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Marx an seine Tochter Laura
in London

Hannover, 13. Mai 1867

Mein hübscher, kleiner Cacadou,

Meinen besten Dank für Deinen Brief und den der würdigen Quoquo1. Du beklagst Dich, daß ich kein Lebenszeichen von mir gegeben habe, aber wenn Du die Sache noch einmal überlegst, wirst Du merken, daß ich, alles in allem, wöchentliche Signale gegeben habe. Außerdem weißt Du, daß ich kein sehr „überschwenglicher“ Charakter bin, ich ziehe mich lieber zurück, bin ein nachlässiger Briefschreiber, ein schwerfälliger Mensch oder, wie Quoquo es ausdrückt, ein schüchterner Mann.

Aus Hannover werde ich übermorgen abfahren und wahrscheinlich von Hamburg aus den ersten Dampfer nach London nehmen. Aber Du darfst nicht erwarten, daß ich den Tag und die Stunde bestimme. Ich habe noch einige Geschäfte mit meinem Verleger2 zu erledigen. Jedenfalls ist dies die letzte Woche, die ich auf dem Kontinent bleibe.

Ich bin sehr froh, daß mein Photogramm so gut gefallen hat. Mein Konterfei ist immerhin weniger beunruhigend als das Original.

Was Frau Tenge betrifft, so wundere ich mich, daß Du fragst, wie sie aussieht, ob sie hübsch ist? Ich habe ihr Photogramm Jenny geschickt, das an meins angeheftet war. Wie konnte es verlorengehen? So, nun will ich Deine Fragen beantworten: sie ist 33 Jahre alt, Mutter von 5 Kindern, eher interessant als hübsch, und sicherlich keine Gelehrte. Aber sie ist eine hervorragende Frau. Was das „Flirten“ betrifft, so müßte es ein ziemlich kühner Mann sein, wenn er es wagen wollte. „Bewunderung“ – gebe ich zu, und es mag vielleicht von ihrer Seite aus eine gewisse Überschätzung Deines sehr ergebenen und „bescheidenen“ Meisters geben. Du weißt, ein Prophet gilt nichts auf seinem eigenen Misthaufen (symbolisch gesprochen), wird aber leicht überschätzt von Fremden; die – legen sie nicht aus, so legen sie doch unter3 – in jedem Kerl entdecken, was sie entdecken wollen. Sie ist letzten Donnerstag aus Hannover abgereist.

Vor acht Tagen war das Wetter noch frostig und regnerisch. Jetzt aber ist plötzlich der Sommer in voller Blütenpracht da. Im allgemeinen war das Wetter, seit meiner Abreise, hier ebenso schlecht und unbeständig wie gewöhnlich in London. Nur ist die Luft dünner, und das ist eine gute Sache.

Diese Kontinentalen führen ein bequemeres Leben als wir auf der anderen Seite der Nordsee. Mit 2000 Talern (300 £) kann man hier sehr komfortabel leben. Zum Beispiel gibt es hier die verschiedenen Parks (à la Cremourn, aber für „respektable Leute“, wo sich alles mögliche trifft), viel geschmackvoller angelegt als irgendwelche in London, wo jeden Abend gute Musik gemacht wird usw., wo man mit seiner Familie das ganze Jahr für 2 Taler (6 sh.!) ein Abonnement nehmen kann. Das ist nur ein Beispiel des billigen Lebens, das sich die Philister hier leisten. Die jungen Leute amüsieren sich ungezwungener, und es kostet relativ wenig. Natürlich hat die ganze Sache einen großen Nachteil – die Atmosphäre ist zum Bersten langweilig. Das Lebensniveau ist zu niedrig. Das ist das Los des kleinen Mannes, und man muß nicht von großer Statur sein, um sich wie Gulliver unter den Liliputanern zu fühlen.

Heute morgen kamen ziemlich „erregte“ Briefe aus Berlin. Es scheint, daß ein Zusammenstoß zwischen Arbeitern und Pickelhauben4 droht. Ich erwarte augenblicklich nicht viel, aber es braut sich etwas zusammen. Die Arbeiterklasse in den größeren Zentren Deutschlands fängt an, eine entschlossenere und drohendere Haltung einzunehmen. Eines schönen Morgens wird es einen netten Tanz geben!

Und nun, mein liebes kleines Vögelchen, Cacadou, Sekretär, Köchin, Reiterin, Dichterin, auf Wiedersehn. Viele Grüße an Möhmchen5, Quoquo und Queque, Helen6 und – zu guter Letzt – an unseren „gemeinsamen Freund“7.

Adio.

Dein Meister
Old Nick

Einliegend Hegel8, ein Geschenk von Kugelm[ann] an Mons[ieur] Lafargue.

Aus dem Englischen.