Manchester, 21. Dez. 1866
Lieber Mohr,
Ich glaube auch, daß die Leute in Westeuropa ihr Möglichstes tun werden, um im nächsten Jahr und bis die Bewaffnung mit Hinterladern allgemein ist, den Frieden zu erhalten. Ob aber die Russen nicht grade diesen Zeitpunkt für angemessen halten, um mit Bismarcks Hülfe Östreich klein zu kriegen, Galizien zu annexieren und die Türkei in einen Haufen kleiner Slawenstaaten aufzulösen, ist eine andre Frage. In Frankreich übrigens kann auch der Fall eintreten, wo ein Krieg nötig wird – von wegen dieser Armeereorganisation, denn ohne Krieg setzt unser braver Boustrapa das nicht durch. Der Kerl ist durch den letzten Krieg1 in ein komisches Dilemma geraten: entweder er läßt alles beim alten und ist dann kein match2 mehr für Preußen, oder er führt die Sache durch, und dann bricht er sich den Hals erstens durch die kolossale Unpopularität und zweitens dadurch, daß er die Armee vollständig entbonapartisiert. Von dem Augenblick an, wo irgendeine Art allgemeiner Wehrpflicht in Frankreich eingeführt wird, hört das Prätorianertum von selbst auf, und die 25–30% re-enlisted fellows3, die jetzt in der französischen Armee dienen, verschwinden zum größten Teil. Da indes Stellvertretung bleibt, so ist Herr Bonaparte diesmal in dem komischen Fall, sich auf die Bourgeoisie gegenüber den Bauern stützen zu müssen. Der Gang der Geschichte ist aber auch ganz unverschämt rücksichtslos gegenüber diesem Edlen, und es ist ihm zu verzeihen, wenn er an Gott und der Welt irre wird. Ich hoffe, er macht es wie ich und liest seinen Horatium zur Auffrischung: justum ac tenacem propositi virum4 usw. Der alte Horaz erinnert mich stellenweise an Heine, der sehr viel von ihm gelernt hat, auch au fond5 ein ebenso kommuner Hund politice6 war. Man denke sich den Biedermann, der den vultus instantis tyranni7 herausfordert und dem Augustus in den Hintern kriecht. Sonst ist der alte Schweinigel doch auch sehr liebenswürdig.
Das Buch8 werde ich Dir wo möglich nächste Woche besorgen. Den Artikel der „R[evue] d[es] d[eux] M[ondes]“ und „Fortnightly“ habe ich noch nicht nachlesen können, ist aber sehr erfreulich. „Rev[ue] Contemp[oraine]“ existiert hier nicht.
Wehner, der neulich in Deutschland war, erzählt folgende Anekdote, die Bennigsen (der Nationalvereinler) selbst erzählt hat: Als Benn[igsen] seine Zusammenkunft vor dem Krieg mit Bismarck hatte, setzte dieser ihm seine ganze nationalvereinliche deutsche Politik auseinander, worauf Bennigsen frug, wie es denn komme, daß er, um diese auszuführen, den komplizierten Weg eines Kriegs wähle, statt sich einfach, wie die liberale Phrase geht, „auf das Volk zu stützen“. Bismarck sah ihn ein paar Augenblicke starr an und sagte dann: Können Sie mit einem steifen Gaul über einen Graben springen? Er brachte auch die Nachricht mit, daß der unglückliche Kronprinz9, der früher so liberal tat, seit dem Krieg noch viel toller geworden sein soll als der Alte10, was jedenfalls sehr erfreulich ist.
Damit Du während der Feiertage nicht ganz ohne Geld bist, schicke ich Dir inl. noch zwei Fünfpfundnoten,
M/W 34768, London, 12.Okt. 66,
I/S 49080, Manchester, 26.Jan. 66,
in der nicht ganz unbegründeten Hoffnung, daß die Bilanz Ende des Jahres mich dafür schadlos halten wird.
Viele Grüße an die ladies.
Dein
F. E.