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Marx an Paul Lafargue
in London

London, 13. August 1866

Mein lieber Lafargue,
Gestatten Sie mir die folgenden Bemerkungen:

1. Wenn Sie Ihre Beziehungen zu meiner Tochter1 fortsetzen wollen, werden Sie Ihre Art „den Hof zu machen“ aufgeben müssen. Sie wissen gut, daß noch kein Eheversprechen besteht, daß alles noch in der Schwebe ist. Und selbst wenn sie in aller Form Ihre Verlobte wäre, dürften Sie nicht vergessen, daß es sich um eine langwierige Angelegenheit handelt. Die Gewohnheiten eines allzu vertrauten Umgangs sind um so mehr fehl am Platze, als beide Liebenden während einer notwendigerweise verlängerten Periode strenger Prüfung und Läuterung am selben Ort wohnen werden. Mit Entsetzen habe ich die Wandlungen Ihres Benehmens von einem Tag zum andern während einer einzigen Woche2 beobachtet. Meiner Meinung nach äußert sich wahre Liebe in Zurückhaltung, Bescheidenheit und sogar in der Schüchternheit des Verliebten gegenüber seinem Idol, und ganz und gar nicht in Gemütsexzessen und in einer zu frühen Vertraulichkeit. Wenn Sie sich auf Ihr kreolisches Temperament berufen, so habe ich die Pflicht, mit meinem gesunden Menschenverstand zwischen Ihr Temperament und meine Tochter zu treten. Falls Sie Ihre Liebe zu ihr nicht in der Form zu äußern vermögen, wie es dem Londoner Breitengrad entspricht, werden Sie sich damit abfinden müssen, sie aus der Entfernung zu lieben. Ich brauche das wohl nicht näher zu erläutern.

2. Vor der endgültigen Regelung Ihrer Beziehungen zu Laura muß ich völlige Klarheit über Ihre ökonomischen Verhältnisse haben. Meine Tochter glaubt, daß ich über Ihre Angelegenheiten Bescheid weiß. Sie irrt sich. Ich habe diese Dinge nicht zur Sprache gebracht, weil es meiner Meinung nach Ihre Aufgabe gewesen wäre, die Initiative zu ergreifen. Sie wissen, daß ich mein ganzes Vermögen dem revolutionären Kampf geopfert habe. Ich bedaure es nicht. Im Gegenteil. Wenn ich mein Leben noch einmal beginnen müßte, ich täte dasselbe. Nur würde ich nicht heiraten. Soweit es in meiner Macht steht, will ich meine Tochter vor den Klippen bewahren, an denen das Leben ihrer Mutter zerschellt ist. Da diese Angelegenheit ohne mein direktes Zutun (eine Schwäche meinerseits!) und ohne den Einfluß, den meine Freundschaft für Sie auf das Verhalten meiner Tochter ausübte, niemals so weit gediehen wäre, lastet auf mir eine schwere persönliche Verantwortung. Was Ihre augenblickliche Situation betrifft, so sind die Auskünfte, die ich nicht eingeholt, sondern zufällig erhalten habe, ganz und gar nicht beruhigend. Aber lassen wir das. Was Ihre allgemeine Position betrifft, so weiß ich, daß Sie noch Student sind, daß Ihre Karriere in Frankreich durch das Ereignis in Lüttich halb gescheitert ist, daß Ihnen die Sprache – eine unentbehrliche Voraussetzung für Ihre Akklimatisierung in England – noch fehlt und daß Ihre Chancen im besten Falle überaus problematisch sind. Beobachtung hat mich davon überzeugt, daß Sie von Natur aus nicht sehr arbeitsam sind, trotz zeitweiliger fieberhafter Aktivität und guten Willens. Unter diesen Umständen sind Sie auf die Hilfe anderer angewiesen, um den gemeinsamen Lebensweg mit meiner Tochter zu gehen. Von Ihrer Familie weiß ich gar nichts. Sollte sie in vermögenden Verhältnissen leben, so beweist dies noch nicht, daß sie gewillt wäre, Ihnen Opfer zu bringen. Ich weiß nicht einmal, wie sie Ihrem Heiratsprojekt gegenübersteht. Notwendig ist für mich, ich wiederhole es, eine positive Klärung all dieser Fragen. Übrigens können Sie, ein erklärter Realist, nicht erwarten, daß ich mich zur Zukunft meiner Tochter wie ein Idealist verhalte. Ein so positiver Mensch wie Sie, der die Poesie abschaffen möchte, wird nicht zum Schaden meines Kindes Poesie machen wollen.

3. Um jeder falschen Interpretation dieses Briefes zuvorzukommen, mache ich Sie darauf aufmerksam, daß – sollten Sie sich versucht fühlen, schon heute die Ehe einzugehen – Ihnen dies nicht gelingen wird. Meine Tochter würde sich weigern. Ich würde protestieren. Sie müssen etwas erreicht haben im Leben, bevor Sie an eine Ehe denken können, und es wird einer langen Zeit der Prüfung für Sie und für Laura bedürfen.

4. Ich möchte gern, daß dieser Brief nur unter uns beiden bleibt. Ich erwarte Ihre Antwort.

Ganz der Ihre
Karl Marx

Aus dem Französischen.