliegende Reformfrage nimmt auch sehr die Mittel, die Zeit und das Interesse der Arbeiter in Anspruch und lenkt sie sehr von andern Dingen ab.4 Ihr „Vorbote“ hat Karl und mir außerordentlich wohlgefallen. Das ist männliche Sprache und männlicher Ernst! Leßners Brief über denselben lege ich diesen Zeilen bei. Der Agent, dem ich die „Manifeste“5 zur Besorgung brachte, schreibt mir, daß es ihm gelungen ist, sie der französischen Polizei zu entziehen, und daß er sie jetzt nach Genf spedieren kann. Sie können aber nicht frankiert werden, und daher bitte ich Sie, schreiben zu wollen, wieviel Sie dafür ausgelegt haben. Das Geld kann dann zusammen mit dem für die Abonnements des „Vorboten“ Ihnen übersandt werden.

In religiöser Hinsicht geht jetzt in dem verdumpften England auch eine große Bewegung vor sich. Die ersten Männer der Wissenschaft, Huxley (Darwins Schüler) an der Spitze, mit Tyndall, Sir Charles Lyell, Bowring, Carpenter etc. etc., geben in St. Martin’s Hall (gloriosen Walzer-Angedenkens) höchst aufgeklärte, wahrhaft freisinnige und kühne Vorlesungen für das Volk, und zwar an den Sonntagabenden, grade zu der Stunde, wo sonst die Schäflein zur Weide des Herrn gingen; die Halle war so massenhaft voll und der Jubel des Volkes war so groß, daß am ersten Sonntagabend, wo ich mit den Mädchen zugegen war, 2000 Menschen keinen Einlaß mehr in den zum Ersticken angefüllten Raum finden konnten. Dreimal ließen die Pfaffen das Entsetzliche geschehen. – Gestern abend wurde der Versammlung angekündigt, daß keine Vorlesungen mehr gehalten werden dürften, bis der Prozeß der Pfaffen gegen die „Sunday evenings for the people“6 entschieden sei. Die Entrüstung der Versammlung sprach sich entschieden aus, und mehr als 100 £ wurden sogleich zur Führung des Prozesses gesammelt. Wie dumm von den Pfäfflein, sich da einzumischen. Zum Ärger der Bande schlossen die Abende auch noch mit Musik. Chöre von Händel, Mozart, Beethoven, Mendelssohn und Gounod wurden gesungen und mit Enthusiasmus von den Engländern aufgenommen, denen bisher an Sonntagen nur erlaubt war, eine Hymne „Jesus, Jesus meek and mild“7 zu grölen oder in den Ginpalast zu wandern.

Karl, der heute in großen Schmerzen liegt, und meine Mädchen lassen Sie herzlich grüßen, besonders trägt mir die Kleine8 viel Freundliches für den „guten Becker“ auf. Ich aber reiche aus der Ferne Ihnen die Hand.

Ihre
Jenny Marx