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Engels an Marx
in London

Manchester, 16. Juni 1867

Lieber Mohr,

Ich bin seit 8 Tagen durch allerlei Krakeel mit Monsieur Gottfried1 und andre derartige Geschichten und Störungen so derangiert worden, daß ich nur selten zum Studium der Wertform Ruhe hatte. Sonst hätte ich Dir die Bogen2 längst zurückgeschickt. Bogen 2 namentlich trägt ein etwas gedrücktes Karbunkelgepräge, das ist aber nun nicht mehr zu ändern, und ich meine, Du machst im Nachtrag weiter nichts darüber, denn der Philister ist doch an diese Art abstrakten Denkens nicht gewöhnt und wird sie sich der Wertform zu Gefallen sicher nicht anquälen. Höchstens würde das hier dialektisch Gewonnene etwas weitläufiger historisch nachzuweisen, sozusagen aus der Geschichte die Probe darauf zu machen sein, obgleich dafür das Nötigste auch schon gesagt ist; Du hast aber soviel Material darüber, daß Du gewiß noch einen ganz guten Exkurs darüber machen kannst, der dem Philister auf historischem Wege die Notwendigkeit der Geldbildung und den dabei stattfindenden Prozeß nachweist.

Du hast den großen Fehler begangen, den Gedankengang dieser abstrakteren Entwickelungen nicht durch mehr kleine Unterabteilungen und Separatüberschriften anschaulich zu machen. Diesen Teil hättest Du behandeln sollen in der Art, wie die Hegelsche Enzyklopädie, mit kurzen Paragraphen, jeden dialektischen Übergang durch besondre Überschrift hervorgehoben und womöglich alle Exkurse und bloßen Illustrationen mit besondrer Schrift gedruckt. Das Ding würde etwas schulmeisterlich ausgesehen haben, das Verständnis für eine sehr große Klasse Leser aber wesentlich erleichtert worden sein. Der populus, selbst der gelehrte, ist eben an diese Art zu denken gar nicht mehr gewöhnt, und man muß ihnen da jede mögliche Erleichterung zukommen lassen.

Im Vergleich mit der früheren Darstellung (Duncker)3 ist der Fortschritt in der Schärfe der dialektischen Entwicklung sehr bedeutend, in der Darstellung selbst gefällt mir manches in der ersten Gestalt besser. Es ist sehr schade, daß grade der wichtige zweite Bogen unter dem Karbunkeldruck leidet. Daran ist aber nichts mehr zu ändern, und wer kapabel ist, dialektisch zu denken, versteht es doch. Die übrigen Bogen sind sehr gut und haben mir viel Freude gemacht. Hoffentlich kannst Du mir bald wieder ein fünf bis sechs Bogen schicken (wobei ich bitte, Bogen 5 wieder beizulegen, damit ich richtig in den Faden komme), die hier einzeln gelesenen Bogen werden sich im Zusammenhang viel besser machen.

Einige Druckfehler hab' ich noch entdeckt. Ich würde ins Verzeichnis nur die wirklich sinnentstellenden aufnehmen.

Gestern war ich bei Gumpert. Pauvre garçon!4 Er kommt täglich mehr herunter. Es war unmöglich, ihn für irgend etwas Wissenschaftliches, nicht einmal Politisches zu interessieren. Stadtklatsch, nichts als Stadtklatsch. Und dabei wundert er sich, daß man nicht öfter zu ihm kömmt.

Den Hofmann gelesen. Die neuere chemische Theorie mit all ihren Fehlern ein großer Fortschritt gegen die frühere atomistische. Die Moleküle als kleinster selbständiger Existenz fähiger Teil der Materie ist eine ganz rationelle Kategorie, ein „Knoten", wie Hegel sagt, in der unendlichen Reihe der Teilungen, der sie nicht abschließt, aber einen qualitativen Unterschied setzt. Das Atom – früher als Schranke der Teilbarkeit dargestellt – ist jetzt bloß noch ein Verhältnis, obwohl Monsieur Hofmann selbst alle fingerlang wieder in die alte Vorstellung zurückfällt, es gäbe wirkliche unteilbare Atome. Im übrigen sind die in dem Buch konstatierten Fortschritte der Chemie wirklich ungeheuer, und Schorlemmer sagt, daß diese Revolution noch täglich vor sich geht, so daß man alle Tage neue Umwälzungen erwarten kann.

Beste Grüße an Deine Frau, die Mädchen und den Elektriker.

Dein
F. E.

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