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Marx an François Lafargue
in Bordeaux

London, 12.Nov. 1866

Mein lieber Herr Lafargue,
Ich hoffe sehr, daß Monsieur il amoroso1 mich bei Ihnen wegen meines unverzeihlichen Schweigens entschuldigt hat. Ich war einerseits von ständigen Rezidiven meiner Krankheit verfolgt, andererseits durch eine langwierige Arbeit2 so in Anspruch genommen, daß ich die Korrespondenz mit meinen engsten Freunden vernachlässigt habe. Wenn ich Sie nicht dazu zählte, hätte ich niemals gewagt, derart gegen den Anstand zu verstoßen.

Ich danke Ihnen herzlich für den Wein. Da ich aus einer Weingegend stamme und Ex-Weinbergbesitzer bin, weiß ich den Wert des Weins sehr wohl zu schätzen. Ich denke sogar selbst ein bißchen wie der alte Luther, daß ein Mann, der den Wein nicht liebt, niemals etwas Rechtes zustande bringt. (Keine Regel ohne Ausnahme.) Aber man kann zum Beispiel nicht leugnen, daß die politische Bewegung in England durch den Handelsvertrag mit Frankreich und die Einfuhr französischer Weine beschleunigt worden ist. Das ist eins der guten Dinge, die L[ouis] Bonaparte zuwege brachte, während der arme Louis-Philippe von den Fabrikanten des Nordens so eingeschüchtert war, daß er es nicht gewagt hat, Handelsverträge mit England abzuschließen. Es ist nur zu bedauern, daß solche Regimes wie das napoleonische, die auf der Ermüdung und Ohnmacht der beiden antagonistischen Gesellschaftsklassen beruhen, einigen materiellen Progreß um den Preis der allgemeinen Demoralisierung erkauften. Glücklicherweise kann die Masse der Arbeiter nicht demoralisiert werden. Die manuelle Arbeit ist das große Gegengift gegen jede soziale Infektion.

Sie werden sich über die Niederlage des Präsidenten Johnson bei den letzten Wahlen genauso gefreut haben wie ich. Die Arbeiter des Nordens haben endlich sehr gut begriffen: die Arbeit in weißer Haut kann sich nicht dort emanzipieren, wo sie in schwarzer Haut gebrandmarkt wird.

Samstagabend habe ich durch den Bürger Dupont einen an Paul3 adressierten Brief vom Sekretär der medizinischen Fakultät bekommen. Er forderte Papiere, die sich (mit Ausnahme des Bakkalaureat-Diploms) weder bei meiner Tochter4 noch bei dem finden ließen, der die Sachen Ihres Sohnes in Verwahrung hat. Diese Dokumente müssen Sie daher umgehend schicken.

Bitte sagen Sie Ihrem Sohn, daß er mich sehr verpflichten würde, wenn er in Paris keine Propaganda treibt. Die Zeit ist gefährlich. Das Beste, was er in Paris tun kann, ist, seine Zeit zu nutzen und von seinem Umgang mit Dr.Moilin zu profitieren. Er verliert nichts, wenn er mit seiner polemischen Gabe sparsam umgeht. Je mehr er sich zurückhält, ein um so besserer Kämpfer wird er im geeigneten Augenblick sein.

Meine Tochter läßt Sie bitten, ihr durch Paul Photogramme von Madame Lafargue und Ihnen zu schicken.

Meine ganze Familie schließt sich meinen freundschaftlichen Grüßen an die ganze Familie Lafargue an.

Ganz der Ihre
Karl Marx

Aus dem Französischen.