63
Marx an Ludwig Kugelmann
in Hannover

London, Samstag, 13. Okt. 1866

Lieber Freund,

Da ich Ihnen gleich antworten will und Ihr Brief grade vor Postschluß ankommt (und morgen, Sonntag, gehn die Briefe von hier nicht ab), so will ich in wenigen Worten die Quintessenz meines intercepted letter1 zusammenfassen. (Diese Unterschlagung der Briefe ist sicher nicht angenehm, da ich keineswegs den Herrn Bismarck zum Vertrauten meiner Privatangelegenheiten machen will. Wünscht er dagegen meine Ansichten über seine Politik zu wissen, so kann er sich direkt an mich wenden, und werde ich sicher kein Blatt vor den Mund nehmen.)

Meine ökonomischen Verhältnisse haben sich infolge meiner langwierigen Krankheit und der vielen Ausgaben, die sie benötigte, so verschlechtert, daß mir eine Finanzkrise in nächster Zukunft bevorsteht, eine Sache, die, abgesehn von ihren direkten Einflüssen auf mich und Familie, grade hier in London, wo man den Schein aufrechthalten muß, auch politisch für mich ruinierend wäre. Was ich von Ihnen wissen wollte, war dies: Kennen Sie irgend jemand, oder einige wenige Personen (denn die Sache dürfte unter keinen Umständen publik werden), die mir etwa 1000 Taler auf Zins von 5 oder 6% für wenigstens 2 Jahre vorschießen könnten? Ich zahle jetzt 20–50% Zins für die kleinen Summen, die ich aufnehme, aber mit alledem kann ich die Gläubiger nicht länger in Schach halten, und steht mir daher Zusammenbruch des Hauses über dem Kopf bevor.

Seit meinem vorletzten Brief an Sie2 hatte ich wieder beständige Rückfälle und konnte daher nur sehr unterbrochen theoretisch arbeiten. (Die praktische Arbeit für die Internationale Assoziation geht immer ihren Gang, und sie ist groß, da ich in der Tat die ganze Gesellschaft zu leiten habe.) Ich werde nächsten Monat die ersten Bogen3 an Meißner schicken und dies solang fortsetzen, bis ich mit dem Rest selbst nach Hamburg gehe. Bei der Gelegenheit komme ich jedenfalls zu Ihnen.

Meine Umstände (körperliche und bürgerliche Unterbrechungen ohne Unterlaß) veranlassen, daß der Erste Band zuerst erscheinen muß, nicht beide auf einmal, wie ich zuerst beabsichtigte. Auch werden es jetzt wahrscheinlich 3 Bände.

Buch I. Produktionsprozeß des Kapitals.
Buch II. Zirkulationsprozeß des Kapitals.
Buch III. Gestaltung des Gesamtprozesses.
Buch IV. Zur Geschichte der Theorie.

Der erste Band enthält die 2 ersten Bücher.

Das 3te Buch, denke ich, wird den zweiten Band füllen, das 4te den 3.4

Ich habe es für nötig erachtet, in dem ersten Buch wieder ab ovo5 zu beginnen, d.h. meine bei Duncker erschienene Schrift6 in einem Kapitel über Ware und Geld zu resümieren. Ich hielt das für nötig, nicht nur der Vollständigkeit wegen, sondern weil selbst gute Köpfe die Sache nicht ganz richtig begriffen, also etwas Mangelhaftes an der ersten Darstellung sein mußte, speziell der Analyse der Ware. Lassalle z.B. in seinem „Kapital und Arbeit“, wo er angeblich die „geistige Quintessenz“ meiner Entwicklung gibt, macht große Schnitzer, was ihm übrigens beständig bei seiner sehr ungenierten Aneignung meiner Arbeiten passiert. Es ist komisch, wie er mir sogar literarisch-historische „Versehen“, da ich nämlich manchmal aus dem Kopf zitiere, ohne die Sachen nachzusehn, abschreibt. Ich bin noch nicht mit mir selbst im reinen darüber, ob ich in der Vorrede einige Worte über Lassalles Plagiarismus fallenlasse.7 Das schamlose Auftreten seiner Nachbeter gegen mich würde das jedenfalls rechtfertigen.

Der London Council der English Trade-Unions8 (sein Sekretär ist unser Präsident Odger) konsultiert in diesem Augenblick, ob er sich als British Section of the International Association9 erklären soll. Tut er es, so geht die Regierung der Arbeiterklasse hier in a certain sense10 auf uns über, und wir können die Bewegung sehr „push on“11.

Salut.

Ihr
K. Marx