Margate, 20. März1 1866
5, Lansell’s Place
Mein lieber Cacadou!
Wirklich sehr gute Nachrichten! Ich ziehe Frau Grach der Mutter aller Gracchen vor. Ich bin recht froh, daß ich in einem Privathaus Logis genommen habe und nicht in einem Gasthaus oder Hotel, wo man sich nur schwerlich der Belästigung durch örtlichen Klatsch, der Skandalgeschichten aus der Gemeinde und dem Nachbargeschwätz entziehen kann. Aber dennoch vermag ich nicht zu singen, wie der Müller vom Dee: ich kümmere mich um niemand, und niemand kümmert sich um mich. Denn da ist meine Wirtin, taub wie ein Stock, und ihre von chronischer Heiserkeit geplagte Tochter, aber sonst sehr nette Leute, aufmerksam und nicht zudringlich. Was mich betrifft, so habe ich mich in einen herumwandernden Spazierstock verwandelt, bin den größten Teil des Tages auf den Beinen, schnappe frische Luft, gehe um 10 Uhr zu Bett, lese nichts, schreibe weniger und versetze meinen Geist ganz und gar in jenen Zustand des Nichts, den der Buddhismus für den Gipfel menschlicher Glückseligkeit hält. Wie dem auch sein mag, ich werde mich Donnerstag4 nicht in den schönen Jüngling verwandeln, wie ihn sich die vortreffliche By Bye2 in ihren Träumen vorzustellen scheint. Das Zahnweh auf der rechten Seite hat noch immer nicht aufgehört, und auf derselben Seite ist jetzt auch noch das Auge entzündet. Es ist zwar nicht viel davon zu sehen, aber das Auge hat die schlechte Gewohnheit angenommen, von selbst Tränen zu vergießen, ohne die geringste Rücksicht auf die Gefühle seines Meisters. Wäre dies nicht, so hätte ich mich schon photographieren lassen, weil man hier 12 Bilder in Visitenkartengröße für 3 sh. 6 d. und 48 für 10 sh. bekommt. Mühmelchen3 würde ich sehr dankbar sein, wenn sie zu Herrn Hall ginge und ihn bäte, mir eine Zinklösung (er kennt ja das Rezept) für mein Auge zu machen; ich rechne damit, daß sie fertig ist, wenn ich nach London komme. Dies entzündete Auge läßt mich nachts nicht schlafen. Sonst geht’s mir besser.
Wenn man sich ein wenig von der See entfernt und in der benachbarten ländlichen Gegend umherstreift, wird man schmerzlich an die „Zivilisation“ erinnert. Da starren einen überall große Schilder an mit der Aufschrift „Rinderseuche“, überklebt mit einer Regierungsverordnung – das Resultat der wilden Debatte, die der Hornvieh-Adel vom Ober- und Unterhaus bei der Parlamentseröffnung gegen die Regierung entfachte.
O, König Wiswamitra,
O, welch’ ein Ochs bist du,
Daß du so viel kämpfest und büßest,
Und alles für eine Kuh.
Aber während der ehrenwerte Wiswamitra sich als echter Hindu selbst kasteite, um die Kuh Kabala zu erlösen, so läßt der englische Landadel, ganz im Stil moderner Märtyrer, das Volk bluten, um sich für die Krankheit seiner Kühe zu entschädigen. Die Rinderpest über ihn! Das Horn, das Horn, wie es die diskrete By Bye kräftig erschallen läßt.
Am Sonntag machte ich mich per pedes auf nach Canterbury. Leider faßte ich diesen schwerwiegenden Entschluß erst, nachdem ich schon zwei Stunden lang kreuz und quer durch die Piers usw. gestreift war. So hatte ich also schon zu viel physische Kraft verbraucht, als ich zum Sitz des Erzbischofs oder […]4 aufbrach. Und von hier nach Canterbury sind es volle 16 Meilen. Von Canterbury nach Margate fuhr ich mit der Bahn zurück, aber es war zu viel für mich, und ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Glieder und Kreuz schmerzten nicht, aber die Fußsohlen erwiesen sich als empfindsame Schelme. Über Canterbury weißt Du natürlich alles – und mehr als ich mich rühmen kann – aus Deinem Eves, der zuverlässigen Quelle des Wissens für alle englischen Even. (Dir gegenüber kann man ja das Kalaubern nicht lassen. Aber bedenke, Thackeray hat es schlechter gemacht, als er Eves auf Ewes5 reimte.) Glücklicherweise war ich zu müde, und es war auch zu spät, die berühmte Kathedrale anzusehn. Canterbury ist eine alte, häßliche Stadt, mittelalterlichen Typs, die durch die großen modernen englischen Kasernen an dem einen und einen scheußlichen, trostlosen Bahnhof an dem andern Ende dieses alten Nests nichts gewonnen hat. Keine Spur von der Poesie, wie man sie in andern ebenso alten Städten auf dem Kontinent findet. Die auf den Straßen herumstolzierenden Soldaten und Offiziere erinnerten mich etwas ans „Vaterland“6. Im Gasthaus, wo ich mit einigen Scheiben kalten Steaks kärglich bewirtet wurde, erfuhr ich den neusten Skandal. Kapitän Le Merchant war, wie es scheint, Sonntagnacht von der Polizei aufgegriffen worden, als er der Reihe nach an die Türen aller angesehensten Bürger geklopft hatte. Wegen dieses harmlosen Zeitvertreibs wird er eine Vorladung erhalten. Und der schreckliche Kapitän wird sein lädiertes Haupt vor den majestätischen Ratsherrn beugen müssen. Das sind alle meine „Canterbury Tales“.
Und nun, Cacadou, grüß Elly7 von mir, der ich dieser Tage schreiben werde und deren Brieflein mich sehr erfreut hat. Möhmchen8 wird auch gelegentlich von mir hören.
Dieser verdammte Schlingel Lafargue belästigt mich mit seinem Proudhonismus und wird wohl nicht eher ruhen, bis ich ihm einmal tüchtig etwas auf seinen Kreolenschädel gegeben habe.
Meine besten Wünsche an alle.
Hat Orsini meinen Brief noch erhalten?
Dein
Meister
Aus dem Englischen.