Manchester, 4. April 1867
Lieber Mohr,
Hurra! Dieser Ausruf war irrepressibel1, als ich endlich schwarz auf weiß las, daß der I.Band2 fertig ist und Du gleich damit nach Hamburg willst. Damit der Nervus Rerum3 nicht fehlt, schicke ich Dir incl. sieben halbe Fünfpfundnoten, zusammen £ 35, und gebe die zweiten Hälften gleich nach Empfang des gewöhnlichen Telegramms auf. Den Wisch von Bucher – von diesem ist er sicher – laß Dich nicht grämen. Preußisches Polizeigeschwatz und Literatenklatsch von der Couleur der neulichen Polenreisengeschichte. Ich lege Dir einen Zettel bei an Meißner, damit Du auch mein Honorar4 erheben kannst.
An der Allianz zwischen Bismarck und den Russen ist auch nicht mehr der entfernteste Zweifel. So teuer haben die Russen aber ihre preußische Allianz noch nie erkaufen gemußt, ihre ganze traditionelle Politik in Deutschland mußten sie zum Opfer bringen, und wenn sie nach gewohnter Weise sich diesmal einbilden sollten, das sei nur „momentan“, so könnten sie sich doch höllisch schneiden. Die deutsche Einheit scheint schon jetzt trotz Reichsheulerei etc. sich darauf anzulassen, dem Bismarck und den gesamten Preußen über den Kopf zu wachsen. Um so rascher müssen sie im Orient voranmachen – die Russen nämlich –, die jetzige günstige Konstellation währt sicher nicht lange. Aber wie groß muß die Finanznot und wie schwerfällig der industrielle Fortschritt, s’il y en a5, in Rußland sein, daß die Kerle noch immer, 11 Jahre nach dem Krimkrieg, keine Eisenbahn nach Odesssa und Bessarabien haben, die ihnen jetzt zwei Armeen aufwöge! Ich glaube daher auch, daß es noch dies Jahr zum Klappen kömmt, wenn den Russen alles gut geht.
Die Luxemburger Geschichte scheint denselben Verlauf zu nehmen wie die von Saarlouis und Landau. Bismarck hatte es gewiß 1866 zum Verkauf angeboten, aber Louis6 scheint damals wirklich nicht zugegriffen zu haben in der Hoffnung, später noch weit mehr geschenkt zu bekommen. Wie ich positiv weiß, hat der preußische Gesandte Bernstorff vor ein paar Tagen zu dem7 hanseatischen ditto (Geffcken) in London gesagt, er habe eine Depesche erhalten, wonach Preußen in der luxemburgischen Angelegenheit unter keinen Umständen nachgeben werde. Es ist dies dieselbe Depesche, von der die „Owl“ spricht, daß sie England auffordre, im Haag Vorstellungen zu machen, und die auch den Erfolg gehabt haben sollen, daß Holland sich vom Handel zurückgezogen habe. Die Sache ist die, daß in der jetzigen Lage Bism[arck] auch nicht im entferntesten den Franzosen erlauben darf, deutsches Gebiet zu annexieren, ohne seine ganzen Errungenschaften lächerlich zu machen. Dazu hat der alte Esel Wilhelm8 doch auch einmal das Wort von „nicht einem deutschen Dorf“ ausgesprochen und ist persönlich engagiert. Indes ist es noch keinesfalls sicher, daß der Handel nicht doch noch zustande kommt; die „Köln[ische] Zeitung“ schreit ordentlich krampfhaft, man könne doch wegen Luxemburg keinen Krieg anfangen und man habe gar kein Recht drauf, Luxemburg sei nicht mehr zu Deutschland zu rechnen usw., so hundsföttisch wie noch nie.
Bismarck ist zwar kein Faust, aber er hat doch seinen Wagener9. Die Art, wie dieser arme Schlucker seinen Herrn und Meister ins Wagnersche übersetzt, ist zum Totlachen. Neulich hatte Bism[arck] wieder ein Pferdegleichnis gebraucht, und um ihm auch hierin nachzustreben, schreit Wagener am Schluß einer Rede: Meine Herren, hören wir auf, unsre Steckenpferde zu reiten, und besteigen wir die edle Vollblutstute Germania! Montez Mademoiselle, sagten die Pariser zur Schreckenszeit.
Hoffentlich sind Deine Karbunkel jetzt ziemlich heil und wird die Reise dazu beitragen, sie ganz verschwinden zu machen. Diesen Sommer mußt Du mit diesem Kram fertig werden.
Viele Grüße an die ladies und Lafargue.
Dein
F. E.
Erste Seite des Briefes von Engels an Marx vom 4. April 1867