[London] 27. Juli1 1866
Lieber Fred,
Besten Dank für die £ 10. Sie kamen grade noch zur rechten Zeit.
Dem Stumpf schrieb ich nicht, eben weil er „Verhaltungs“maßregeln wollte, und meine Ansicht war, daß der am besten tue, sich gar nicht zu „verhalten“, bevor die Ereignisse entschieden. Es war dies eine Ansicht, die ich ihm rather2 nicht schriftlich zu geben für gut hielt. Nun ist Mainz, soviel ich weiß, immer noch zerniert, also wohl auch die Postverbindung unterbrochen. Hast Du an St[umpf] geschrieben?
Die Frankfurter Komödie gewährt einige Entschädigung für den Duft der Sieger. Au wai! geschrien, 25 Millionen! Und der Herr Bürgermeister3 erhängt sich! Und die Preußen erklären ihrerseits offiziell, daß Frankfurt blechen muß, weil seine Zeitungen Seine Maj. Wilhelm den Eroberer „beleidigt“ haben. Stieber wird, da sein Regierungsposten in Brünn nur interimistisch, am Ende noch Bürgermeister von den Frankfurter am Mainern, die übrigens mir immer unerträgliche Kanaille waren. Und Edgar Bauer wird ihnen als Oberzensor oktroyiert. Was aber die Eschenheimer Gaß angeht, so würde Geheimrat Duncker – doch der regiert ja in Kassel.
Ich bin ganz Deiner Ansicht, daß man den Dreck nehmen muß, wie er ist. Doch ist es angenehm, während dieser jungen Zeit der ersten Liebe in der Ferne zu sein. Die Anmaßung der Preußen, die Narrheit des schönen Wilhelms4, der glaubt, daß sich seit dem Siegestraum nichts geändert hat, außer daß er großmächtig geworden usw., werden schon wirken. Die Östreicher stehn jetzt da, wo die Prager Slawenfanatiker sie 1848 wollten. Indes ist einstweilen ihr Verlust Venedigs, ihre notgedrungene Konzentration der Kraft, den Russen keineswegs günstig. Als selbst panslawistisches Reich werden sie den Moskowitern um so antagonistischer. Bei der außerordentlichen Verkommenheit der Habsburger steht zwar zu fürchten, daß sie sich by und by5 von den Russen verleiten lassen zu gemeinschaftlichem Angriff auf die Türkei.
Für die Arbeiter ist natürlich alles günstig, was die Bourgeoisie zentralisiert. Jedenfalls ist der Friede, wenn auch morgen geschlossen, noch provisorischer, als der von Villafranca und Zürich war. Sobald von den verschiednen Seiten die „Waffenreform“ vorgenommen, geht’s wieder ans „Haun“, wie der Schapper sagt. Jedenfalls hat auch Bonaparte eine Schlappe erhalten, obgleich die Bildung militärischer Königreiche rechts und links in den plonplonistischen Plan „de la démocratie générale“6 paßt.
Hier hat die Regierung es beinahe zu einer Emeute gebracht. Der Engländer bedarf natürlich erst der revolutionären Erziehung, wozu zwei Wochen genügen würden, wenn Sir Richard Mayne absolut zu befehlen hätte. In der Tat hing es an einem Punkt. Wurden die railings7 – und es war drauf und dran – zur Attacke und Defensive gegen die Polizei benutzt und einige 20 Stück der letzten totgeschlagen, so mußte Militär „einschreiten“, nicht nur paradieren. Und dann wäre es lustig geworden. So viel ist sicher, daß diese steifköpfigen John Bulls, deren Hirnschädel für die bludgeons8 der Konstabler eigends fabriziert scheinen, ohne wirklich blutiges Zusammentreffen mit den Herrschenden zu nichts kommen werden.
Die Rührszene zwischen dem alten Esel Beales und dem ebenso großen Eselalten Walpole, dann dazwischen der dünnstimmige, intrusive9, wichtigtuende und aus „Wahrheitsliebe“ stets seinen Weg in die „Times“ findende Holyoake, – nichts als Friede und Liederlichkeit. Dazwischen, während dies Gesindel sich bekomplimentiert und beseuchbeitelt10, verknurrt Hund Knox, der Polizeimagistrate von Marylebone, in einer summarischen Manier, die zeigt, was geschähe, wenn London Jamaika wäre.
Disraeli hat sich sehr lächerlich gemacht, erstens durch die elegische Äußerung im Unterhaus, „er wisse nicht, ob er noch ein Haus habe“, und dann durch die starke militärische Besetzung desselbigen Hauses, obgleich drittens der Mob (durch die Leute von der Reformleague11 vorher instruiert) absichtlich das Haus des Herrn „Vivian Grey“ untouched12 ließ. Nicht ein Haar wurde diesem Haus ausgezogen. Dafür hatten die Fensterscheiben Elchos [um] so mehr zu büßen. Ich hatte an Cremer und andre managers den hint13 fallenlassen, ob es nicht passend, dem „Times“ Newspaper einen Besuch abzustatten? Da der hint nicht gleich „verstanden“ wurde oder werden wollte, kam ich nicht darauf zurück.
Die Cholera hat uns (ich meine den Londonern) ihre Aufwartung alles Ernstes gemacht, und der Bericht des Dr. Hunter, im letzte Woche erschienenen VIII. Report des Health Board14 über das „Housing der Poor“15, soll der Madame Cholera wohl als Directory16 dienen, wo sie vorzugsweise Besuch abzustatten.
My best compliments to Mrs. Lizzy.
Dein
K.M.