[London, 30. März 1865]
Lieber Herr Engels,
Herzlichen Dank für Ihren Brief und den hier wieder beifolgenden Zeitungsausschnitt. Das Schlimmste bei der Dreckgeschichte, in die das „Wilhelmchen“1 Sie und den Mohr von neuem wieder hereingezogen hat, ist, daß ich gar nicht weiß, wo der Mohr im Moment sich aufhält. Ich höre nichts von ihm, weiß nicht, ob er in Deutschland oder in Holland ist. Aufs Gratewohl habe ich ihm all den Zeitungsschmutz nachgeschickt. Es ist beinahe unmöglich, sich mit einer Kreatur wie Becker2 in einen Zeitungskampf einzulassen, und doch müssen facts wegen der gläubigen Straubinger berichtigt werden. Das Allerlächerlichste und Ärgerlichste bei der Sache ist, von Leuten wie Herrn Reusche das Zeugnis ausgestellt zu erhalten, daß „Lassalle auch mit Achtung von Marx gesprochen“. Lassalle, der meinem Mann alles, selbst seine mistakes3 nachgeschrieben, der seit 15 Jahren sein Freund und Schüler war –, der soll auch mit Achtung von ihm gesprochen haben. Und das Gnadenzeugnis stellen Leute aus, die erst in den letzten 2 Jahren mit L[assalle] befreundet wurden, zu einer Zeit, wo er sich schon ganz auf der schiefen Linie befand, die ihn ins Bismarcksche Lager, ins Ministerium wie Freund Bucher, oder in die letzte retraite4 nach Italien führte. Es gilt natürlich, diesen im Testament bedachten „Freiheitskämpfern“ ihren Lassalle zu retten! Doch folgen die Sozial-Lumpen ja nur ihrem großen Agitator. Herr Reusche bestiehlt übrigens wie sein Herr und Meister meinen Mann beständig und reproduziert fortwährend jeden Witz aus „Herr Vogt“, so wie er selbst in diesem letzten Opus ihm den „grotesken Clown, hinter dem nichts als sein eigner Schatten steht“, – (eine Wendung gegen Karl Blind) Karl abborgt. Der vornehme Schutz, den dieses Triumvirat dem Mohr angedeihen läßt, ist am allerärgerlichsten. Übrigens war die Achtung des Lassalle vor dem greisen Ph.Becker auch nicht weit her. Noch August 62 hielt er ihn für einen bezahlten Agenten, ich weiß nicht von wem, und wollte nichts mit ihm zu tun haben. Ebenso erklärte er mir in einem seiner Schreianfälle, in denen seine Stimme stets out of tune5 war, den Moses6 in Paris für einen ganz unbrauchbaren, konfusen Kopf, mit dem er sich nicht einlassen wollte. Ich verteidigte den Plonplonisten als ehrlichen Confusionarius. Ich hoffe von Tag zu Tag, Nachricht von Carel zu haben; diese Ungewißheit macht mir mehr zu schaffen als der übrige Dreck.
Hier ist alles wohl und läßt herzlich grüßen.
Ihre
Jenny Marx