132
Engels an Marx
in London

Manchester, 5. Okt. 1866

Lieber Mohr,

Die Naivetät, Wechsel auf sich laufen zu haben und den Betrag nicht zu wissen, erheitert mich; indes ist’s gut, daß die Differenz nicht größer und der gute Bäcker in der Nähe war. Damit Du diesem braven Mann sogleich das Betreffende zurückzahlen und so den Kredit erhalten kannst, lege ich Dir £ 5 I/F 59667, Manchester, 30. Jan. 65, bei, sowie den bezahlten Wechsel retour.

Ad vocem1 Trémaux. Als ich Dir schrieb, hatte ich allerdings erst den dritten Teil des Buchs gelesen, und zwar den schlechtesten (im Anfang). Das zweite Drittel, die Kritik der Schulen, ist weit besser, das dritte, die Konsequenzen, wieder sehr schlecht. Der Mann hat das Verdienst, den Einfluß des „Bodens“ auf die Racen- und folgerichtig auch Speziesbildung mehr hervorgehoben zu haben, als dies bisher geschehen ist, und zweitens über die Wirkung der Kreuzung richtigere (obwohl meiner Ansicht nach auch sehr einseitige) Ansichten als seine Vorgänger entwickelt zu haben. Darwin hat nach einer Seite hin in seinen Ansichten über den verändernden Einfluß der Kreuzung auch recht, wie dies Tr[émaux] übrigens stillschweigend anerkennt, indem er, wo es ihm konveniert, die Kreuzung auch als Mittel der Veränderung behandelt, wenn auch als schließlich ausgleichendes. Ebenso hat Darwin und andere den Einfluß des Bodens nie verkannt, und wenn sie ihn nicht speziell hervorgehoben, so geschah es, weil sie nichts davon wußten, wie dieser Boden wirkt – ausgenommen, daß fruchtbarer günstig, unfruchtbarer ungünstig wirkt. Und viel mehr weiß Tr[émaux] auch nicht. Die Hypothese, daß der Boden überhaupt günstiger für Entwicklung höherer Spezies werde im Verhältnis wie er neueren Formationen angehört, hat etwas ungeheuer Plausibles und kann oder kann nicht richtig sein, wenn ich aber sehe, mit welchen lächerlichen Beweisstücken Tr[émaux] sie zu belegen sucht, von denen ⁹/₁₀ auf unrichtigen oder verdrehten Tatsachen beruhen und das letzte ¹/₁₀ nichts beweist, so kann ich nicht umhin, auch von dem Urheber der Hypothese her auf diese selbst meinen großen Verdacht zu werfen. Wenn er aber nun weiter den Einfluß des jüngeren oder älteren Bodens, korrigiert durch die Kreuzung, für die alleinige Ursache der Veränderungen organischer Spezies resp. Racen erklärt, so sehe ich platterdings keinen Grund, dem Manne so weit zu folgen, im Gegenteil sehr viele Einwände dagegen.

Du sagst, Cuvier2 habe auch den deutschen Naturphilosophen Unkenntnis der Geologie vorgeworfen, als sie die Veränderlichkeit der Spezies behaupteten, und sie hätten doch recht behalten. Die Sache hatte aber damals mit der Geologie nichts zu tun; wenn aber jemand eine auf Geologie ausschließlich begründete Theorie der Speziesveränderung aufstellt, und dort solche geologische Schnitzer macht, die Geologie ganzer Länder (z. B. Italiens und selbst Frankreichs) verfälscht und den Rest seiner Beispiele aus denjenigen Ländern zieht, von deren Geologie wir so gut wie gar nichts wissen (Afrika, Zentralasien etc.), so ist das doch ganz etwas anderes. Was speziell die ethnologischen Exempel angeht, so sind diejenigen, die überhaupt von bekannten Ländern und Völkern handeln, fast ohne Ausnahme falsch, entweder die geologischen Prämissen oder die daraus gezogenen Schlüsse – und die vielen entgegenstehenden Exempel läßt er ganz aus, z. B. die Alluvialebenen im innern Sibirien, das enorme Alluvialbassin des Amazonenflusses, das ganz alluviale Land südwärts vom La Plata bis beinahe an die Südspitze Amerikas (östlich von den Kordilleren).

Daß die geologische Struktur des Bodens mit dem „Boden“, worauf überhaupt etwas wächst, sehr viel zu tun hat, ist eine alte Geschichte, ebenso, daß dieser vegetationsfähige Boden auf die Pflanzen- und Tierrassen, die darauf leben, einen Einfluß übt. Daß dieser Einfluß bisher so gut wie gar nicht untersucht worden ist, ist auch richtig. Aber von da bis zu der Theorie Trémaux’ ist ein kolossaler Sprung. Es ist jedenfalls ein Verdienst, diese bisher vernachlässigte Seite hervorgehoben zu haben, und wie gesagt, die Hypothese von dem entwicklung-fördernden Einfluß des Bodens im Verhältnis je nachdem er geologisch älter oder neuer ist, mag innerhalb gewisser Grenzen richtig sein (oder auch nicht), aber alle weiteren Schlüsse, die er zieht, halte ich für entweder total unrichtig oder heillos einseitig übertrieben.

Das Buch von Moilin3 hat mich namentlich wegen der von den Franzosen durch Vivisektion erlangten Resultate sehr interessiert; es ist der einzige Weg, die Funktionen bestimmter Nerven und die Wirkungen ihrer Störung festzustellen; die Kerle scheinen die Tierquälerei bis zu einem hohen Grad der Vervollkommnung gebracht zu haben, und ich kann mir die heuchlerische Wut der Engländer gegen Vivisektion sehr gut erklären, diese Experimente kamen den schlafmützigen Herren hier gewiß oft sehr unangenehm und warfen ihre Spekulationen um. Was sonst Neues in der Theorie der Entzündungen ist, kann ich nicht beurteilen (ich will Gumpert das Buch geben), doch scheint diese ganze neue französische Schule einen gewissen burschikosen Charakter zu haben, gern viel zu behaupten und es mit dem Beweisen leichter zu nehmen. Was die Medikamente betrifft, so ist nichts darin, was nicht jeder vernünftige deutsche Arzt auch weiß und annimmt; M[oilin] vergißt bloß, daß man 1. oft genötigt ist, das kleinere Übel, die Medizin, zu wählen, um das größere zu entfernen, nämlich ein Symptom, das durch sich selbst eine direkte Gefahr erzeugt, ebensogut wie man chirurgisch auch Gewebe zerstört, wo es nicht anders angeht, und 2., daß man sich eben an die Medikamente halten muß, solange man nichts Besseres hat. Sobald M[oilin] mit seiner Elektrizität die Syphilis kurieren kann, wird das Quecksilber bald verschwinden, bis dahin aber schwerlich. Übrigens soll mir kein Mensch mehr davon sprechen, daß die Deutschen das „Konstruieren“ von Systemen allein könnten, the french beat them hollow at that4.

Beste Grüße.

Dein
F. E.